Eine Reform soll die betriebliche Altersvorsorge attraktiver machen. Doch ein Branchenkenner warnt: So verpufft die Chance auf eine echte zweite Rentensäule. Teure Strukturen, bürokratische Hürden und renditeschwache Verträge – die betriebliche Altersvorsorge (bAV) steckt in einem System fest, das aus den 90er-Jahren stammt und bis heute vor allem der Versicherungswirtschaft nutzt, sagt Marc Karkossa. Er ist Mitgründer und CEO von Dyno, einer digitalen Verwaltungsplattform für die betriebliche Altersvorsorge. Für Karkossa ist der geplante Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Reform der bAV ein "optisches Feigenblatt auf ein kaputtes System". Zwar enthalte er sinnvolle Ansätze, doch zentrale Probleme blieben unangetastet. Millionen Beschäftigte, so warnt er, würden dadurch um ihre Erträge gebracht. Im Interview mit t-online erklärt Karkossa, warum Deutschland im internationalen Vergleich bei der kapitalgedeckten Vorsorge zurückliegt, welche Reformschritte sofort Wirkung entfalten könnten – und weshalb ausgerechnet ein einziger Hebel den gesamten Markt verändern würde. t-online: Zu viele Rentner, immer weniger Beitragszahler – die gesetzliche Rente in Deutschland steht vor einem großen Problem. Sehen Sie in der aktuellen Rentenpolitik der Bundesregierung eine echte Bereitschaft zu Reformen? Marc Karkossa: Wir sehen aktuell eher symbolische Schritte als echte Reformbereitschaft. Viele Vorschläge kratzen nur an der Oberfläche oder zementieren bestehende Strukturen – insbesondere in der betrieblichen Altersvorsorge. Dabei ist längst klar: Das System braucht keine kosmetischen Korrekturen, sondern ein radikales Update. Deutschland hinkt im internationalen Vergleich bei der kapitalgedeckten Vorsorge massiv hinterher – auch weil man sich politisch zu lange nicht getraut hat, es mit der Versicherungswirtschaft aufzunehmen. Sie sagen, der aktuelle Reformvorschlag zur bAV greife zu kurz. Was genau ist aus Ihrer Sicht das Ziel von Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas? Das erklärte Ziel ist, mehr Menschen Zugang zur bAV zu verschaffen und gleichzeitig die Arbeitgeber zu entlasten. Ein Ziel, das wir teilen. Aber der Entwurf liefert keine Lösungen, die dieses Ziel wirklich erreichen. Die bestehenden Probleme – hohe Kosten, Intransparenz, mangelnde Flexibilität – werden kaum adressiert. Stattdessen wird ein optisches Feigenblatt auf ein kaputtes System geklebt. Wenn man Menschen wirklich zur Vorsorge bewegen will, braucht es moderne Produkte mit hoher Nettorendite, echte Wahlfreiheit und endlich eine digitale Infrastruktur. Welche konkreten Impulse im Gesetzentwurf halten Sie für sinnvoll oder notwendig? Die Einführung von Opting-out-Modellen ist ein echter Fortschritt – wenn sie klug umgesetzt werden. Menschen entscheiden sich häufig nicht aktiv gegen Vorsorge, sondern sie schieben das Thema auf. Wenn der Standard stattdessen ist: "Du sparst für später, außer du willst aktiv widersprechen", erreichen wir deutlich mehr Menschen. Aber: Dieses Instrument darf nicht missbraucht werden, um sie in teure, provisionsbelastete Verträge zu drängen. Opting-out muss Hand in Hand mit Kostentransparenz und Produktqualität gehen. Sie sprechen von mangelnder Kosteneffizienz: Wo sehen Sie konkret versteckte oder vermeidbare Kosten, die die Rentabilität der bAV aushebeln? Die größten Renditekiller sind die Abschluss- und Vertriebskosten für Vermittler sowie die hohen Verwaltungskosten, die von Versicherern systematisch in die Produkte eingepreist werden. Diese Kosten sind oft nicht transparent und fressen über Jahre hinweg die Erträge auf. Dabei geht es nicht um Kleinigkeiten – bei vielen klassischen Verträgen wird real mehr Geld verbrannt als aufgebaut. In der Praxis sehen wir regelmäßig Fälle, in denen Beschäftigte über Jahre eingezahlt haben und trotzdem weniger Kapital im Vertrag steht, als sie eingezahlt haben. Das ist eine negative Rendite , noch bevor man Inflation oder Steuern berücksichtigt. Ein zentraler Punkt Ihrer Kritik ist die fehlende "Kapitalfreiheit". Was genau verstehen Sie darunter? Und warum ist sie für eine funktionierende bAV entscheidend? Kapitalfreiheit bedeutet, dass Arbeitnehmer ihr angespartes Kapital flexibel und ohne Hürden in bessere, kosteneffizientere Verträge übertragen können – auch während eines laufenden Arbeitsverhältnisses. Heute ist das so gut wie unmöglich. Statt echter Wahlfreiheit sind viele Beschäftigte auf Jahre an teure, renditeschwache Verträge gefesselt. Viele bAV-Sparer kennen die Probleme. Warum können sie trotzdem oft nichts dagegen tun? Viele Beschäftigte schauen auf ihre jährliche Standmitteilung und stellen ernüchtert fest: Da kommt weniger raus, als sie eingezahlt haben. Das Gefühl, mit der bAV eher Geld zu verlieren, ist weit verbreitet – und leider oft berechtigt. Das liegt vor allem an einem System, das aus den 90er Jahren stammt und seither nur punktuell angepasst wurde, meist zugunsten der Versicherungsindustrie. Welche Erfahrungen machen Sie in der Praxis, die die aktuellen Schwächen der bAV besonders deutlich zeigen? Wir sehen auf unserer bAV-Plattform Dyno regelmäßig Nutzer, die vier oder fünf verschiedene bAV-Verträge mit sich herumschleppen – alle beitragsfrei, alle teuer, alle ineffizient. Wie soll man so ordentlich Altersvorsorge betreiben? Kapital wird zersplittert, die Übersicht geht verloren, und von echter Rentenwirkung kann keine Rede sein. Was steht einer renditestarken bAV in der Praxis am meisten im Weg? Es gäbe heute schon viele Möglichkeiten, die bAV flexibler und renditestärker zu gestalten. In der Praxis scheitert das aber oft am Provisionsmodell der Vermittler. Beispiel: Bei einem Arbeitgeberwechsel könnten Beschäftigte ihr angespartes Kapital auf einen neuen, besseren bAV-Vertrag übertragen. Doch stattdessen wird ihnen im neuen Unternehmen häufig einfach der nächste teure Vertrag verkauft – weil nur so Provision fließt. Viele Arbeitnehmer haben überhaupt keine Chance, betrieblich vorzusorgen, weil sie in kleinen Betrieben arbeiten. Für kleine Betriebe ist die bAV ein bürokratischer Albtraum – mit Papierformularen, unterschiedlichen Durchführungswegen und unverständlichen Regelungen. Es braucht eine digitale Plattform, die alle Prozesse transparent macht und das Sparen in bAV demokratisiert. Welche Kapitalanlageformen wären aus Ihrer Sicht notwendig, um die Rendite zu steigern, ohne die Sicherheit zu gefährden? Wir brauchen einen klaren Fokus auf kostengünstige ETFs oder hochwertige, aktiv gemanagte Fonds – also das, was im privaten Bereich längst Standard ist. Wichtig ist: Langfristige Kapitalmärkte bieten die besten Chancen, auch für sicherheitsorientierte Sparer. Das Risiko kann über lange Laufzeiten durch breite Streuung stark reduziert werden. Garantien hingegen sind teuer und senken die Rendite – oft auf unterhalb der Inflationsrate . Es braucht ein Umdenken: Sicherheit entsteht durch Transparenz, nicht durch Schein-Garantien. Ein großer Fortschritt ist bereits das Sozialpartnermodell, das darauf ausgelegt ist, die Gelder am Kapitalmarkt anzulegen – ohne Garantien. Im Gesetzentwurf soll das Modell nicht mehr nur tarifgebundenen Unternehmen vorbehalten sein. Das klingt doch fortschrittlich, oder nicht? Die bisherige Fokussierung auf tarifgebundene Unternehmen ist aus unserer Sicht eine massive Fehlsteuerung. Die Mehrheit der kleinen und mittleren Betriebe in Deutschland ist nicht tarifgebunden – und genau dort braucht es einfache, gute Lösungen. Wenn man das Sozialpartnermodell wirklich groß machen will, wie die Arbeitsministerin es plant, muss man es für alle öffnen. Arbeitsministerin Bärbel Bas plant Reform: Das soll sich bei der Betriebsrente ändern System im Umbruch: Diese Ideen sollen die Rente retten Ich befürchte jedoch, dass viele Gewerkschaften das skeptisch sehen, weil sie keine "kostenlose Trittbrettfahrer"-Lösung wollen, bei der Nichttarifgebundene von den gleichen Vorteilen profitieren, ohne selbst Tarifverträge für ihre Mitarbeiter zu schließen. Eine gerechte Lösung wäre aber: ein staatlich zertifiziertes Modell mit klaren Kostenregeln, ETF-basiert, opt-out-fähig – und zugänglich für jedes Unternehmen, egal ob tarifgebunden oder nicht. Sie fordern mehr technologische Lösungen. Was wäre aus Ihrer Sicht ein zukunftsweisender digitaler Ansatz für eine praxistaugliche bAV? Arbeitnehmer brauchen – ähnlich wie die digitale Rentenübersicht – eine zentrale Plattform, auf der sie jederzeit Zugriff auf ihre Verträge, Beiträge, Rentenprognosen und steuerlichen Vorteile haben, und das völlig unabhängig von einem Arbeitgeberwechsel oder Versicherern. Unsere Plattform Dyno bietet bAV-Sparern auch an, ihre Verträge aktiv zu managen, also Beiträge zu ändern, Anlagen zu wechseln oder Verträge zu optimieren. Auch der Verwaltungsaufwand aufseiten der Versicherer kann automatisiert werden, was zusätzliche Kosten überflüssig macht. Ein zukunftsweisender Ansatz besteht deshalb aus drei Komponenten. Erstens: vollständige, digitale Abwicklung aller bAV-Prozesse, von der Aktivierung über die Verwaltung bis zur Auszahlung. Zweitens: eine klare Benutzeroberfläche, die komplexe Zusammenhänge einfach erklärt. Und drittens: ein für alle Versicherer verpflichtendes, standardisiertes Datenformat, durch welches Vertragsdaten wie eingezahlte Beiträge, aktuelle Guthaben und die Vermögensaufteilung verarbeitet und für jeden Sparer verständlich dargestellt werden. Wenn Sie einen einzigen konkreten Reformvorschlag durchsetzen könnten – welcher wäre das und warum? Kapitalübertragbarkeit. Wer heute in einem schlechten bAV-Vertrag steckt, hat kaum eine Chance, herauszukommen. Wenn wir Menschen erlauben, ihr Geld flexibel und einfach in bessere Produkte zu überführen, entsteht echter Wettbewerb und ein Anreiz, bessere Produkte zu schaffen – zum Vorteil der Arbeitnehmer, nicht der Vermittler. Dann haben die guten Anbieter eine Chance und die schlechten verschwinden vom Markt. Das wäre der wichtigste Hebel. Herr Karkossa, wir danken Ihnen für das Gespräch.