Statt souverän durch die WM-Qualifikation zu marschieren, strauchelt die deutsche Mannschaft zum Start. Für die ausstehenden vier Partien braucht es Verbesserungen. Aus Köln berichten William Laing und Benjamin Zurmühl Zwei Spiele, ein Sieg, eine Niederlage. Der deutsche Start in die WM-Qualifikation war holprig. Noch hat die DFB-Auswahl alles selbst in der Hand, kann mit vier Siegen aus den ausstehenden vier Spielen noch den ersten Platz in der Gruppe A erobern und damit die direkte Qualifikation schaffen. Doch dafür muss die Nationalelf ein anderes Gesicht zeigen, als sie es über weite Strecken gegen die Slowakei und Nordirland gezeigt hat. Bundestrainer Julian Nagelsmann resümierte: "Dieser Lehrgang war zu 50 Prozent zufriedenstellend, der nächste sollte zu 100 Prozent zufriedenstellend sein. Wir versuchen, die vier Spiele zu gewinnen, um auf uns zu schauen. " "Habe mehr erwartet" : Matthäus kritisiert Nationalspieler Frühe Zwangspause : DFB-Star fehlt im nächsten Spiel gesperrt Damit das auch gelingt, müssen Nagelsmann und seine Mannschaft ein paar Erkenntnisse aus den September-Länderspielen in die Tat umsetzen. Mehr Emotionen, bitte! Individuell gesehen ist die deutsche Mannschaft in der Gruppe A den anderen Teams überlegen. Davon war in den ersten zwei Spielen aber nur wenig zu sehen. Gegen die Slowakei war die DFB-Auswahl offensiv harmlos und defensiv anfällig, die 0:2-Niederlage in Bratislava das verdiente Ergebnis. Gegen Nordirland überzeugte Deutschland nur in der Anfangsviertelstunde und ab der 60. Minute. Dazwischen? Viel Leerlauf, viel Hin- und Hergeschiebe. Schon nach dem Slowakei-Debakel forderte Julian Nagelsmann in einer Brandrede mehr Leidenschaft von seinem Team. "Wenn wir bei ganz einfachen Dingen wie der Emotionalität beginnen, dann war der Gegner uns meilenweit von der ersten bis zur letzten Minute überlegen. Das ist Fakt", stellte er klar und betonte: "Wenn wir das mit der Emotionalität nicht hinkriegen, dann können wir das Buch zumachen. Qualität spielt keine Rolle." Genau diese Emotionen zeigte Deutschland gerade nach den Einwechslungen von Maximilian Beier und Nadiem Amiri gegen Nordirland. Dann präsentierte sich Nagelsmanns Elf dominant, schnürte den Gegner ein und spielte sich eine Chance nach der anderen heraus. Wenn Deutschland sich für die WM qualifizieren will, braucht es dieses Feuer über mehr als nur 30 Minuten. Sonst wartet ein Gewitter auf die Nationalelf. Wer spielt neben Kimmich? Als rechter Verteidiger war Joshua Kimmich in den vergangenen Monaten eine große Hilfe. Doch der Bundestrainer will die Stärken seines Kapitäns im Zentrum nutzen. Die Frage ist aber, wer neben Kimmich spielen darf. Gegen die Slowakei begann Angelo Stiller , gegen Nordirland Pascal Groß. Im Laufe beider Spiele rückte Leon Goretzka an Kimmichs Seite. Nagelsmann selbst sieht in der Rotation kein Problem. "In meiner Denkweise kannst du einfach nicht gegen jeden Gegner dasselbe Personal auf dem Platz haben. Die Formel 1 fährt auch nicht immer mit denselben Reifen, weil es einfach keinen Sinn macht, mit Slicks zu fahren, wenn es regnet", sagte er auf der Pressekonferenz nach dem Nordirland-Spiel. "Es macht keinen Sinn, einen kleinen Sechser zu haben, wenn der Gegner nur auf die zweiten Bälle geht. Oder es macht keinen Sinn, einen Abräumer zu haben, wenn du 90 Prozent Ballbesitz erwartest", erklärte Nagelsmann. Im Hinblick auf die WM braucht es aber etwas mehr Routine, mehr Automatismen. Die Mannschaft wirkt noch zu oft uneingespielt, leistet sich unnötige Fehlpässe aufgrund von fehlender Abstimmung. Gerade im Mittelfeldzentrum braucht es die. Auch wenn Nagelsmann die Spannung hochhalten und daher noch kein Duo festlegen will, sollte es zumindest weniger Experimente geben, um dem Gegner weniger Chancen auf Konter zu bieten. Denn die waren gerade gegen die Slowakei gefährlich. Es braucht die Tiefe Zu den Lichtblicken gegen Nordirland zählten Jamie Leweling und Maximilian Beier. Warum? Weil sie immer wieder dynamische Läufe in die Tiefe anboten. Leweling trieb gerade im zweiten Durchgang immer wieder den Ball über die rechte Seite in Richtung des gegnerischen Strafraums. Beier riss mit seinen Sprints Lücken in die sonst so massive nordirische Abwehr. Genau das fehlte Deutschland gegen die Slowakei. Zu oft war die Zone vor dem slowakischen Strafraum die Endstation und führte zu einem Querpass nach dem anderen auf der Suche nach der Lücke, bis der Ball weg war. Normalerweise bietet Kai Havertz eben jene Läufe in die Tiefe an, doch der fehlt aktuell verletzt. Auch Leroy Sané hat mit seinem Tempo das Potenzial dazu, doch der muss laut Bundestrainer Nagelsmann überdurchschnittliche Leistungen in der Türkei zeigen, um sich seinen Platz in der DFB-Auswahl zurückzuerobern. Es sind also Spieler wie Leweling, Beier oder auch der Dortmunder Karim Adeyemi gefordert, die sich mit ihrem Tempo und ihren Stärken einbringen müssen, um die defensiven Abwehrriegel der deutschen Gegner in der WM-Qualifikation zu knacken. Gerade, wenn ein klassischer Stoßstürmer wie Niclas Füllkrug oder Tim Kleindienst fehlt, der mit Flanken zu erreichen ist. Gnabry glänzt in seiner Bayern-Rolle Auf Serge Gnabry setzte der Bundestrainer sowohl gegen die Slowakei als auch gegen Nordirland. Während er in Bratislava auf dem rechten Flügel starten durfte, gab Nagelsmann dem 30-Jährigen in Köln die Chance im Zentrum hinter Sturmspitze Nick Woltemade . Der Effekt, den Gnabry auf das Angriffsspiel der deutschen Elf in beiden Spielen hatte, hätte unterschiedlicher nicht sein können. Gegen die Slowakei blieb Gnabry über die gesamte Spielzeit komplett blass, konnte in der Offensive überhaupt keine Akzente setzen. Einmal mehr zeigte sich, dass die Fähigkeiten des Bayern-Profis, ein Spiel kreativ zu beeinflussen und parallel als permanenter Unruheherd in der gegnerischen Defensive zu agieren, auf der Außenbahn verschenkt sind und er im Zentrum deshalb besser aufgehoben ist. Diese Erkenntnis hätte Nagelsmann dabei schon deutlich früher kommen können. Denn: Im Verein legte Gnabry einen perfekten Saisonstart hin, sammelte in zwei Ligaspielen drei Scorerpunkte – und das in der Rolle als Zehner in Vertretung des verletzten Jamal Musiala . So war es auch kein Wunder, dass der gebürtige Stuttgarter in dieser Rolle gegen Nordirland insbesondere in der Anfangsphase der Partie zu glänzen wusste. Gnabry war der größte Aktivposten im deutschen Team und beendete nach zweieinhalb Jahren seine Torflaute im DFB-Dress. Sollen weitere Treffer folgen, muss Nagelsmann ihn also weiter auf seiner Wohlfühlposition einsetzen und nicht auf den Flügel verbannen. Die England-Legionäre müssen sich steigern Bei den beiden jüngsten Länderspielen lag der Fokus bereits im Vorfeld vor allem auf zwei Spielern: Florian Wirtz und Nick Woltemade. Beide hatten in diesem Sommer ihre Bundesligavereine in Richtung Premier League verlassen – und das für horrende Ablösesummen. Wirtz war für bis zu 150 Millionen Euro von Bayer Leverkusen zum FC Liverpool transferiert worden, Woltemade für bis zu 90 Millionen Euro vom VfB Stuttgart zu Newcastle United. Die Wechsel nach England und der damit verbundene mediale Hype scheint die beiden Jungstars zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison aber noch zu überfordern. Anders sind die durchwachsenen Leistungen gegen die Slowakei und Nordirland kaum zu erklären. Woltemade hing – abgesehen von seiner frühen Vorlage für Serge Gnabry gegen Nordirland – in beiden Partien komplett in der Luft, hatte kaum Bindung zum Spiel. Der Stürmer wird sich als Zielspieler im Angriff tunlichst steigern müssen, will er von Nagelsmann weitere Chancen erhalten. Auch auf Vereinsebene sollte Woltemade schnellstmöglich Fuß fassen. Sonst könnte es sogar mit einem möglichen Kaderplatz für die WM in einem Jahr eng werden. Nicht ganz so ernst ist die Lage bei Wirtz, denn der Bundestrainer hob noch vor dem Slowakei-Spiel auf t-online-Nachfrage dessen Bedeutung für das DFB-Team hervor. "Er ist einer unserer wichtigsten Spieler, der darf gerne funktionieren, aber das wird er auch", war sich Nagelsmann sicher. Doch wie auch die restliche deutsche Mannschaft funktionierte Wirtz in Bratislava nur bedingt, fand kaum statt. Gegen Nordirland war der 22-Jährige lange glücklos. Dann schlenzte er aber einen Freistoß in Weltklasse-Manier in die Maschen. Diese Qualitäten muss er nun wieder häufiger auf den Platz bringen – im DFB-Team, aber auch in England, wo Wirtz bisher sein Potenzial nur andeutete. "Ich glaube, für ihn ist es wichtig, dass in Liverpool der Knoten platzt", sagte Nagelsmann am Sonntagabend. Vielleicht ja sogar schon am kommenden Wochenende beim FC Burnley. Fazit Auch wenn der Lehrgang laut Bundestrainer Nagelsmann nur zu 50 Prozent zufriedenstellend war, hat Deutschland die direkte WM-Qualifikation selbst in der Hand. Damit das gelingt, braucht es aber eine andere Einstellung, bessere Personalentscheidungen und eine bessere Form bei wichtigen Einzelspielern. Wenn die gegeben ist und einige aktuell verletzte Nationalspieler zurückkehren, stehen die deutschen Chancen gut. Julian Nagelsmann bleibt zumindest optimistisch. "Wir kriegen das schon hin", sagte er am Sonntag.