Der Nahe Osten ist erneut in Aufruhr, nachdem Israel Hamas-Funktionäre in Katar angegriffen hat. Droht nun die Eskalation? Ein Experte ordnet ein. Es war ein Angriff von einer neuen Dimension: Erstmals seit dem Ausbruch des Krieges gegen die Terrororganisation Hamas griff Israel am Dienstag auch bei einem US-Verbündeten an. Das hat Folgen für die Region, schließlich solidarisieren sich die anderen Golfstaaten mit dem angegriffenen Katar. Israel wird sich davon aber kaum abbringen lassen, weiter offensiv gegen die Hamas vorzugehen, erklärt der Nahostexperte Thomas Volk im t-online-Interview. Das könne in der Zukunft vermehrt auch in anderen Staaten passieren. Zudem erläutert er, ob es deshalb nun zu einer Eskalation in der Region kommt und wie sich die Rolle der USA geändert hat. t-online: Herr Volk, Israel hat Hamas-Funktionäre in Katar angegriffen, als Reaktion auf ein Attentat in Jerusalem , zu dem sich die Hamas bekannt hat. Allerdings ist Katar kein Kriegsakteur und nimmt eine Vermittlerrolle ein. Es wurde auch ein Angehöriger des katarischen Sicherheitspersonals getötet. War dieser Angriff für Katar vorhersehbar? Thomas Volk: Es ist ein überraschender und beachtlicher Angriff gewesen, insbesondere weil Israel sich im Anschluss unmittelbar dazu bekannt hat. Allerdings muss man beachten: Zwar war Katar seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 ein wichtiger Vermittler, um Verhandler von Israel und der Hamas zusammenzubringen. In Israel wurde Katar zuletzt aber immer kritischer gesehen – wegen einer zu starken Nähe zur Hamas. Kommentar zum Luftangriff in Katar: Ein schwarzer Tag für Israel Umstrittener Angriff in Katar: Israel wollte ihn töten – doch das misslang offenbar Reaktion auf israelischen Angriff: Trump ist "bestürzt" In der Golfregion wurde der israelische Angriff umgehend verurteilt und es gab Solidaritätsbekundungen mit Katar. Kommt es dort nun zur Eskalation? Zunächst gibt es vor allem Besuche und Konsultationen innerhalb des Golfkooperationsrates. Dabei werden sich die Staaten insbesondere rhetorisch stark gegen Israel positionieren. Man wird aber gewiss versuchen, eine militärische Eskalation oder womöglich eine direkte Gegenantwort Katars gegen Israel zu vermeiden. Vor allem die USA haben als ein Hauptakteur in der Region kein Interesse an einer Eskalation. Israel ist zwar militärisch die stärkste Macht im Nahen Osten. Aber wird das Risiko nicht zu groß, wenn sich die Regierung immer mehr Feinde in der Nachbarschaft macht? Die israelische Regierung hat nach dem Überfall der Hamas immer wieder betont, die Drahtzieher zur Rechenschaft zu ziehen. Das hat Netanjahu zuletzt gezeigt. Nach der militärischen Führung gerät nun die politische Führung mehr ins Ziel. Ein Abkommen ist bislang vor allem an der Hamas gescheitert. Also versucht die israelische Regierung nun, die Abschreckungskraft in der Region wiederherzustellen und zu vermitteln, dass alle Feinde Israels mit Konsequenzen rechnen müssen – egal, wo sie sind. Aber mit diesem Vorgehen kommen die Geiseln doch niemals frei. Diese Sorge gibt es auch im israelischen Volk. Die Angehörigen haben sich am Dienstag erschrocken zu Wort gemeldet. Sie sind sehr besorgt um das Leben der Geiseln. Denn es hat sich gezeigt, dass militärische Aktionen die Geiseln nicht befreien können, weil sich diese in Tunneln weit unter der Erde befinden. Die einzige Möglichkeit für eine Befreiung der Geiseln ist also ein Abkommen. Wie wahrscheinlich ist denn ein Abkommen noch? Schließlich war das Ziel von Israels Angriff das Verhandlungsteam. Der Angriff hat ein solches Abkommen sehr stark verkompliziert. Denn einerseits könnte sich Katar nun womöglich als Vermittler zurückziehen. Andererseits wird die Gesprächsbereitschaft der Hamas sinken, insbesondere, wenn der Verhandlungsführer Chalil al-Haja überlebt hat. Das alles ist für die Zukunft der Geiseln ein schlechtes Signal und lässt nichts Gutes erahnen. Auch für US-Präsident Donald Trump ist der Angriff ein Rückschlag, wollte er doch unbedingt ein Abkommen erreichen. Allerdings war er offenbar nicht in die israelischen Planungen eingeweiht. Zudem wurde mit Katar ein Land angegriffen, zu dem Trump außerordentlich gute Beziehungen pflegt. Was bedeutet der Vorfall für Trump? Trumps Sprecherin Karoline Leavitt hat zwar betont, der Angriff helfe den USA nicht, aber gleichzeitig auch relativiert, die Eliminierung der Hamas sei aber ein würdiges Ziel. Das Ganze ist eine delikate Angelegenheit, auch für die USA im Allgemeinen. Man braucht die Golfmonarchien, insbesondere im Hinblick auf die Anti-Iran-Politik. Da spielen sie eine ganz wichtige Rolle. Vor allem Katar ist ein wichtiger sicherheitspolitischer Partner. Und gleichzeitig sollte kein Zweifel daran bestehen, dass man der wichtigste Verbündete Israels bleibt. Bleibt das denn auch so? Da ist keine Veränderung zu erwarten. Vielmehr werden die Golfstaaten registrieren, dass der Einfluss der USA doch nicht ausreicht, den engsten Verbündeten von militärischen Angriffen abzuhalten. Man wird sich womöglich weniger auf den US-Schutz verlassen und selbst militärisch stärker aufrüsten, um gegen externe Aggression vorzugehen. Nun ist Katar nicht das einzige Land, in dem sich Hamas-Führer aufhalten. Auch die die Türkei gilt als sicherer Hafen. Ist anzunehmen, dass Israel nun auch weitere Länder angreift – sogar Nato-Mitglieder? Zahlreiche israelische Regierungsvertreter haben wiederholt betont, die Akteure des Terroranschlags der Hamas ausschalten zu wollen. Das gilt für den militärischen Arm im Gazastreifen , aber auch für den politischen Teil. Laut dieser Logik kann es Israel nicht zulassen, dass die politische Führung der Hamas weiter agiert, wo auch immer. Das heißt, Angriffe auf Hamas-Persönlichkeiten an anderen Orten auf der ganzen Welt sind möglich. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass solche Operationen gezielter und verdeckter passieren. Es kann gut sein, dass Israel das aber nicht kommuniziert und öffentlich nicht die Verantwortung übernimmt. Herr Volk, vielen Dank für das Gespräch!