Die DDR wollte das "bessere" Deutschland sein, die Zügel hielt stets Moskau in der Hand. Historiker Stefan Creuzberger erklärt, wie die Sowjetunion die DDR kontrollierte – und sich heute der Kreml eine falsche Erinnerung zunutze macht. Die DDR existiert seit 35 Jahren nicht mehr, doch sie führt ein Nachleben: Die Erinnerung an die SED-Diktatur wird von manchen verklärt, instrumentalisiert und manipuliert, ebenso die Rolle der sowjetischen Besatzungsmacht in Ostdeutschland. Derartige Legenden nutzt auch der Kreml in seiner hybriden Kriegsführung gegen Deutschland. Was war die DDR für die kommunistischen Machthaber in Moskau ? Wie abhängig war die SED-Diktatur von der Sowjetunion? Und wie profitiert das heutige Kreml-Regime vom falschen Bild der DDR-Geschichte? Diese Fragen beantwortet der Historiker Stefan Creuzberger im Interview. t-online: Professor Creuzberger, die DDR existierte rund 40 Jahre, in dieser Zeit hing ihr Wohl und Wehe ganz von Moskau ab. Wie prägte dies Staat und Gesellschaft in Ostdeutschland? Stefan Creuzberger: Die DDR war eine stalinistische Gründung, diese Tatsache dürfen wir nicht vergessen. Was in der sowjetischen Besatzungszone 1945 begann und sich dann in der DDR seit 1949 zunächst fortsetzte, war ein gigantisches politisches und gesellschaftliches Umformungsprojekt, Ostdeutschland wurde zumindest im ersten Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges rücksichtslos stalinisiert. Das gesamte Besatzungsregime war unter den Bedingungen des Kalten Krieges auf die Sowjetisierung des Landes ausgerichtet, es wurden im politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Bereich Weichenstellungen zur Erreichung dieses Ziels vorgenommen. Der Ansatz war ein totaler. Der auch Gewalt beinhaltete? Terror und Gewalt kamen dabei zum Einsatz, ja. Politische Opposition wurde zusehends im Keim erstickt, sogenannte sowjetische Militärtribunale (SMT) hatten das Recht, Todesstrafen zu verhängen. Noch in den frühen 1950er-Jahren gab es derartige Urteile gegen politisch Andersdenkende. Erinnert sei etwa an das Schicksal von Arno Esch. Dem 21-jährigen Rostocker Jurastudenten, ein Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands, wurde sein entschiedenes Eintreten für die Werte der liberalen Demokratie zum Verhängnis. Was ist mit ihm passiert? Die Sowjets bezichtigten Esch der angeblichen Spionage und der antisowjetischen Propaganda. Aufgrund eines SMT-Urteils wurde er daraufhin nach Moskau verschleppt und dort im berüchtigten Butyrka-Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes am 24. Juli 1951 kurz vor Mitternacht erschossen. Aber auch die Stasi und die DDR-Justiz verfolgten im Weiteren missliebige Personen ihrerseits konsequent, die Führung der SED mit Walter Ulbricht an der Spitze bestand ja ebenfalls aus eingefleischten Stalinisten. Sie hatten den Großen Terror der 1930er-Jahre im sowjetischen Exil überlebt, was sie fortan zu Stalins willigen Vollstreckern machte. Was hatte der sowjetische Diktator Josef Stalin mit der sowjetischen Besatzungszone, die dann als DDR zum zweiten deutschen Staat werden sollte, überhaupt vor? Stalin hat immer gesamtdeutsch gedacht. Dass es am Ende zur deutschen Teilung kommen würde, war überhaupt nicht in seinem Interesse. Am liebsten hätte er ganz Deutschland kontrolliert; und das nicht nur aus macht- und sicherheitspolitischen Erwägungen heraus. Deutschland war die Heimat der sozialistischen Vordenker Karl Marx und Friedrich Engels, es verfügte aufgrund seines hohen Grades an Industrialisierung auch über eine zahlenmäßig große Arbeiterschaft. Es war ein Land, das schon kurz nach der Oktoberrevolution im Jahre 1917, als die Bolschewiki noch weltrevolutionäre Hoffnungen hegten und unverhohlen auf Revolutionsexport zielten, aus Sicht der neuen politischen Machthaber in Moskau eine wichtige strategische Brückenfunktion für die Ausbreitung des Kommunismus besaß. Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 war also in gewisser Weise eine Niederlage für Stalin? Drücken wir es so aus: Stalin hatte es sich anders gewünscht. Gleichwohl blieb der gesamtdeutsche Ansatz bestehen, nun sollte eben die DDR, die zweite deutsche Diktatur stalinistischen Zuschnitts, als "besseres Deutschland" die Blaupause für den zu schaffenden Einheitsstaat bilden. In seinem Grußtelegramm am 13. Oktober 1949 ließ Stalin die Weltöffentlichkeit wissen, dass er die Gründung der DDR als "Wendepunkt in der Geschichte Europas" betrachtete. Für ihn war der ostdeutsche "Arbeiter-und-Bauern-Staat" mit seinen vermeintlichen Errungenschaften der "Grundstein für ein einheitliches und friedliebendes Deutschland". Doch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs hatte sich kurz zuvor die Bundesrepublik Deutschland als liberale Demokratie und Rechtsstaat konstituiert. Legitimiert durch freie Wahlen, leitete sie daraus zu Recht den Alleinvertretungsanspruch in deutschlandpolitischen Fragen ab. 1949 entstanden also zwei Provisorien in Form von Bundesrepublik und DDR, die diesen Zustand für Jahrzehnte fortschrieben. So ist es. Die DDR sollte, wie gesagt, der "Kern" eines vereinten Deutschlands sein, Moskau wollte selbstverständlich die Kontrolle darüber haben. Diese Option sollte bis 1989 – dann freilich unter anderen Vorzeichen – nicht eintreten, sodass die Sowjetunion ihre entsprechenden Schlüsse zog. Welche? Die DDR war hinsichtlich ihrer staatlichen Existenz völlig von der Sowjetunion abhängig, es gab Phasen, in denen Moskau sehr hart und harsch mit dem SED-Regime und der dortigen politischen Führung umsprang. Alles hing davon an, wer im Kreml das Sagen hatte. Bisweilen konnte der Umgang mit Ost-Berlin auch weniger bevormundend ausfallen, sofern es die Machthaber in der UdSSR für politisch opportun hielten, etwa zu Beginn der 1970er-Jahre, als die Zeichen auf Entspannung standen. Das konnte sich allerdings schnell wieder ändern? Die Zügel hielten die Sowjets immer fest in der Hand. Dessen ungeachtet waren die DDR ebenso wie die Sowjetunion keineswegs durchgängig stalinistische Gebilde. Josef Stalin starb 1953, nach ihm kam es unter Nikita Chruschtschow zum berühmten "Tauwetter" mit mancherlei Reformansätzen, die der Bevölkerung Erleichterungen und mehr Freiräume verschaffen sollten. Das Ganze war allerdings nicht von Dauer. Gleichwohl fielen die UdSSR und DDR nicht in den Stalinismus zurück. Die Diktaturen aber blieben bestehen. Die SED-Diktatur war gleichwohl auf Zustimmung und die Bereitschaft zum Mitmachen der Menschen in der DDR angewiesen. Wie wollte sie das sicherstellen, außer allein durch Repression? Richtig, es ging nicht nur um politische, ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen, es sollten möglichst breite Bevölkerungsschichten für den Umbau des Landes gewonnen und mobilisiert werden. Die DDR nahm, wie gesagt, für sich in Anspruch, das "bessere", das vermeintlich "antifaschistische" Deutschland zu sein, da war das selbstverständlich. Außerdem regiert es sich einfacher, wenn die eigenen Untertanen an das glauben, was die Staats- und Parteiführung praktiziert. Entsprechend waren die Parteien der DDR, es gab ja nicht nur die SED, schon 1945 durch die Sowjetische Militäradministration (SMAD) auf die Mitwirkung in einem antifaschistischen Block eingeschworen. Dies zu akzeptieren, war einerseits die unabdingbare Voraussetzung, um eine Lizenzierung zu erhalten. Und so blieb den übrigen Parteien nichts anderes übrig, als diesen Umstand zu akzeptieren. Dafür sorgte sicher auch die SED, die die Machtmittel kontrollierte? Schnell sollte die Praxis zeigen, wie skrupellos SMAD und KPD/SED den "Block" für die Zwecke der politischen Gleichschaltung des Parteiensystems instrumentalisierten. Andererseits bestand unter den Kräften, die sich für politischen Neuanfang in Deutschland engagierten, ein weitverbreiteter, parteiübergreifender Konsens, die immensen Herausforderungen und Probleme als Folge des katastrophalen Kriegsendes nur gemeinsam lösen zu können. Im bürgerlichen Lager, aber auch bei den Sozialdemokraten, glaubte man überdies, die deutschen Kommunisten hätten sich nach den Jahren der NS-Verfolgung und des politischen Exils gewandelt und würden nicht mehr die "Diktatur des Proletariats" anstreben. Die Bürger der DDR waren wiederum ihrerseits zum "Mitmachen" angehalten. Ja, was die Mobilisierung der DDR-Bürger betraf, setzte das SED-Regime wiederum vielfach auf Angebote zum Mitmachen. Das basierte aber nicht unbedingt auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Eine solche Funktion besaßen vor allem die Massenorganisationen, so etwa die DSF, die Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Nicht vergessen dürfen wir auch die recht große Zahl an Menschen, die nach den schmerzlichen Erfahrungen von Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit am Ende der Weimarer Republik und nach der totalen Niederlage der NS-Diktatur auf einen fortan gewandelten Sozialismus hofften. Da betrachtete sich wiederum die Sowjetunion als Gralshüterin der reinen Lehre? Die sowjetische Seite hat sich immens darum bemüht, die Deutschen für sich zu gewinnen. Das war insofern erschwert, als die Sowjets in den Augen vieler Deutscher als Eroberer gekommen waren. Plünderungen, Vergewaltigungen, auch Morde, derartige Verbrechen hatten Rotarmisten beim Vorstoß auf deutsches Gebiet in großer Zahl begangen. Da war der mentale Wechsel vom Feindbild Sowjetunion, gerade nach den Jahren der NS-Propaganda, auf den "großen Bruder" Sowjetunion durchaus kein leichter. Und in der Bundesrepublik stieß der staatliche Antikommunismus in weiten Bevölkerungskreisen auf große Zustimmung. Er avancierte dort seit den frühen 1950er-Jahren zu einem gängigen Instrument der psychologischen Kriegsführung gegen die stalinistische Bedrohung aus dem Osten und sollte sich damit als wichtige "Integrationsbrücke" in die westeuropäische Staatengemeinschaft erweisen. Westdeutschland erhielt ebenso relativ früh ein hohes Maß an Souveränität von den westlichen Alliierten eingeräumt und wurde integriert. Bei der DDR dürfte das anders ausgesehen haben? Die DDR war kein souveräner Staat, nicht wie die Bundesrepublik Deutschland, die besonders durch den sogenannten Deutschlandvertrag, der 1955 das alliierte Besatzungsstatut ablöste, wieder ein hohes Maß an Souveränität zurückerhielt. Die politische Praxis des Umgangs der Sowjetunion mit der DDR war eine andere: Sie hing nicht nur von den politischen Gegebenheiten in Moskau ab, sondern auch von den Beziehungen der beiden Supermächte Sowjetunion und USA zueinander. Inwiefern? Wenn Moskau gegenüber Washington zur Zeit des Kalten Kriegs Signale der Entspannung senden wollte, dann zeigte sich die Sowjetunion in ihrer Deutschlandpolitik konzilianter – und gewährte auch der DDR zeitweilig größere Handlungsspielräume. Das galt etwa 1972 für den deutsch-deutschen Grundlagenvertrag im Rahmen von Willy Brandts Neuer Ostpolitik. Doch das Ganze hatte klare Grenzen, um unkontrollierbaren Eigendynamiken vorzubeugen. Der Kreml verordnete Ost-Berlin deshalb "eine konsequente Linie der Abgrenzung zur BRD". Vorsicht sei geboten, um "Bonn keine Hintertüren für den Aufbau 'innerdeutscher Beziehungen' zu bieten", wie es KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew seinerzeit formulierte. Zugleich sollte die "Politik der DDR gegenüber der BRD vor allem zur Lösung der Hauptaufgabe beitragen, günstige äußere Bedingungen für den Aufbau des Sozialismus in der Republik zu schaffen". Wie weit reichte die Abhängigkeit des SED-Regimes von Moskau – und wie agierten DDR-Politiker in diesem Rahmen? Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 ist ein weiteres gutes Beispiel dafür. Da passierte etwas Unkontrolliertes, die SED-Oberen waren geschockt. Dabei handelte es sich um Leute wie Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck, die die stalinistischen Säuberungen in der Sowjetunion überlebt hatten und nun in der DDR unmittelbar vor Ort sowjetische Politik exekutieren sollten und wollten. Sie hatten die Sowjetisierungspolitik des Kremls noch potenziert, am 17. Juni 1953 ging das Volk – nicht allein die Arbeiter – dann im Protest dagegen auf die Straße. Und was tat die SED? Sie rief Moskau um Hilfe, sowjetische Panzer rollten den Aufstand nieder. Die SED hätte es allein niemals in den Griff bekommen. Walter Ulbricht hat diese existenzbedrohende Krise allerdings überstanden. Die sowjetische Armee hatte die Lage stabilisiert, Ulbricht fand sich als Garant für Stabilität und Sicherheit reinstalliert, ja. Ende der Sechzigerjahre wollte Moskau ihn allerdings loswerden, Leute wie Erich Honecker sahen zudem ihre Chance, politisch in höhere Führungsfunktionen zu kommen. Und an Ulbrichts Absetzung 1971 sehen wir, dass sich etwas geändert hatte. Ulbricht wurde aufs Altenteil verfrachtet, im Stalinismus wäre er noch "liquidiert" worden. Ulbricht war ein Stalinist alter Schule, passte er bei seiner Absetzung 1971 einfach nicht mehr in die Zeit? Genau so war es. Damals setzte eine Phase der Entspannung im Kalten Krieg ein, die Neue Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt von der SPD war an dieser Stelle sehr wichtig. Mit Ulbricht hätte das nicht funktioniert. Das war auch Moskau klar. Für die östliche Seite ging es in dieser Zeit in erster Linie darum, sich den territorialen Status quo nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Westen garantieren und damit im Idealfall auch die Existenz der DDR völkerrechtlich absichern zu lassen. Vom Gedanken eines Gesamtdeutschlands hatte man sich bereits mehr und mehr verabschiedet. Honecker zielte also auf die international möglichst breite völkerrechtliche Anerkennung der DDR und wurde dabei von Leonid Breschnew in Moskau nachhaltig unterstützt. Die DDR-Hymne "Auferstanden aus Ruinen" verhieß etwas anderes. "Deutschland, einig Vaterland", heißt es darin. Die SED löste das Problem im Handumdrehen: Die Melodie blieb, ja, der Text wurde nicht mehr gesungen. Am Verhältnis zwischen Honecker und Breschnew zeigt sich erneut das Machtgefälle: Als deutlich wurde, dass Honecker an die Spitze der DDR rücken würde, hatte ihm Breschnew schon 1970 unmissverständlich klargemacht, dass Moskau weiter den Ton vorgeben würde: "Erich, ich sage Dir offen, vergesse das nie: Die DDR kann ohne uns, ohne die SU, ihre Macht und Stärke, nicht existieren. Ohne uns gibt es keine DDR." 1979 war es mit der Entspannung im Kalten Krieg allerdings vorbei, als die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte. Was waren die Auswirkungen auf die DDR? Anfang der Achtzigerjahre verhängte das Regime in Polen zudem das Kriegsrecht angesichts des Erstarkens der freien Gewerkschaft Solidarność. Beide Konstellationen, Afghanistan und Polen, waren nicht im Sinne der beiden deutschen Staaten, die im Zuge der vorangegangenen Entspannungspolitik ihre Spielräume genutzt haben, um unter anderem die Lebensverhältnisse im deutsch-deutschen Verhältnis auch für die Bevölkerungen zu verbessern. Ein Mann wie Erich Honecker hat sich geschmeichelt und aufgewertet gefühlt, als er nach der Unterzeichnung des Grundlagenvertrags mit der Bundesrepublik 1972 Außen- und Deutschlandpolitik in einem bis dahin ungewohnten Ausmaß betreiben konnte. Honecker war alles andere als erfreut über die Entwicklungen, die nach den Jahren der Entspannung in einen zweiten Kalten Krieg führten. Ebenso wenig gefiel Honecker wohl der neue starke Mann in Moskau ab 1985: Michail Gorbatschow. Das gegenseitige Verhältnis galt als schwierig. Honecker glaubte, die DDR sei konsolidiert und stabil, ganz im Unterschied zur Sowjetunion. Er sah deshalb für seinen Staat keinerlei Reformbedarf, sondern vielmehr ein Vorbild für die erforderlichen Veränderungen innerhalb der UdSSR. Michail Gorbatschow gab ihm zeitweilig sogar das Gefühl, damit richtigzuliegen. Doch auf Dauer irrte sich Honecker aber gewaltig. Gleichwohl rieb er es Gorbatschow immer wieder unter die Nase. Er glaubte, Gorbatschow belehren zu können. Viel Zeit blieb ohnehin nicht: Im November 1989 fielen die Berliner Mauer und der Eiserne Vorhang. Gorbatschow traf diese Entwicklung mehr oder weniger unvorbereitet. Er verfügte über keinerlei Konzepte für die Eventualität, dass in der DDR etwas ins Rutschen kommen könnte. Honecker war ebenso völlig planlos. Es gab in der Sowjetunion – Regierung, Parteiapparat und auch der Wissenschaft – aber durchaus Leute, die hier differenzierter dachten: Außenminister Eduard Schewardnadse war so jemand. Zum Glück rollten am 9. November 1989 keine Panzer wie einst 1953. Und zu guter Letzt erkannte Gorbatschow, dass er mit seiner Zustimmung zur deutschen Einheit am Ende mehr erreichen konnte als mit dem Widerstand dagegen. Diese Einheit ist nunmehr 35 Jahre alt, die AfD versucht in Ostdeutschland immer wieder, dieses Ereignis zu kapern, mit Slogans wie "Die Einheit vollenden". Dazu kommt die ausgeprägte Russlandfreundlichkeit dieser Partei, die im Osten so stark ist. Gibt es historische Erklärungen dafür? 1989/90 war ein Großteil der DDR-Bürger froh, das SED-Regime losgeworden zu sein. Als 1994 die letzten russischen Soldaten der Westgruppe der Truppen (WGT) Ostdeutschland verließen, werden ihnen auch die wenigsten nachgetrauert haben. Mittlerweile blicken manche Kreise sehr undifferenziert auf den gegenwärtigen russischen Präsidenten und dessen aggressive neoimperiale Politik. Diese Leute haben vergessen, was es bedeutet, unter Moskaus Fuchtel zu stehen. Unter ihnen finden sich solche, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen zu den Verlierern der Einheit zählen, darunter auch alte DDR-Kader, die oft in der Sowjetunion studiert oder sich dort weitergebildet haben. Nicht zuletzt gibt es aber auch Menschen, die die liberale Demokratie grundsätzlich ablehnen. Dreieinhalb Jahrzehnte sind eine lange Zeit – ist vielleicht vergessen und verklärt worden, wie die DDR wirklich war? Das ist ein massives Problem in den ostdeutschen Bundesländern. Legendenbildung ist nach mehr als dreieinhalb Jahrzehnten keineswegs ungewöhnlich. Das sind normale menschliche Verhaltensweisen. Es gilt aber, mit einschlägigen politischen Bildungs- und Aufklärungsangeboten der Diktaturverharmlosung zu begegnen, ohne zugleich die Lebensleistungen einstiger DDR-Bürger in Abrede zu stellen. Derartige Maßnahmen sollten vor allem auf die jüngere Generation zielen, die das SED-Regime nicht mehr unmittelbar selbst erlebt hat. Ihr Bild davon wird aber oft durch Erzählungen im familiären Kreis oder etwa in den Schulen durch Lehrer, die durchaus noch DDR-sozialisiert waren, auf sehr verschiedene Weise geprägt. Das Krieg führende Russland schürt die Legenden um die DDR und deren "Freundschaft" mit Moskau. Wladimir Putin profitiert massiv davon. Er führt inzwischen einen hybriden Krieg auch gegen Deutschland. Sein Regime nutzt alles, um die deutsche Gesellschaft zu spalten. Angesichts von acht Landtagswahlen im nächsten Jahr, darunter in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern, ist davon auszugehen, dass Russland seine psychologische Kriegsführung verschärfen wird. Wollen wir eine wehrhafte Demokratie bleiben und weiterhin in Freiheit leben, dürfen wir eine solche Entwicklung nicht widerstandslos hinnehmen. Professor Creuzberger, vielen Dank für das Gespräch.