Viele der minderjährigen Geflüchteten haben Gewalt erlebt. Ein neuer Bericht zeigt, dass Deutschland damit nicht angemessen umgeht und die jungen Menschen oft zusätzlich traumatisiert. Wenn Menschen nach Monaten der Flucht in Deutschland ankommen, ziehen sie ihre Kraft meist aus der Vorstellung auf ein besseres Leben. Viele haben zuvor nicht nur in ihrer Heimat schwere Gewalt erfahren, sondern auch auf der Flucht. Insbesondere für Kinder sind diese Erfahrungen oft traumatisch. Doch der Traum vom sicheren Leben in Deutschland erfüllt sich oft nicht. Denn das deutsche Hilfesystem ist auf einen angemessenen Umgang mit solchen Gewalterfahrungen schlecht vorbereitet. Teilweise traumatisiert es die Kinder und Jugendlichen zusätzlich. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht der Kinderschutzorganisation Terre des Hommes, der t-online exklusiv vorliegt. Terre des Hommes hat dafür mit betroffenen Minderjährigen sowie mit Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen aus unterschiedlichen Projekten gesprochen. Sie schildern dabei ähnliche Probleme: Es gibt zu wenige Therapiemöglichkeiten, zu wenige Therapeuten, es mangelt an Ressourcen, Expertise wird oft nicht abgefragt oder eingebunden und viele Betroffene erleben alltäglichen Rassismus . Ursachen liegen nicht in Deutschland: Die wahren Gründe für den Rückgang der Asylanträge Dobrindts Abschiebepläne: "Das ist total abwegig" Viele Jugendliche mit traumatischen Erfahrungen Viel kommen dabei bereits traumatisiert an: Drei Viertel der geflüchteten Kinder und Jugendlichen haben demnach in ihrer Heimat oder auf der Flucht schwere körperliche Gewalt erlebt oder mussten mit ansehen, wie andere körperlich misshandelt wurden. Besonders groß ist die Gefahr für unbegleitete Kinder und Jugendliche: Diese werden auf der Flucht fast dreimal so häufig körperlich und mehr als doppelt so häufig sexuell misshandelt wie Kinder, die mit ihrer Familie geflohen sind. Traumatische Erfahrungen seien bei ankommenden jungen Menschen die Regel, berichtet die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Atossa Beheschti Gohar im Bericht von Terre des Hommes: "Viele junge und Schutz suchende Frauen wurden in Libyen oder Tunesien zu sexueller Ausbeutung gezwungen, um eine Überfahrt über das Meer zu ermöglichen. Oder sie wurden vergewaltigt." Ihre Kollegin Anna Lena Hötzel vom Psychosozialen Zentrum für Geflüchtete (PSZ) in Düsseldorf betont: "Die Kinder und ihre Familien haben fast immer belastende Erfahrungen in der Heimat und auf der Flucht gemacht." EU-Außengrenzen als zunehmende Gefahr Teilweise waren die Kinder auch wegen ihres Alters gefährdet, etwa weil sie als Kindersoldaten zwangsrekrutiert werden sollten, ihnen Genitalverstümmelung oder sexuelle Ausbeutung drohte. Doch auch nachdem die Kinder und Jugendlichen die Gefahr in der Heimat hinter sich gelassen und die Reise nach Europa überstanden hätten, habe ihnen an den EU-Außengrenzen weitere Gefahr gedroht. Janina Meyeringh, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin des Berliner Vereins Xenion, erklärt, vor zehn Jahren seien Kinder vor allem Zeugen von Gewalt geworden – "heute sind bei mir in Therapie nahezu alle Kinder selbst Opfer schwerer Gewalt geworden", insbesondere auch an der EU-Außengrenze. Dabei handele es sich um Schläge oder Angriffe von Hunden, die auf die Kinder gehetzt worden seien. Manche seien zurückgeschickt oder beraubt worden, anderen sei schlicht nicht geholfen worden. So sind zahlreiche Fälle nachgewiesen, in denen Kinder und Jugendliche bei Zurückweisungen an den Grenzen von ihren Familien getrennt, misshandelt, erniedrigt oder tödlich verletzt wurden. Und die Situation droht sich noch zu verschlechtern, wenn im nächsten Jahr die Reform für ein neues Gemeinsames Europäisches Asylsystem (GEAS) in Kraft treten soll, bei dem Kinder unter Umständen unter haftähnlichen Bedingungen untergebracht werden können. In Deutschland strukturelle Gewalt im Alltag Doch selbst in Deutschland berichten viele ankommende Jugendliche von Anfeindungen. Zwar ist die physische Gewalt weniger präsent. Aber viele Minderjährige berichten von struktureller Gewalt in Form von Benachteiligung und fehlender Teilhabe sowie Stigmatisierung. So erzählt der aus Guinea geflohene Oumar Diallo in dem Bericht von Terre des Hommes: "Hier erlebe ich täglich psychische Gewalt. Ich muss jeden Tag kämpfen – mit mir selbst, mit traumatischen Erlebnissen, mit Rassismus und Diskriminierung. Ich werde oft als 'illegal' bezeichnet." Er beklagt, dass die Bleibebedingung zu sehr daran geknüpft werde, dass die Jugendlichen Leistungen erbrächten. Allerdings sei nicht jeder dazu in der Lage. Stattdessen wünscht er sich mehr Chancengleichheit: "Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss das Rennen mit einem gebrochenen Bein anfangen." Auch Robina Karimi, geflüchtet aus Afghanistan , fühlt sich benachteiligt: "Die Gesetze gelten nicht einfach so für mich. Ich muss sie mir erkämpfen." Sie sei nie über ihre Rechte informiert worden. Birke Siebenbürger berichtet, dass viele täglich Diskriminierung erlebten. Der Leiter des Fachbereichs Kinder und Jugendliche am Psychosozialen Zentrum Refugio in München schildert den Fall eines Jungen, der von der Polizei auf den Boden gedrückt und als "Affe" beschimpft worden sei. "Solche Vorfälle hinterlassen tiefe Spuren", so Siebenbürger. Psychologische Folgen für geflüchtete Minderjährige Solche Stresserfahrungen könnten gravierende psychische Folgen verursachen, warnt der Bericht von Terre des Hommes. Es bestünde die Gefahr, dass Kinder emotionale Probleme bekämen, schneller wütend würden, schlechter Beziehungen aufbauten oder ein geringes Selbstwertgefühl entwickelten. Melanie Schüer, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin vom Psychosozialen Zentrum NTFN warnt: "Wenn in diese sensible Entwicklungsphase so traumatische Geschehnisse fallen, führt dies häufig zu sehr pathologischen Sichtweisen auf sich selbst, andere Menschen und das Leben an sich." Psychotherapeutin Meyeringh berichtet: "Die Kinder haben oftmals viele multiple Traumatisierungen erlebt, die so krasse Auswirkungen auf ihr gesamtes Leben haben, dass man sich als Therapeutin zu Beginn fragt: Wo fange ich überhaupt an?" Hinzu kommt: Es gibt nicht annähernd genug psychologische Betreuung für die vorbelasteten Kinder. Und: Die Hürden für geflüchtete Kinder und Jugendliche sind hoch, wie Anna Lena Hötzel vom Psychosozialen Zentrum für Geflüchtete Düsseldorf berichtet: "Manchmal gibt es aus aufenthaltsrechtlichen Gründen keinen Zugang zur regulären, kassenfinanzierten Versorgung." Auch Dolmetscher werden nicht von der Krankenkasse bezahlt. Zudem zeigt der Bericht, dass viele Schulen überfordert sind und keine adäquate Betreuung bieten können. Dabei gibt es durchaus Beispiele, die zeigen, was passieren kann, wenn es eine angemessene Betreuung gibt. So erzählt Psychotherapuetin Hötzel: "Besonders berührend ist es, wenn Kinder, die wegen ständiger Albträume kaum noch schlafen konnten, nach einiger Zeit wieder wacher sind – und mit leuchtenden Augen vor einem sitzen." Manchmal schaffe man es gemeinsam, "die Angst symbolisch in eine Kiste zu sperren". Linke und Grüne kritisieren GEAS, SPD lobt Reform Die Politik reagiert unterschiedlich auf die geschilderten Zustände. Filiz Polat, Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Bundestagsfraktion, erklärt t-online, es brauche sichere Zugangswege nach Deutschland, um traumatische Fluchterfahrungen zu vermeiden. Deutschland müsse ein "kindgerechtes Zuhause bieten: ohne Haft, mit Zugang zu Schule und Freizeitangeboten, mit kindgerechten Angeboten zur Verarbeitung des Erlebten und mit einem sicheren Aufenthaltstitel." Sie warnt vor einer Verschlechterung durch die GEAS-Reform. Auch Clara Bünger, innen- und fluchtpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion, warnt vor möglichen Inhaftierungen im Rahmen der neuen Gesetzgebung. Dies werde die "Situation noch verschärfen" und verstärke die psychischen Belastungen. In Deutschland brauche es "Weiterbildungen für Fachkräfte, um Traumata besser zu erkennen und zu behandeln". Truels Reichardt, Kinderbeauftragter der SPD-Bundestagsfraktion, betont dagegen, im Rahmen der GEAS-Reform werde es "strukturelle Verbesserungen für geflüchtete Kinder im Vergleich zur derzeitigen Rechtslage" geben, konkret beispielsweise beim Zugang zur Gesundheitsversorgung. Zudem brauche es in Deutschland "mit ausreichend Finanzmitteln hinterlegte Maßnahmen für Prävention und Früherkennung wie mehr Schulsozialarbeiter und Schulpsychologinnen, aber auch mehr Therapieplätze für junge Menschen". Im Gegensatz dazu verweist Rainer Rothfuß, menschenrechtspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion, bei t-online auf "gut ausgebaute, sehr kostspielige Betreuungsstrukturen für minderjährige Flüchtlinge, die im Bedarfsfall auch Traumatherapien vorsehen". Die AfD will allerdings an anderer Stelle ansetzen und insbesondere die humanitäre Hilfe in Krisengebieten ausbauen, um die Fluchtbewegungen "überflüssig" zu machen.