Red Bull Rampage: Zwischen Wahnsinn, Fortschritt und Verantwortung
Wenn Staub, Stahl und Stolz aufeinandertreffen – dann ist Rampage. Doch zwischen Spektakel, Ruhm und Risiko steht längst eine Frage im Raum: Wie weit darf Progression gehen, bevor sie sich selbst auffrisst? Ein Kommentar von Dennis „Düse“ Stratmann.
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Die Geburt eines Wahnsinns
Die Geburtsstunde der Rampage war 2001. Krass, oder? Viele, die das hier lesen, waren da noch gar nicht geboren. Trotzdem lohnt sich ein Blick zurück: Der erste Sieger damals hieß Wade Simmons – der Godfather of Freeride.
Es war die Zeit, in der „Big Mountain“-Mountainbiken gerade erfunden wurde. Die Bikes? Aus heutiger Sicht stelzig, die Federelemente unberechenbar, das Material alles andere als zuverlässig. Aber egal – die Jungs (Mädels fuhren damals keine mit, und ehrlich gesagt: Es wollte auch keine) lieferten eine Show, die alles veränderte. Wenn ihr alte Clips von der Erstauflage findet, merkt ihr: Selbst diese frühen Lines und Jumps sind heute noch beeindruckend.
Seitdem hat sich der Sport rasant entwickelt. Die Progression war – und ist – unaufhaltsam. Besonders bei der Rampage, was ja übersetzt so viel wie Amoklauf heißt, ist sie enorm.
Mein Besuch in Utah
Ich hatte 2002 selbst die Gelegenheit, das Rampage-Gelände zu besichtigen – im Rahmen einer Fotoproduktion. Ich war damals einer der besten deutschen Downhill-Fahrer und mit dabei war Fabrice Taillefer, damaliger DH-World-Cup-Pilot und absolute Maschine. Was ich sagen will: Wir hatten schon ein bisschen Ahnung von Jumps und Dimensionen. Dachten wir.
Wir standen an Sprüngen, bei denen wir uns fragten, wo hier eigentlich die Landung sein soll. Es war brutal, gefährlich, Respekt einflößend. 2004 war dann Schluss. Zu wild, zu gefährlich – für Veranstalter und Athleten gleichermaßen. Der Stecker war gezogen. Die Rampage für tot erklärt. Vier Jahre später, 2008, das Comeback: Zu groß war die Sehnsucht nach waghalsigen Bikern, die durch Utahs Felswüste fliegen. Und seien wir ehrlich – die Fahrer wollten’s auch.
Zuerst im Zwei-Jahres-Rhythmus, seit 2012 wieder jährlich. Um das Risiko zu senken, wurden fortan nur noch eingeladene Fahrer zugelassen, und sie durften ihre Lines selbst bauen. Sandsäcke sollten theoretisch für mehr Sicherheit sorgen – praktisch wurden sie meist als Shapematerial für noch bessere Absprünge verwendet.
Red Bull begann zudem, professionelle Features einzubauen – wie etwa den legendären Oakley Sender.
Von Big Mountain zu Big Trick
Damit änderte sich aber auch der Charakter des Events. Schleichend, aber unaufhaltsam. Die ursprünglichen Big-Mountain-Fahrer – Leute wie Wade Simmons, Thomas Vanderham oder Racer wie Gee Atherton und Cedric Gracia – hatten irgendwann keine Chance mehr. Einzig und allein Brendan Fairclough fuhr Jahr um Jahr mit. Zwar chancenlos auf den Sieg, aber dennoch oft Publikumsliebling wegen seiner Big-Mountain- und Racer-Attitüde. Dennoch waren die Zeiten solcher Fahrer vorbei. Es ging nicht mehr um Flow und Linie, sondern um Tricks und Risiko.
Backflip, Doubleflip, Frontflip – erst über fünf Meter, dann zehn, dann zwanzig. Erst mit breiten, sicheren Landungen, später mit völlig sketchigen Ein- und Ausfahrten und absurden Distanzen.
Spektakulär? Absolut. Aber auch immer gefährlicher. Und wir alle sitzen daheim mit Popcorn und offenem Mund vor dem Bildschirm. Geil!
Der Wendepunkt: Paul Basagoitia
2015 kam dann der Schockmoment: Paul Basagoitia stürzte hart – und blieb liegen. Kein Übermut, kein Leichtsinn – einfach Pech. Ein Sturz an der falschen Stelle, zur falschen Zeit. Pauls Leben für immer verändert. Lange war er an den Rollstuhl gefesselt.
Für mich war das ein Wendepunkt. Jeder wusste, dass so etwas passieren kann – aber gehofft hatte man, dass es nie passiert. Trotzdem ging die Party weiter. Noch höhere Drops, noch härtere Tricks, noch schmalere Landungen.
Jedes Jahr betete ich beim Zuschauen innerlich für Typen wie Andreu Lacondeguy. Der Typ fuhr immer mit der Brechstange in der Trikottasche – oft am Limit, oft am Boden, aber immer wieder aufgestanden. Irgendwie unzerstörbar. Man sah ihm an, dass er das Ding so hart gewinnen will und bereit war, dafür alles zu riskieren. Denn Ruhm ist eine Droge.
2024: Die Frauen zeigen, wie’s auch geht
Im vergangenen Jahr dann ein Novum: Erstmals durften auch Frauen starten. Vorab wurde viel diskutiert, vor allem von maskulinen Alpha-Bikern – ob das „spannend genug“ wäre, ob es nicht zu gefährlich sei (hä?), ob das Publikum das überhaupt will.
Nach dem Event war klar: Das war eine Bereicherung. Die Mädels fuhren smooth, stylish, technisch – Big-Mountain-Riding in seiner schönsten Form. Kein hektisches Geflippe, bei dem man nur in der Zeitlupe nachvollziehen kann, was überhaupt passiert ist, kein Adrenalin-Overkill, einfach schöne, saubere Runs.
Und dann kamen die Männer. Die jedes Jahr einen draufsetzen. Weil sie es wollen und auch müssen, um ganz oben im Rampage-Olymp anzukommen. Und plötzlich war da wieder dieses Gefühl zwischen Begeisterung und Entsetzen.
2025
Man konnte nicht glauben, was man sah – wollte manchmal aber auch gar nicht hinschauen. Das Level wieder höher. Die Quittung aber auch. Utah war gnadenlos. Emil Johansson: gebrochene Hüfte, Nahtoderfahrung am Abgrund, Rettung im Heli. Adolf Silva: schwer verletzt, möglicherweise dauerhaft gehandicapt.
Die Frage aller Fragen
Da stellt sich unweigerlich die Frage: Muss das sein?
Für mich: Nein. Ich sage immer: Jeder muss selbstverantwortlich handeln. Jeder Sportler weiß genau, was er tut. Niemand zwingt die Jungs (und Mädels) da runterzufahren. Alle sind groß genug. Trotzdem: Zuzusehen war kein Vergnügen mehr. Ich saß da, mit hochgezogenen Schultern, ein Auge halb geschlossen – wie bei einem Auffahrunfall im Nebel auf der A3. Man guckt hin, obwohl man’s eigentlich nicht will. War das noch Sport oder mehr so ein Gladiatorenkampf?
Und wer trägt die Verantwortung?
Red Bull, weil sie die Bühne bieten? Die Fahrer, die freiwillig ans und übers Limit gehen? Oder ist es einfach der Preis des Ruhms – dieses eine Rampage-Siegfoto, für das man alles riskiert?
Andere Sportarten haben’s vorgemacht
Versteht mich nicht falsch: Ich liebe die Rampage. Sie ist Spektakel pur. Aber sie braucht Grenzen – nicht, um sie zu zähmen, sondern um sie zu bewahren. Andere Sportarten haben’s vorgemacht: In der Formel 1 war es in den 80ern normal, dass Fahrer ihr Leben verloren. 1994 noch starben Ayrton Senna und Roland Ratzenberger beim selben Rennen. Heute ist das undenkbar.
Auch im alpinen Ski wurden Regeln angepasst, Strecken entschärft, Sicherheitssysteme verbessert – ohne dass der Reiz verloren ging. Warum also nicht auch bei der Rampage? Vielleicht mit Limits für Sprunghöhe oder -weite. Oder einer Mindestanzahl an Features pro Run – was automatisch die Extrempunkte reduzieren würde. Es gäbe viele Möglichkeiten.
Fazit: Bewahren statt verbiegen
Was ich sicher weiß: Ich will nicht erst Tote sehen, bevor sich was ändert. Und ich hoffe, zumindest da spreche ich für die Mehrheit. Vielleicht habt ihr ja Ideen, wie aus der Rampage wieder das werden kann, was sie einmal war – Big Mountain in seiner reinsten Form. Schreibt's in die Kommentare und lasst das Forum glühen.
Peace – oder over and out.
Euer Dennis „Düse“ Stratmann
Was ist deine Meinung – sollte sich die Red Bull Rampage ändern? Und wenn ja, was wäre dein Vorschlag?
Dennis „Düse“ Stratmann ist Mountainbike-Urgestein, Ex-Profi und kreativer Kopf hinter der Kamera. Nach Jahren im Downhill-Rennzirkus – unter anderem Mitglied der Nationalmannschaft – hat er sich als Fotograf, Filmer und Industrial-Designer etabliert. Mit seinem Projekt proshooto.com dokumentiert er die MTB-Szene mit Leidenschaft und ästhetischem Blick. Außerdem ist er Podcaster („Hot Seats & Cold Brews“) und Markenbotschafter bei Giant Deutschland. Seine langjährige Erfahrung in der Bike-Branche und seine technische Expertise machen ihn zu einer festen Größe in der MTB-Welt.
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