Wer jedes Jahr viele Millionen Euro für belanglose "Tatort"-Folgen ausgibt, kann auch einmal doppelt so viel wagen – und doppelt so viel erreichen. "Einfach kann ja jeder." Das sagte ARD-Programmchefin Christine Strobl jüngst in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" über den öffentlich-rechtlichen Anspruch – und läuft diesem zugleich seit Jahren hinterher. Bestes Beispiel: das ARD-Aushängeschild, der Sonntagabendkrimi. Wer jedes Jahr fast 40 neue "Tatort"-Erstausstrahlungen zeigt – viele davon austauschbar, zu oft vorhersehbar, selten erinnerungswürdig –, der macht es sich am Ende zu einfach. Die Doppelfolge "Ein guter Tag" und "Schwarzer Schnee" zeigt, wie es anders geht. Sie ist mehr als nur ein TV-Experiment. Sie ist ein Plädoyer für einen neuen Umgang mit dem Sonntagabendkrimi – inhaltlich, visuell und dramaturgisch. Der NDR hat hier in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Fernsehen ein Werk abgeliefert, das aus der Masse herausragt. Deshalb stellt sich die Frage: Warum passiert das so selten? "Tatort"-Kritik zum Doppelschlag: Es geht doch! Erster Fall für neues Team: "Tatort"-Doppelfolge unter Niveau Ein Blick auf das "Tatort"-Jahr 2025: Wer erinnert sich noch an den Fall "Rapunzel" aus der Schweiz, ausgestrahlt am 2. Juni? Oder an den Fall "Ich sehe dich" aus Franken? Und "Kammerflimmern" vom 28. September – was war da noch mal? Genau: Die Antwort ist meist ein Schulterzucken. Drei Filme, dreimal TV-Ware, die niemandem weh tut, aber auch niemandem im Gedächtnis bleibt. Das Problem: Diese Produktionen kosten jeweils knapp zwei Millionen Euro. Macht in Summe fast sechs Millionen – für drei Krimis, die sich ins Programm-Nirwana "versendet" haben. Das Format verliert an Kraft Niemand verlangt, dass jeder "Tatort" ein cineastisches Meisterwerk wird. Aber Zuschauer haben mehr verdient als Schema-F-Dramaturgie, Krimiklamauk und provinzielles Kleinklein. 18 Teams sind aktuell aktiv, von Hamburg bis Zürich, von Berlin bis Saarbrücken. Fast 40 neue Fälle werden pro Jahr produziert, jeder davon ein Einzelprojekt der jeweiligen Rundfunkanstalt, mal mit mehr – und viel zu oft mit wenig Ambitionen. Natürlich ist die Idee hinter dem "Tatort" stark: regionale Vielfalt, unterschiedliche Tonalitäten, eigenständige Handschriften. Und natürlich gibt es Publikum für das Ermittlerpaar aus Stuttgart , für das stoische Wien-Duo oder die Münsteraner Leichenkomik. Doch wenn diese Vielfalt zur inhaltlichen Beliebigkeit wird – zur bloßen Pflichtübung –, verliert das Format an Kraft. Der "Tatort" ist längst kein TV-Lagerfeuer für mehr als zehn Millionen Menschen mehr, sondern oft nur noch für einen eingeschworenen Kern aus Krimi-Fans. Viel zu selten gelingt es, Relevanz zu erzeugen oder ein gesellschaftliches Thema so aufzubereiten, dass es über den Abspann hinaus wirkt. Was der "Tatort"-Doppelpack mit Falke, Schmitt und de Baer zeigt: Das Format hat noch immer die Kraft, mehr zu sein als ein gemütlicher Sonntagabendkrimi. Es kann Wucht entfalten, komplexe Zusammenhänge erzählen, Ambivalenz zulassen – wenn man es denn will. Warum also nicht öfter so? Die Folgen "Ein guter Tag" und "Schwarzer Schnee" verhandeln kein fiktives Konstrukt, sondern ein reales Phänomen: die sogenannte Mocro-Mafia. Diese kriminellen Netzwerke zwischen Marokko , den Niederlanden und Deutschland sind dokumentierte Realität. Dass junge Männer für ein Statussymbol töten, ist keine Drehbuchfantasie. Es ist bittere Wahrheit. Gerade deshalb gelingt diesen beiden Filmen etwas Seltenes: Sie sind nah dran an gesellschaftlichen Spannungen, ohne moralisierend zu sein. Sie erzählen von Radikalisierung, Kontrollverlust, staatlicher Ohnmacht – und sie tun das mit einem erzählerischen Sog, wie man ihn im "Tatort"-Kosmos lange vermisst hat. Hans Steinbichlers Inszenierung arbeitet mit Dichte, Rhythmus und einer visuellen Handschrift, die sonst eher im Kino zu finden ist als im öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm. Warum also nicht öfter so? Warum nicht mehr Zusammenarbeit mit internationalen Partnern, mit mutigen Autoren, mit Regisseuren, die erzählen wollen – nicht nur abbilden? "Tatort"-Umfrage: Welches Team hat Sie 2025 am meisten überzeugt? Dass ein aufwendig produzierter "Tatort" kein Wagnis, sondern eine Investition sein kann, hat der NDR jetzt eindrucksvoll bewiesen. Die Kooperation mit dem niederländischen Sender NPO, die konsequente Fokussierung auf ein gesellschaftlich relevantes Thema und eine Produktion, die filmisch wie inhaltlich überzeugt – all das zeigt, wie stark das Format noch immer sein kann. Die Konsequenz daraus kann nur lauten: weniger Masse, mehr Klasse. Niemand fordert die Abschaffung von Regionalität oder die Einstellung bewährter Teams. Aber es braucht eine klare Priorisierung. Warum 40 "Tatorte" pro Jahr, wenn zehn davon niemanden berühren, niemanden aufrütteln, niemandem im Gedächtnis bleiben? Es geht um Haltung. Um Relevanz. Darum, Reichweite nicht als bloßes Einschaltziel zu verstehen, sondern gesellschaftlich etwas zu bewirken. Der "Tatort" ist eine Institution – aber auch eine Verantwortung. Und wenn ARD-Programmchefin Christine Strobl sagt: "Einfach kann ja jeder", dann darf man genau das auch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk einfordern. Denn einfach ist es, Krimis zu drehen, die niemandem wehtun. Schwieriger – aber lohnender – ist es, etwas zu erzählen, das bleibt.