„Lieber Willy“: Die neue Serie ist extrem vereinfacht
Anfang der 1970er Jahre: Die Welt steht kurz vor einem Atomkrieg. Sowjetische Geheimdienste erfahren vom Plan der USA, Pershing-2-Raketen, die innerhalb weniger Sekunden Moskau erreichen könnten, auf deutschem Boden zu stationieren. Als Reaktion darauf beschließt das Politbüro, mehrere Atom-U-Boote nach Kuba zu verlegen. Einzig der Generalsekretär Leonid Breschnew ist um Deeskalation bemüht und will in Geheimverhandlungen mit dem deutschen Bundeskanzler Willy Brandt treten.
So beginnt eine vom russischen Privatfernsehsender Ren TV produzierte Serie namens „Dorogoj Willi“ (zu Deutsch: „Lieber Willy“). Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, weiß allerdings, dass der sogenannte NATO-Doppelbeschluss, weitreichende Langstreckenraketen der USA in Deutschland zu stationieren, 1979 gefasst und 1983 umgesetzt wurde – lange nachdem Willy Brandt als Bundeskanzler von Helmut Schmidt abgelöst worden war. Auch sonst ist an der Handlung nicht viel dran. Aber der Reihe nach.
Breschnew kommt mit seinem Anliegen zum KGB-Chef Juri Andropow und bittet um eine geheime Kontaktaufnahme zur deutschen Bundesregierung. Letzterer schlägt aus Gründen der strengen Geheimhaltung Leute von außerhalb zur Ausführung des Plans vor, nämlich einen suspendierten KGB-Mitarbeiter und einen ehemaligen Insassen des KZ Sachsenhausen, der während seiner Zeit als Häftling den Chefredakteur der Zeitung „Berliner Allgemeine“ (die es in Wirklichkeit zum damaligen Zeitpunkt lange nicht mehr gab) kennengelernt haben soll. Von dem Zeitungsredakteur erhofft sich Andropow die Vermittlung eines privaten Termins mit dem außenpolitischen Berater Brandts Egon Bahr, der wiederum die sowjetische Kontaktanfrage schlussendlich dem Kanzler höchstpersönlich übermitteln soll. Die beiden Vorgeschlagenen sagen zu, reisen über die DDR nach Westberlin, treffen den Redakteur und daraufhin auch Bahr, der einige Tage später einen spontanen Moskau-Besuch ankündigt. Die Verhandlungen nehmen ihren Lauf, zwischendurch immer wieder gestört von der CIA und der Stasi, die den Sowjets ihre freundlichen Töne gegenüber der Bundesrepublik nicht verzeihen wollte. Am Ende weigert sich Brandt, einen entsprechenden Vertrag mit den USA zu unterzeichnen und verhindert so die Raketenstationierung.
Davon abgesehen, dass der historische Rahmen, in dem die Geschichte stattfindet, wie oben geschildert nicht den Fakten entspricht, da eine Stationierung von Pershing-2 unter Brandt gar nicht zur Debatte stand, strotzt die Serie geradezu vor historischen Ungenauigkeiten. So wird Westberlin quasi als bundesdeutsche Hauptstadt dargestellt: zumindest werden der Bundestag und das Bundeskanzleramt dort platziert und nicht in Bonn. Apropos Bundestag: Die Filmemacher scheinen nicht einmal recherchiert zu haben, welcher Partei Willy Brandt angehört hat, denn in einer der letzten Folgen liefert er sich im Parlament einen Schlagabtausch mit einem Mann namens Hermann Scheer, der als SPD-Abgeordneter vorgestellt wird. Besonders witzig dabei: Den SPDler Scheer gab es laut Wikipedia wirklich, nur dass dieser erst 1980 in den Bundestag gewählt wurde.
Manche Szenen wirken nahezu anekdotisch, etwa die angebliche Beilegung eines Streits zwischen Breschnew und seinem wichtigsten Widersacher Michail Suslow durch dessen Ehefrau Jelisaweta. Auf manche in Russland geläufige Breschnew-Witze wird sogar offen Bezug genommen.
Doch so peinlich die mangelhafte historische Genauigkeit der Serie auch sein mag, sie ist nicht das größte Problem. Viel problematischer, weil extrem vereinfacht, ist das Bild von Deutschland, das die Serie vermittelt. Die bundesdeutsche Innenpolitik erscheint als Kampf zwischen einer korrupten, von Altnazis durchsetzten und der CIA gekauften Elite und dem Volk, angeführt von einer charismatischen Galionsfigur, die sich zu wehren versucht. Ob bei den russischen Zuschauern davon im Hinblick auf das heutige Deutschland etwas hängen bleibt?
Sergej Gurnjanski
Запись „Lieber Willy“: Die neue Serie ist extrem vereinfacht впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.
