Milliarden fließen in KI, die Kurse steigen – und die Zweifel wachsen. Was den Boom fundamental von der Dotcom-Blase unterscheidet und wo dennoch Gefahr droht. Das Jahr 2025 war geprägt von Warnungen. Warnungen vor einer KI-Blase. Manche Experten warnten sogar vor ihrem baldigen Platzen. Gleichzeitig gab es Stimmen, die in Künstlicher Intelligenz nicht weniger als den Beginn einer neuen wirtschaftlichen Ära und an den Börsen alles andere als eine Übertreibung sehen. Wer hat recht? Ist die KI eine Blase wie seinerzeit die Dotcom-Blase? Oder ist sie es nicht – und warum könnte es trotzdem zu einem Crash an den Märkten kommen? Gerade Anleger sollten sich diese Frage stellen. Denn selbst wenn die KI keine Blase ist, heißt das nicht, dass die Börse nicht trotzdem übertreiben kann. KI – Teufelszeug oder Treiber? Schlechte Unternehmensnachrichten haben das Potenzial, Anleger nachhaltig zu verunsichern. Das gilt auch für Künstliche Intelligenz. Etwa die Meldung, dass der Hedgefonds von Peter Thiel seine gesamte Nvidia-Beteiligung verkauft hat. 537.742 Aktien gingen im dritten Quartal 2025 über den Tisch. Medienberichten zufolge geschah dies inmitten wachsender Sorgen vor einer KI-Blase. Kurz zuvor hatte bereits der japanische Tech-Investor Softbank alle Nvidia-Aktien im Wert von 5,8 Milliarden Dollar abgestoßen. Und Michael Burry, bekannt aus der Finanzkrise 2008/09, wettet offen auf fallende Nvidia-Kurse. Solche Entscheidungen wiegen schwer, zumindest psychologisch. Die Frage, ob Künstliche Intelligenz eine aufgeblähte, überbewertete Spekulationsblase ohne realen wirtschaftlichen Nutzen ist, wird seit Monaten kontrovers diskutiert. Und sie raubt auch jenen Anlegern den Schlaf, die über Einzelaktien oder Fonds selbst massiv in KI-Unternehmen investiert sind. Sollten sie es den großen Investoren gleichtun? Raus aus der vermeintlichen Blase – und dann? Beweggründe – aber ohne Glaskugel Dass KI gekommen ist, um zu bleiben, bezweifelt kaum jemand. "Natürlich ist die Branche hoch bewertet", sagte Robert Halver von der Baader Bank . "Aber sie macht ja auch hohe Gewinne." Zwar gebe es Klumpenrisiken in den Indizes, doch zugleich enorme Gewinnchancen. Zudem stehen die USA politisch hinter der KI-Entwicklung und werden alles daran setzen, ihre technologische Führungsrolle gegenüber China zu verteidigen. Entscheidend ist: Weder Analysten und Marktexperten noch Investoren wie Peter Thiel oder Konzerne wie Softbank haben eine Glaskugel. Ihre Verkäufe lassen sich nicht automatisch als Urteil über die Zukunft von KI lesen. Die Motive sind oft vielschichtig. Masayoshi Son, Softbank-Gründer, erklärte, man habe Nvidia mit "weinendem Auge" verkauft, um Kapital für neue Investitionen in KI, Robotik und die Chipindustrie zu mobilisieren. Gründer Masayoshi Son sprach offen davon, neue KI-Wetten eingehen zu wollen. Gleichzeitig steht Softbank unter finanziellem Druck. 2022 meldete der Konzern einen Quartalsverlust von umgerechnet rund 23 Milliarden Euro, ausgelöst durch den Tech-Absturz und den schwachen Yen . Bereits zuvor hatte WeWork milliardenschwere Löcher in die Bilanz gerissen. Der Verkauf der Nvidia-Anteile war also auch ein Akt der bilanziellen Selbsthilfe. Noch kein KI-Crash in Sicht Dass solche Verkäufe überhaupt möglich waren, liegt auch an der Kursentwicklung. Nvidia hat seinen Aktienkurs in den vergangenen zwei Jahren versiebenfacht und Anlegern, die bereits 2022 eingestiegen sind, eine überdurchschnittliche Rendite beschert. Dennoch gilt das Unternehmen, gemessen am erwarteten Wachstum, nicht als extrem überbewertet, anders als viele Tech-Werte kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase. Bislang schlagen auch nur wenige Experten ernsthaft Alarm. Johanna Handte, Chief Investment Officer der Bethmann Bank, ordnet ein: Die Bewertungen im KI-Sektor seien im Vergleich zur Dotcom-Zeit noch nicht besorgniserregend. Damals lagen Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) bei 90. Heute sei man davon weit entfernt. Dan Chung, CEO von Alger Funds, sieht das ähnlich. Er war in den 1990er-Jahren Technologieanalyst und erlebte den Dotcom-Crash aus nächster Nähe. Nvidia werde aktuell mit einem KGV von rund 33 gehandelt – bei äußerst soliden Fundamentaldaten. Unter Berücksichtigung von Umsatzwachstum, Gewinnentwicklung und freiem Cashflow liege das Kurs-Gewinn-Wachstums-Verhältnis sogar unter 1. Chung geht noch weiter: "Ich würde sagen, wir haben wahrscheinlich noch mindestens die Jahre 1998 und 1999 vor uns." Damals sei der große Exzess erst später gekommen. "Und wir sind noch nicht so weit." Doch ob dann die KI-Blase platzt, ist freilich nicht gesagt. Denn ein oft unterschätzter Unterschied zur Dotcom-Zeit: Die heutigen Investitionen werden überwiegend aus Gewinnen finanziert, nicht aus Krediten. Warum heute vieles anders ist UBS sieht deshalb weiteren Rückenwind für die KI-Rally. Die Bank rechnet bis 2030 mit jährlichen Investitionen von bis zu 1,6 Billionen Dollar. Ein zentraler Punkt: Nvidia, Microsoft , Meta , Alphabet oder Broadcom finanzieren den Ausbau ihrer KI-Infrastruktur aus starken operativen Cashflows. Sie haben also das Geld vorher verdient. Anders als um das Jahr 2000 herum seien heutige KI-Investitionen transparenter, vertraglich klar geregelt und weniger riskant. Zudem schreitet der UBS zufolge die Monetarisierung voran. Cloud-Anbieter berichten von steigenden Umsätzen, Unternehmen von realen Zeit- und Kosteneinsparungen. Auch Blackrock-Marktexperte Tuan Huynh sieht in KI das Potenzial, das langfristige Wirtschaftswachstum , das in den USA in den vergangenen 150 Jahren bei durchschnittlich 2 Prozent lag, spürbar zu erhöhen. Zudem verweist er darauf, dass KI helfen könnte, dem demografischen Wandel zu begegnen, insbesondere in Europa. "Jedes Jahr verliert Europa rund eine Million Arbeitskräfte. Migration, Automatisierung und vor allem KI werden notwendig sein, um diesen Rückgang auszugleichen", so Huynh. Der ökonomische Kern der KI-Euphorie Um das Potenzial des KI-Marktes zu bewerten, stellt Dan Chung eine einfache, aber wirkungsvolle Rechnung auf: "Eine Möglichkeit, das zu beurteilen, besteht darin, zu modellieren, welche Arbeitsplätze anfällig dafür sind, durch KI ersetzt zu werden", erklärt Chung. Im Bereich der Softwareprogrammierung könnten 60 Prozent betroffen sein. Im Straßenbau sind es seiner Ansicht nach 5 Prozent. Wenn KI einem Unternehmen 100 Dollar an Kosten einspare, sei es bereit, 50 Dollar dafür zu zahlen. Das entspreche einer Kapitalmarktrendite von zwei Jahren – konservativ geschätzt, so Chung. "Vor diesem Hintergrund wirkt auch die Prognose von Nvidia-CEO Jensen Huang weniger kühn", fasst Chung zusammen. Huang glaubt, dass der Markt für KI-Technologie einschließlich Dienstleistungen, Hardware und Computing in den Jahren 2030/31 ein Volumen von zwei bis drei Billionen Dollar erreichen könnte. KI werde durch gesteigerte Produktivität Arbeitskräfte ersetzen, allerdings nicht, indem 100 Prozent der Menschen arbeitslos werden, so Chung. Wie sich die Milliardeninvestitionen in KI rechnen könnten Aktuelle Entwicklungen zeigen, dass vor allem in Industrie, IT, Finanzdienstleistungen und Dienstleistungssektoren KI zu einem signifikanten Stellenabbau führt. Beispielsweise steht die Reiseversicherungssparte der Allianz Medienberichten zufolge aufgrund der Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz vor einem größeren Stellenabbau. Bei Allianz Partners sollen in den nächsten zwölf bis 18 Monaten 1.500 bis 1.800 Arbeitsplätze wegfallen, vor allem in Callcentern. Auch zahlreiche andere namhafte Unternehmen kündigten bereits einen Stellenabbau an – explizit aufgrund von KI –, darunter SAP (10.000 Stellen), Bosch (7.000 Stellen), Klarna (1.600 Stellen), die Commerzbank (3.900 Stellen) oder ZF Friedrichshafen (14.000 Stellen). Sie nennen Effizienzgewinne als Treiber. Studien stützen diese Entwicklung. In Deutschland könnte KI das Wirtschaftswachstum über Jahre ankurbeln und Wertschöpfung in Billionenhöhe schaffen. Arbeit verschwindet nicht, sie verändert sich. Die andere Seite der Medaille Was für einzelne Angestellte bedauerlich ist, die durch KI ihren Job verlieren, kann auf der anderen Seite zur Sicherung des Wohlstandes ganzer Volkswirtschaften beitragen: Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung könnte Künstliche Intelligenz das dringend benötigte Wirtschaftswachstum in Deutschland in den nächsten 15 Jahren deutlich ankurbeln. Demnach könnte das Bruttoinlandsprodukt durch KI jährlich um 0,8 Prozentpunkte steigen. Der verstärkte Einsatz von KI könnte laut der Analyse aufgrund von Materialeinsparungen, einer höheren Arbeitsproduktivität und neuer Geschäftsfelder in den nächsten 15 Jahren für 4,5 Billionen Euro zusätzlicher Wertschöpfung sorgen. "Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt sind unvermeidlich, aber die Gesamtzahl der Arbeitsplätze bleibt stabil", sagt IAB-Experte Enzo Weber. Konkret sprechen die Studienautoren von rund 1,6 Millionen Arbeitsplätzen, die von dem Strukturwandel betroffen sein werden. Diese werden im Projektionszeitraum abgebaut oder neu geschaffen. Besonders profitieren werden demzufolge IT- und Informationsdienstleister, wohingegen in Bereichen wie den Unternehmensdienstleistungen Arbeitsplätze wegfallen. Wenn die Börse nervös wird Doch die Börse selbst lebt nicht von langfristigen Prognosen oder Studien, sondern von aktuellen Ereignissen, die bei Anlegern Erwartungen wecken, die im besten Fall mit den nächsten Quartalszahlen in Erfüllung gehen. Und hier wird es heikel. Durch immer höher geschraubte Erwartungen wächst der Druck auf Unternehmen, die gewünschten Ergebnisse abzuliefern. Bisher ging das gut. Doch durch die KI-Euphorie hat sich an den Märkten ein sichtbares Ungleichgewicht gebildet. Nach Monaten scheinbar unaufhaltsamer Kursanstiege zeige der Aktienmarkt nun deutliche Risse im Fundament, sagt Aktienanalyst Tobias Krieg von Lynx Broker. "Der jüngste Absturz der Meta-Aktie von knapp 800 auf 622 US-Dollar scheint mehr als nur eine Kurskorrektur eines Einzelwertes zu sein – er steht sinnbildlich für die wachsende Unsicherheit und das bröckelnde Vertrauen in die laufende Rallye", so Krieg. Ein Blick auf die Verteilung der Börsengewinne zeige ein klares Bild: Während die Tech-Schwergewichte den Löwenanteil für sich verbuchen konnten und S&P 500 und Nasdaq auf neue Hochs trieben, traten die meisten anderen Unternehmen auf der Stelle oder haben sogar stark verloren. Ein gleichgewichteter ETF auf den S&P 500 zeige, dass sich der Index in der Marktbreite seit Juli überhaupt nicht bewegt habe, so Krieg. In den USA notieren derzeit 63,9 Prozent aller Aktien unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt (SMA 50) und 2.824 von knapp 5.500 Aktien sogar unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt (SMA 200) – also mehr als die Hälfte des gesamten Marktes. Heißt: Die breite Masse von Wertpapieren konnte von der KI-Rally nicht profitieren. Kernprobleme – Randprobleme? Das Kernproblem liegt laut Krieg in der massiven Investitionswelle, die durch die KI-Revolution ausgelöst wurde. "Die großen Technologiekonzerne haben sich in ein Wettrüsten gestürzt, bei dem keine Summe zu groß scheint. Niemand will den Anschluss verlieren – koste es, was es wolle. Hardware-Hersteller und viele andere Unternehmen profitieren davon, aber all das kostet auch Unsummen." Das wird die Profitabilität von Meta, Google, Amazon und Co. vorerst stark belasten. Wenn die Gewinne im kommenden Jahr nicht steigen, wird genau das passieren, wovor viele Experten warnen: Rückläufige Gewinne bei den großen Technologieunternehmen und verfehlte Prognosen könnten schließlich zu starken Kursverlusten an den Börsen führen. Alphabet stemmte allein in diesem Jahr Rekordinvestitionen von rund 92 Milliarden US-Dollar, vor allem, um seine Suchmaschine mit dem KI-Modell Gemini gegen Konkurrenzangebote wie ChatGPT oder Perplexity abzusichern. Im kommenden Jahr sollen die Ausgaben nochmals deutlich steigen. Amazon investiert in ähnlichem Umfang: rund 100 Milliarden Dollar in diesem Jahr, voraussichtlich 125 Milliarden im nächsten. Meta plant bis 2028 mehr als 600 Milliarden Dollar für Rechenzentren, KI-Technologien und Personal. OpenAI wiederum ist langfristige Verpflichtungen von rund 1.400 Milliarden Dollar eingegangen, zumindest auf dem Papier. Hot oder Schrott: Wann es gefährlich wird Mit diesen Summen wächst ein weiteres, oft verdrängtes Risiko: Wo Milliarden in Rechenzentren fließen, entsteht zwangsläufig auch künftiger Elektroschrott. Während neue Rechenzentren für immer leistungsfähigere KI-Modelle gebaut werden, verlieren ältere Anlagen ihren Nutzen. Sie sind für aktuelle Anwendungen zu langsam, zu ineffizient oder schlicht unbrauchbar. Abschreibungen drohen, lange bevor die Investitionen Erträge abwerfen. Dieses Risiko verschärft sich durch eine zweite Entwicklung: die Qualität des digitalen Rohstoffs. KI-Systeme produzieren zunehmend selbst Inhalte und überfluten damit das Netz. Analysen zeigen, dass KI-generierte Texte mittlerweile häufiger sind als von Menschen geschriebene Inhalte. Tausende automatisierte Webseiten erzeugen massenhaft Content, oft ohne Kennzeichnung. Das Internet wird zur Datenmüllhalde. Warnsignale vor dem Crash Bevor eine Börsenblase platzt, verdichten sich meist mehrere Warnsignale. Beim Dotcom-Crash waren es überzogene Bewertungen, eine extreme Konzentration auf wenige Technologietitel, fehlende Gewinne und schließlich der abrupte Stimmungsumschwung, als Anleger erkannten, dass viele Geschäftsmodelle ihre Versprechen nicht einlösen konnten. Genau diese Mischung sehen manche Marktbeobachter nun in Ansätzen wieder. Zu den prominenten Mahnern zählt EZB-Vizepräsident Luis de Guindos. Er warnt vor einer ungesunden Marktkonzentration auf wenige große US-Techkonzerne und vor Investitionssummen, die sich zunehmend von realistischen Ertragsperspektiven entkoppeln. Die Finanzmärkte seien anfällig für abrupte Neubewertungen, betonte de Guindos – Raum für "plötzliche Stimmungsumschwünge" sei vorhanden. Gerade wenn Erwartungen sehr einseitig ausgerichtet sind, können kleine Enttäuschungen große Kursbewegungen auslösen. Ähnlich äußert sich Ray Dalio, Gründer von Bridgewater Associates. Er spricht von "blasenartigen Entwicklungen", verweist jedoch auf einen entscheidenden Punkt: Historisch platzen Blasen häufig erst dann, wenn sich die geldpolitischen Rahmenbedingungen verschärfen. Davon kann in den USA bislang keine Rede sein. Zinssenkungen stützen weiterhin die Risikobereitschaft der Anleger und verlängern damit womöglich die Lebensdauer überhöhter Bewertungen. Doch genau darin liegt ein zusätzliches Risiko. Bleibt billiges Geld länger verfügbar, steigen die Erwartungen weiter, während die Realität hinterherhinkt. Hohe Investitionen, verzögerte Gewinne und ambitionierte Prognosen müssen irgendwann in belastbare Cashflows münden. Gelingt das nicht, droht eine schmerzhafte Neubewertung. "Ob es eine Blase ist und wann sie platzt, wissen wir nicht", sagt Dalio. Sicher sei nur: Die Zahl der Risiken wächst – und mit ihr die Fallhöhe für KI-Aktien. Fazit: Reifeprüfung statt Endspiel Solange die Gewinne mit den hohen Erwartungen Schritt halten und Unternehmen ihre Erträge nachhaltig steigern können, sieht Marktexpertin Johanna Handte keinen akuten Grund zur Sorge. Selbst ein mögliches Platzen einer KI-Blase wäre jedoch kein Weltuntergang. "Beim Platzen der Dotcom-Blase haben sich am Ende jene Unternehmen durchgesetzt, die heute marktbestimmend sind", sagt Fondsmanager David Wehner. Auch KI werde nicht verschwinden, sondern reifer werden: Überkapazitäten würden abgebaut, ineffiziente Anbieter aussortiert – ein technologischer Darwinismus, wie er bei jeder großen Innovation zu beobachten war.