Syrien: Warum Trump die Kurden fallen lässt
In Syrien setzt die Regierung auf einen Waffenstillstand mit den Kurden im Norden. Die fürchten um einen engen Verbündeten. Mit möglichen Folgen für den Kampf gegen den IS – auch für Deutschland. Tausende demonstrieren in Deutschland in diesen Tagen gegen das Vorgehen des syrischen Interimspräsidenten Ahmed al-Scharaa in den bislang autonomen Gebieten im Norden des Landes. Kurzfristig musste Al-Scharaa sogar ein Treffen mit Kanzler Friedrich Merz in Berlin absagen. Zu prekär ist die Lage im Land. Brisant: Tausende Kämpfer der islamistischen Terrorgruppe IS, die sich in Obhut der kurdischen Milizen befinden, könnten aus der Haft entweichen. "Die Lage ist gefährlich – deutsche IS-Dschihadisten aus Syrien könnten unkontrolliert zurückkommen", sagte Jochen Kopelke, der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), der Berliner Zeitung "Tagesspiegel." Demnach sind bis zu dreißig deutsche IS-Kämpfer im Konfliktgebiet in Syrien. Absage: Al-Schaara stoppt Reise nach Berlin Befürchtung: IS-Kämpfer fliehen aus Gefängnissen Al-Scharaas Armee rückt im Norden des Landes gegen kurdische Milizen vor. Nun wurde zum zweiten Mal ein Waffenstillstandsabkommen besiegelt, im Beisein von Vertretern Frankreichs und der USA . "Dieser Moment bietet die Chance auf die vollständige Integration in einen vereinigten syrischen Staat mit Bürgerrechten, kulturellem Schutz und politischer Teilhabe", erklärte Tom Barrack, US-Botschafter in der Türkei , auf der Plattform. Eine bemerkenswerte Botschaft. Den kurdischen Milizen kommt der wichtigste Verbündete abhanden. t-online erklärt den aktuellen Konflikt in Syrien. Warum eskaliert derzeit die Lage in Syrien? In den vergangenen Wochen kam es immer wieder zu Gefechten zwischen Truppen der Übergangsregierung in Damaskus und den kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) im Norden und Nordosten Syriens. Die Übergangsregierung unter Interimspräsident Ahmed al-Scharaa setzt sich dabei teils mit brutalen Mitteln durch. So wurde die kurdische Zivilbevölkerung aus Aleppo , der zweitgrößten Stadt des Landes, vertrieben. Die Position der Zentralregierung in Damaskus: Nach dem Sturz von Machthaber Baschar al-Assad im Dezember 2024 setzt al-Scharaa auf einen zentralistischen Staat unter Führung von Damaskus. Die Position der Kurden: Die Minderheit genießt im Norden des Landes weitgehend Autonomie. Im Kampf gegen die Terrorgruppe IS setzten auch die USA auf ein Bündnis mit den Kurden. Die warnen: "Die einzige Forderung" der Zentralregierung sei die "bedingungslose Kapitulation" der Kurden. Ein Vertreter der autonomen kurdischen Verwaltung rief die Welt "dringend" auf, eine "feste und entschlossene Haltung" zu zeigen. Was sieht das Waffenstillstandsabkommen vor? Nachdem ein erster Waffenstillstand gescheitert war, einigten sich beide Seiten am Dienstagabend erneut darauf, die Kämpfe einzustellen. Der Waffenstillstand soll zunächst für vier Tage gelten. In der Zeit sollen die SDF einen Plan ausarbeiten, wie sie ihre Institutionen weiter in die staatliche Ordnung eingliedern können. Das Abkommen umfasst 14 Punkte: So sollen die Kurden ihre Autonomiebehörden in den syrischen Zentralstaat eingliedern. Kurdische Milizkämpfer können sich auf individueller Basis der syrischen Armee anschließen. Die Übergangsregierung stellte den SDF auch in Aussicht, Kandidaten für zentrale staatliche Positionen benennen zu können, darunter das Amt des stellvertretenden Verteidigungsministers. Brisant: Das Papier sieht auch mögliche Freilassungen aus dem IS-Lager Al-Hol-Camp vor. Droht eine neue Welle von IS-Kämpfern? Sorge bereitet die Situation in und um Lager und Gefängnisse für IS-Kämpfer oder deren Angehörige. Diese liegen in den derzeit umkämpften Gebieten. Die SDF hatten im syrischen Bürgerkrieg vor allem mit einer von den USA angeführten Koalition gegen den IS gekämpft. Mit dem militärischen Sieg gegen die Terrormiliz wurden ihre Kämpfer und auch deren Familienangehörige in Lagern im Nordosten festgesetzt, um ein Wiedererstarken zu verhindern. Die Lager wurden von den SDF bewacht und verwaltet. Mit den neuen Kämpfen kam es zu Ausbrüchen von IS-Gefangenen. Durch den Vormarsch der Regierungstruppen und mit ihnen verbündeten Gruppen sahen sich die SDF schließlich gezwungen, die Kontrolle über das größte Lager – das Al-Hol-Camp – für Angehörige von IS-Kämpfern in Syrien aufzugeben und sich von dort zurückzuziehen. Die syrische Armee kündigte an, die Kontrolle zu übernehmen. Doch GDP-Chef Kopelke warnte vor möglichen Folgen für Deutschland. "Einige der seit Jahren mit ihresgleichen in Syrien einsitzenden Islamisten könnten auf Rache sinnen", sagte er dem "Tagesspiegel". Im Al-Hol-Camp sind Tausende Angehörige von IS-Kämpfern untergebracht – vor allem Frauen, Kinder und Jugendliche. Das Lager gilt zwar offiziell nicht als Gefängnis, wird von Bewohnern aber oft als solches beschrieben. Freiwillig verlassen können sie das Lager nicht. Schon seit Langem besteht die Sorge, dass hier die neue Generation der Terrororganisation heranwächst. Verantwortlichen im Camp zufolge übt der IS dort weiterhin Einfluss auf die Bewohner aus, stiftet zu Morden oder Angriffen an. Bewohner leben nach eigenen Aussagen in einer Art rechtsfreiem Raum. Menschenrechtsorganisationen beklagen immer wieder auch die katastrophalen humanitären Bedingungen, unter denen die Menschen dort leben. Es besteht die Sorge, der IS könnte die jüngsten Entwicklungen ausnutzen und zu neuer Stärke gelangen. Welche Rolle spielen die USA? Die USA haben im Kampf gegen den IS und das Assad-Regime stark auf die Kurden gesetzt. Im vergangenen Jahr traf sich US-Präsident Donald Trump in Washington aber mit dem syrischen Übergangspräsidenten al-Scharaa. Seither setzen die USA auf die Zentralregierung in Damaskus. Das wird auch in der Stellungnahme von Trumps Botschafter Barrack klar. "Die von Kurden angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) erwiesen sich bis 2019 als der effektivste Partner am Boden bei der Zerschlagung des territorialen Kalifats des IS", lobte Barrack auf X. Zugleich deutete er das Ende der US-Unterstützung an. "Der ursprüngliche Zweck der SDF als primäre Anti-Isis-Truppe vor Ort hat weitgehend ausgedient, da Damaskus nun sowohl bereit als auch in der Lage ist, die Sicherheitsverantwortung zu übernehmen, einschließlich der Kontrolle über IS-Haftanstalten und -Lager." Die USA wünschen eine Integration der Kurden in den syrischen Staat. Sie sehen für die Kurden in Syrien eine "große Chance" zur Integration in einen geeinten syrischen Staat "mit Bürgerrechten, kulturellem Schutz und politischer Teilhabe", wie der US-Sondergesandte Tom Barrack auf X mitteilte. Die SDF zählten in Syrien zu den wichtigsten Verbündeten der USA im Kampf gegen den IS. Für die Kurden zerschlägt sich damit aber die Hoffnung auf eine autonome Region in Syrien als Kern eines möglichen eigenen Staatswesens.