Während die Welt verfolgt, ob die USA den Iran angreifen, erstickt die iranische Bevölkerung in Angst und Trauer. Videos zeigen jetzt das Ausmaß der Gewalt, mit der das Regime Protestierende tötete. Der Schmerz der Bevölkerung im Iran sitzt tief. Das iranische Regime geht brutal gegen seine Gegner vor – bei den Massenprotesten am 8. und 9. Januar erreichte die Gewalt regimetreuer Einsatzkräfte gegen Protestierende wohl ihren Höhepunkt. Dabei lässt sich das Ausmaß der Gewalt und die tatsächliche Anzahl getöteter Demonstranten wegen der massiven Einschränkung des Internets nur schwer überprüfen. Eine Prüfung der Todesfälle führt derzeit die Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists News Agency (HRANA) durch: Sie identifizierte im Rahmen der Proteste inzwischen 6.842 bestätigte Todesopfer, bei 6.425 der Toten handelte es sich um Demonstrierende. 214 bestätigte Todesopfer sollen mit dem Regime verbundene Personen sein. 146 Tote waren demnach minderjährig und bei 57 Toten soll es sich um Zivilisten gehandelt haben, die nicht an den Protesten beteiligt gewesen seien. Geprüft würden derzeit weitere 11.280 Todesfälle, heißt es aus der Organisation. Newsblog: Irans Präsident ordnet neue Atomgespräche mit USA an "Starkes Signal": EU stuft Revolutionsgarde des Iran als Terrororganisation ein Einem Bericht des "Time"-Magazin zufolge liegt die Anzahl der Todesopfer, die allein am 8. und 9. Januar getötet wurden, weitaus höher: Zwei ranghohe Beamte des iranischen Gesundheitsministeriums gaben demnach an, dass an diesen zwei Tagen bis zu 30.000 Menschen getötet worden sein könnten. Dem setzt das iranische Regime eine eigene Darstellung entgegen: Die Staatsführung sprach zuletzt von 3.117 Todesopfern, darunter Zivilisten, Polizisten und rund 700 angebliche Terroristen. Ein Angestellter der Stadtverwaltung von Teheran äußerte sich empört: "Wie kann es sein, dass in allen Städten Irans Terroristen zur gleichen Stunde und am gleichen Tag beteiligt sind und die Menschen erschießen?", zitiert die Nachrichtenagentur dpa den 32-Jährigen. "Zu dieser Regierung gibt es kein Vertrauen mehr, sie ist nur damit beschäftigt, uns zu täuschen." Videos aus dem Iran entlarven Falschdarstellung des Regimes Erhebliche Zweifel an der Darstellung des Regimes weckt auch der Dokumentarfilm "Das Massaker von 2026 im Iran: Ein Blick in die Leichenhalle von Kahrizak" des Exilmediums "Iran International", der mit Videos von Augenzeugen Details zum Ausmaß der Tötungen offenbart. Dabei schildert die Redaktion unter Berufung auf Angehörige der Getöteten auch Praktiken, mit denen das Regime offenbar die eigentliche Anzahl der getöteten Protestierenden zu vertuschen versucht. Die Journalistin Farnoosh Faraji beschreibt in dem Film, dass die Redaktion insgesamt Tausende Videos und Fotos aus dem Landesinneren erreicht hätten. "Iran International" wurde vom iranischen Regime als terroristisch eingestuft und verfügt selbst nicht über Journalisten im Iran. Stattdessen berichtet das Team aus London und Washington auf Basis von Schilderungen aus der zivilen Bevölkerung des Landes. Die Abschaltung des Internets schränkte den Austausch mit den Menschen im Iran zwar massiv ein, aber auch nach den Massenprotesten gelang es offenbar weiterhin einzelnen Personen, Informationen mit der Redaktion zu teilen – mutmaßlich über Satelliten-Internet wie Starlink . Aufnahmen zeigen sich türmende Leichensäcke So soll das in dem Dokumentarfilm zu sehende Material Aufnahmen vom 10. Januar in einem Leichenschauhaus in Kahrizak, südlich der iranischen Hauptstadt Teheran, zeigen. Die Aufnahmen sind vor allem von Bergen von schwarzen Leichensäcken geprägt, die sich in Lagerhallen stapeln. Ähnliches Videomaterial liegt nach eigenen Angaben auch der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch vor. "Die Menschen hatten nicht einmal Platz, zwischen den Leichensäcken zu stehen", schildert Faraji die Aufnahmen. Man hört Männer und Frauen weinen, während ein Lkw nach dem nächsten die Leichen abtransportiert. Dann hört man jenen Mann, der die Leichensäcke filmt und offenbar seinen Sohn sucht, einen männlichen persischen Vornamen rufen: "Sepehr, wo bist du, Papa ist hier." Unter Tränen bezeichnet er den Anblick als "Verbrechen der Islamischen Republik". "Das ist Chameneis Verbrechen", ruft er. Auf seine Frage, ob sich in einem weiteren Abschnitt des Geländes weitere Leichen befinden, antwortet eine Person: "So weit das Auge reicht". Dann hört man den Mann weinend sagen: "Verdammt noch mal, du Bastard Chamenei, wo hast du unsere Kinder hingebracht?" Während der filmende Mann die Leichensäcke abläuft, sind Schreie der Angehörigen zu hören – aus den Leichensäcken ragen teils die Gesichter, teils auch mit Schusswunden übersäte Oberkörper der Toten. Iranisches Regime verdient offenbar mit den Leichen der Opfer Eine Frau in der Türkei , deren Verwandte einen Sohn habe, der bei den Protesten getötet worden sei, meldete sich offenbar mit weiteren Details bei "Iran International", die einen Handel des Regimes mit den Leichen schildern. Die Verwandten hätten den Körper des Sohnes in Kahrizak gefunden. Sie seien um acht Uhr morgens dort angekommen, um acht Uhr abends hätten sie seine Leiche entdeckt. Die Frau schildert, der Vater habe die Leiche seines Sohnes hochgehoben und umarmt – so wie man ein kleines Kind halten würde. Als sie den Körper ihres toten Sohnes wegtragen wollten, habe ein Wachmann sie gestoppt und gefragt: "Ihr denkt, ihr könnt ihn einfach so mitnehmen?" Daraufhin seien sie aufgefordert worden, ihm zu folgen. Der Wachmann habe den Leichensack geöffnet und gesagt: "Er wurde von drei Kugeln getroffen. Jeweils 85 Millionen Toman", habe er gefordert. Das entspricht nach derzeitigem Wechselkurs rund 679 US-Dollar beziehungsweise rund 573 Euro. Die Mutter des Toten habe entgegnet: "Der Grund, weshalb wir protestierten, war Armut und Elend – wo soll ich all das Geld herbekommen?" Daraufhin habe der Wachmann gesagt, dann werde der Körper verbrannt. "Sag, dein Kind war ein Basidschi" Ein anderer Wachmann habe der Familie einen Gefallen tun wollen, schildert die Journalistin von "Iran International" weiter: "Komm her und unterschreibe dieses Formular", habe er gesagt. "Sag, dein Kind war ein Basidschi (Angehöriger der Basidsch-Miliz, Anm. der Red.)." In welchem Verhältnis die Basisch-Miliz zu Irans Revolutionsgarden steht, lesen Sie hier. Die Schilderung deckt sich zum einen mit Angaben der UN-Sonderberichterstatterin für den Iran, Mai Sato. Sie verwies auf Berichte, denen zufolge Familien gezwungen werden würden, 5.000 bis 7.000 Dollar zu zahlen, damit die Leichname ihrer Angehörigen freigegeben werden. Das wiederum stelle angesichts der Wirtschaftskrise im Iran eine erdrückende Last dar, betonte sie. Zum anderen zeichnete Iran-Expertin Gilda Sahebi im Interview mit t-online Mitte Januar ein ähnliches Bild: Unter Berufung auf eine Person mit Verbindungen in den Iran erklärte sie, dass Angehörige 13.000 Dollar für die Leichen der Getöteten zahlen müssten. "Ohnehin ist es gängige Praxis des Regimes, dass es die Leichen nicht herausgibt. Oder sie versteckt, damit die wahre Anzahl an Toten nicht ans Licht kommt", ergänzte Sahebi. Proteste im Iran ersticken in Angst, Trauer und Depression Passend dazu verwies Mai Sato wiederum auf Berichte, wonach Protestteilnehmer aus Krankenhäusern verschleppt und inhaftiert werden würden. Das sei ein schwerer Verstoß gegen das völkerrechtlich verankerte Recht auf medizinische Versorgung. Indes schildert die Menschenrechtsorganisation HRANA, wie medizinischem Personal im Iran Konsequenzen angedroht werden, sollten sie verletzte Demonstranten behandeln. Die Journalistin von "Iran International" sagte in dem Dokumentarfilm, sie wisse nicht, was passiert, wenn die Internet-Blockade im Iran aufgehoben wird. "Ich denke, große Trauer wird sich ausbreiten – wie ein Fluss aus Blut, der auf uns zuströmt." Jeder sage, es herrsche eine gewisse Art der Depression. So sind die Proteste im Iran inzwischen weitgehend verstummt, während sich die öffentliche Debatte in westlichen Ländern weiter um die Frage dreht, ob und wann US-Präsident Donald Trump den Iran angreifen wird. Alle Entwicklungen zu einem möglichen Angriff der USA und potenziellen Verhandlungen mit dem iranischen Regime lesen Sie hier. Diese Lähmung im Inneren des Landes beschrieb auch Sahebi im Interview mit t-online: "Im Iran auf die Straße zu gehen und zu protestieren, gleicht inzwischen im Grunde einem Selbstmord." Am Sonntag schilderte zudem die deutsch-iranische Journalistin Natalie Amiri unter Berufung auf Augenzeugen, dass Protestierende im Iran regelrecht auf offener Straße hingerichtet werden. Wer überlebt und sich ins Krankenhaus begebe, riskiere, dort von den Schergen des Regimes festgenommen, verschleppt oder an Ort und Stelle getötet zu werden. "Da kann gar nichts mehr im Moment passieren, weil der Sicherheitsapparat so hochgefahren ist und man sich nicht einmal mehr traut zu weinen", so die Nahost-Kennerin unter Verweis auf einen Kontakt im Iran.