Desinformation zu Wahlen offenbart soziale Gräben in vier afrikanischen Ländern
Wahlprozesse werden häufig zum Ziel von Desinformation. Bildquelle: Pexels
Eine multinationale Studie hat aufgezeigt, wie koordinierte Desinformationskampagnen in Südafrika, Kenia, Nigeria und Senegal soziale und politische Gräben während Wahlperioden in den Jahren 2022 bis 2024 ausgenutzt haben. Selbst medienkompetente Studierende blieben anfällig für gefälschte Inhalte.
Die Studie, die von Africa Check mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung durchgeführt wurde, liefert eine detaillierte vergleichende Analyse zu gefälschten Inhalten im Zusammenhang mit Wahlen. Die Inhalte wurden auf Social-Media-Plattformen in den vier unterschiedlichen Demokratien verbreitet.
Forschende sammelten und analysierten Hunderte von gefälschten Inhalten – fingierte Social-Media-Beiträge, Bilder, Videos oder Audiodateien mit nachweislich falschen Behauptungen –, die während der letzten Wahlperioden in den einzelnen Ländern verbreitet wurden. Darüber hinaus führte das Team ausführliche Fokusgruppengespräche mit Studierenden aus dem medienwissenschaftlichen Bereich durch, um deren Wahrnehmung, Einstellung und Verhalten in Bezug auf Desinformation zu bewerten.
Hierbei fanden sie heraus, dass Desinformation nicht willkürlich auftauchte, sondern sich in jeder Gesellschaft auf „bereits bestehende Bruchlinien“ stützte. So sollten Misstrauen gesät, die öffentliche Meinung polarisiert und die Wahrnehmung der politischen Legitimität verzerrt werden.
Lokale Spannungen werden gezielt ausgenutzt
In allen vier Ländern zielten gefälschte Inhalte wiederholt auf Schwachstellen wie Misstrauen gegenüber Wahlprozessen, ethnische oder religiöse Spannungen oder Narrative, die Korruption und institutionelles Versagen betonten. Diese „Bruchlinien” waren laut dem Bericht nicht universell, sondern stark von den politischen und sozialen Realitäten jedes Landes geprägt:
- In Südafrika zielte ein erheblicher Teil der Inhalte darauf ab, das Vertrauen in die Integrität der Wahlen und die Fairness des Prozesses zu untergraben.
- In Kenia und Nigeria nutzte Desinformation vor allem religiöse und ethnische Spaltungen aus, die historisch mit Gewalt oder Spannungen während Wahlperioden in Verbindung gebracht werden.
- Im Senegal stützten sich gefälschte Inhalte tendenziell auf Wahrnehmungen von Umfrageergebnissen und die Unterstützung für hochkarätige Kandidaten.
Solche gezielten Falschmeldungen können „ein Klima der Unsicherheit, des Misstrauens und der öffentlichen Beunruhigung schüren“. Das gefährdet die demokratische Stabilität ausgerechnet in Zeiten, in denen die Bürger zuverlässige Informationen dringend benötigen, um Wahlentscheidungen zu treffen.
Reaktionen der Studierenden: Medienkompetenz hilft, reicht aber nicht aus
Eine Besonderheit der Studie war ihr Fokus auf Studierende in den Medienwissenschaften. Von dieser Gruppe wird erwartet, dass sie über eine höhere Medienkompetenz verfügt als die allgemeine Bevölkerung.
Tatsächlich zeigten die Studierenden in allen vier Ländern überdurchschnittliche Sorgfalt bei der Überprüfung von Informationen, bevor sie diese in sozialen Medien teilten. Sie lasen häufiger auch unter Überschriften weiter und stellten die Authentizität verdächtiger Beiträge eher in Frage.
Die Untersuchung ergab jedoch auch, dass Medienkompetenz allein die Studierenden nicht davor schützte, gefälschte Inhalte zu glauben oder zu verbreiten. Desinformation wurde dennoch geteilt, wenn sie emotional überzeugend war. Dies war beispielsweise der Fall, wenn sie die Sicherheit von Angehörigen betraf oder wenn sozialer Druck von Gleichaltrigen das Teilen von Inhalten beeinflusste.
Festgestellt wurden auch Unterschiede nach Geschlecht und Land:
- Männliche Studierende gaben im Allgemeinen an, sich online sicherer zu fühlen. Sie beschäftigten sich eher öffentlich mit politischen Inhalten, zeigten sich jedoch auch anfälliger dafür, gefälschte Inhalte und Verschwörungstheorien zu glauben.
- Weibliche Studierende waren zwar online vorsichtiger, äußerten jedoch eine größere Enttäuschung und Misstrauen gegenüber politischen Institutionen und dem Wahlprozess.
- Die Unterschiede zwischen den Ländern deuten darauf hin, dass der politische Kontext – wie beispielsweise das Vertrauen in Wahlgremien – damit zusammenhängen könnte, wie anfällig Studierende für Falschinformationen sind. Senegalesische Studierende schienen beispielsweise etwas weniger anfällig für Desinformation zu sein, was möglicherweise mit einer vergleichsweise höheren Zufriedenheit mit demokratischen Prozessen zusammenhängt.
Außerdem analysierte der Bericht, wie versucht wurde, gefälschte Inhalte authentisch wirken zu lassen. Zu den Strategien gehörten zum Beispiel die Verwendung von falsch attribuierten Videos und Bildern, als Fakten präsentierte Umfrageergebnisse und die Nachahmung vertrauenswürdiger Medien oder institutioneller Marken. In Kenia verwendeten falsche Behauptungen häufig offizielle Logos, um ihnen den Anschein von Legitimität zu verleihen.
Einheitslösungen greifen nicht ausreichend
Solche Desinformation stellt nach Auffassung der Forschenden eine ernsthafte Herausforderung für die Integrität von Wahlprozessen dar. Insbesondere Plattformen, auf denen Geschwindigkeit und Viralität oft wichtiger sind als Faktenchecks und Bemühungen einer Moderation, sind anfällig.
Die Autoren der Studie betonen außerdem, dass die Förderung der Medien- und Informationskompetenz zwar nützlich ist, aber kein „Wundermittel” darstellt. Maßnahmen, die den lokalen Kontext berücksichtigen, seien anstatt von Einheitslösungen nötig. Die Stärkung des Vertrauens in demokratische Institutionen könnte langfristigen Schutz vor den schädlichen Auswirkungen von Desinformation bieten.
„Desinformation wirkt im lokalen Kontext”, so das Fazit des Berichts, „und Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung müssen auf dem Verständnis der soziopolitischen Dynamiken basieren, die verschiedene Konfliktlinien anfällig dafür machen, ausgenutzt zu werden.”
Während sich die afrikanischen Länder auf weitere Wahlen in den kommenden Jahren vorbereiten, bieten die Ergebnisse von „Testing the Faultlines“ eine ernüchternde Erinnerung: Der Schutz der Demokratie erfordert mehr als Faktenchecks und Medienkompetenz, er erfordert systemische Anstrengungen, die Resilienz, Vertrauen und sozialen Zusammenhalt in Gesellschaften stärken, die zunehmend anfällig für digital verstärkte Unwahrheiten sind.
Dieser Artikel wurde zunächst vom African Journalism Educators Network (AJEN) veröffentlicht. Übersetzt ins Deutsche von Judith Odenthal mithilfe von DeepL.
Der Beitrag Desinformation zu Wahlen offenbart soziale Gräben in vier afrikanischen Ländern erschien zuerst auf Europäisches Journalismus-Observatorium (EJO).
