Welche Straßen werden nach orthodoxen Kirchen umbenannt?
(Foto: Jaroslaw Tschingajew/AGN Moskwa)
Der stellvertretende Vorsitzende der Finanzwirtschaftlichen Verwaltung der Russisch-Orthodoxen Kirche, Priester Alexander Priwalow, berichtete während eines Seminars für Pfarrer neuer Kirchenbauten von einem Gespräch mit nicht namentlich genannten Mitarbeitern des Moskauer Generalplan-Instituts. Laut dem Geistlichen sprachen sich Vertreter dieser staatlichen Einrichtung, die für die städtebauliche Planung zuständig ist, für eine Umbenennung Moskauer Straßen aus. „Sie halten es für notwendig, eine der ältesten Traditionen der Moskauer Toponymik zu stärken – neben der geografischen Bezugnahme und der Verewigung von Familiennamen Straßen nach den an ihnen gelegenen Kirchen zu benennen, wie es in unserem alten Moskau üblich war“, sagte er. Der Priester erinnerte zudem daran, dass nach eben dieser Tradition Straßen wie Iljinka, Pokrowka und Jakimanka ihren Namen erhielten.
Heute ist das nicht mehr jedem bewusst, doch früher wusste jeder Moskauer, dass die Iljinka nach der Kirche des Propheten Ilja, die Pokrowka nach der Maria-Schutz-Kirche und die Jakimanka nach der Kirche der heiligen Joachim und Anna benannt wurde. Aus Joachim wurde im städtischen Sprachgebrauch rasch Jakim.
Gemeinsam Moskau schmücken
Ob diese Idee verwirklicht wird, hänge vor allem von den Geistlichen selbst ab, meint Alexander Priwalow. „Wenn es eine kollektive Initiative ist, das heißt, nicht nur ein Pfarrer, sondern zehn bis zwanzig diese Idee unterstützen, dann wird der Generalplan sie mittragen.“ Er rief die im Christ-Erlöser-Dom versammelten Pfarrer auf, den Dialog mit dem Generalplan-Institut zu suchen. Denn es gehe um eine wichtige Angelegenheit, „denn Straßennamen sind das Schmuckstück Moskaus“, schloss der stellvertretende Leiter der Finanzwirtschaftlichen Verwaltung der Russisch-Orthodoxen Kirche.
Handelt es sich um die Benennung neuer Straßen, dürfte die Idee kaum auf Widerstand stoßen. In der Regel protestieren Moskauer nicht dagegen. Zu den wenigen Ausnahmen zählt die Unzufriedenheit einiger Bewohner von Süd-Butowo. Eine praktisch namenlose Straße (in der Hauptstadt gibt es ganze Serien von Straßen mit dem Namen „Projektierte Durchfahrt“, unterschieden nur durch Nummern) dieses Randgebiets erhielt 2004 den Namen des bei einem Terroranschlag ermordeten Achmat Kadyrow, Vaters des heutigen tschetschenischen Republikchefs. Sollte die Initiative jedoch auf alte Stadtviertel ausgeweitet werden, dürfte die Zahl der Unzufriedenen deutlich steigen.
Gar nicht neu
Generell werden in Moskau Straßen und U-Bahnhöfe überdurchschnittlich häufig umbenannt. Nach der Revolution von 1917 tauchten in der Hauptstadt massenhaft neue Ortsbezeichnungen auf – eine notwendige Zäsur mit dem alten System und Ausdruck des Neuen, das an seine Stelle trat. In den 1990ern erhielten viele Straßen ihre historischen Namen zurück: Aus der Gorki-Straße wurde wieder die Twerskaja, aus der Kirow-Straße die Mjasnizkaja, und der Dserschinski-Platz heißt wieder Lubjanka.
Doch wenn man begänne, Straßen entsprechend erhaltener oder einst in der Nähe gestandener Kirchen umzubenennen, würden einige historische Namen erneut verschwinden. So könnte die Malaja Dmitrowka (benannt nach der Handelsstraße Richtung Dmitrow) etwa zur Malaja Putinka werden – auf ihr befindet sich die Kirche der Geburt der Gottesmutter in Putinki (das hat nichts mit Putin zu tun). Nach der Christ-Erlöser-Kathedrale könnte man die Wolchonka benennen, die ihren Namen seit dem späten 18. Jahrhundert durch den Besitz der Fürsten Wolkonski trägt.
Und schließlich stünde wohl auch der Arbat, eine der bekanntesten Straßen der Hauptstadt, zur Debatte. Diese Bezeichnung türkischer Herkunft ist seit dem 15. Jahrhundert belegt. Im 16. Jahrhundert entstand an dieser Straße eine Kirche, die jedoch 1931 abgerissen wurde. Doch bis heute befindet sich am Arbat das Gemeindehaus der Kirche des Heiligen Nikolaus des Wundertäters. Dass die Straße nach einer bereits nicht mehr existierenden Kirche umbenannt werden könnte, steht außer Zweifel. So wurde etwa eine Straße, die von 1960 bis 1993 den Namen des Malers Archipow trug, in Spas-Glinischtschewskij-Gasse umbenannt. An ihr befindet sich keine orthodoxe Kirche, sondern lediglich die Moskauer Synagoge. Doch einst stand dort die Verklärungskirche des Erlösers in Glinischtschi, die ebenfalls 1931 abgerissen wurde.
Nicht nach allen Tempeln
Warum also nicht eine Straße nach der Synagoge benennen? Eine solche toponymische Tradition gibt es in Moskau schlicht nicht. Von der Spas-Glinischtschewskij-Gasse bis zur Starossadskij-Gasse sind es zehn Gehminuten. Dort steht der Haupttempel der lutherischen Gemeinde Moskaus, die Kathedrale St. Peter und Paul. Doch die Gasse ist nach der historischen Ortsbezeichnung benannt. Und im toponymischen Wettstreit mit der orthodoxen Kirche des heiligen apostelgleichen Fürsten Wladimir in Staryje Sady (Alten Gärten) hätte der lutherische Dom wohl das Nachsehen.
Der römisch-katholischen Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau Maria fehlt eine solche Konkurrenzumgebung. Doch hier liegt ein anderer Fall vor: Die Straße trägt einen „ethnischen“ Namen. Der Dom steht an der Malaja Grusinskaja, also die Georgien-Straße. Ebenso „ethnisch“ ist der Straßenname, an dem sich die historische Moschee befindet. Der Straßenname Malaja Tatarskaja verweist auf jene, die einst dieses Viertel besiedelten. Hier ist zumindest die Logik klar: Tataren sind Muslime.
Sollte es zu einer von oben verordneten Umbenennung der Straßen nach dem von Alexander Priwalow beschriebenen Muster kommen, wäre Unzufriedenheit praktisch garantiert. Der Verweis auf Tradition greift in diesem Fall nicht – besonders dann nicht, wenn eine Tradition eine andere bricht. Die Erfahrung lehrt: Straßennamen bewähren sich vor allem dann, wenn die Stadtverwaltung dem Volk folgt – und nicht umgekehrt.
Goscha Haimow
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