Ablösung von den Eltern: schwerer Abschied
Die Generation Z schätzt Erfahrung über alles und legt großen Wert auf persönliche Freiheit. Viele sind daher bereit, sich eine Wohnung mit Freunden zu teilen oder bescheideneres Wohnen in Kauf zu nehmen – Hauptsache, sie leben unabhängig. „Für sie haben persönlicher Raum und Selbstverwirklichung höchste Priorität. Sie sind mit der Idee aufgewachsen, unbedingt ihren Platz im Leben finden zu müssen – und eine eigene Wohnung ist dafür eine notwendige Voraussetzung“, erklärte die Gestalttherapeutin Swetlana Fadejewa der MDZ. Diese Generation reflektiert über persönliche Grenzen und toxische Beziehungen – und das Zusammenleben mit den Eltern verwischt diese Grenzen oft.
Doch Selbstständigkeit ist keineswegs eine Erfindung der Generation Z. Jewgeni (31) zog im zweiten Studienjahr von zu Hause aus. „Wir lebten mit meinen Eltern in einer geräumigen Wohnung im Moskauer Zentrum – und dann bin ich mit Freunden in eine heruntergekommene Zweizimmerwohnung in einem Schlafstadtviertel gezogen“, erinnert sich der junge Mann. Für 35 Prozent der vom WZIOM Befragten war der erste eigene Wohnsitz eine Mietwohnung. Jedoch unterstützten zumeist die Eltern solche unabhängige Kinder.
Jewgeni berichtet, dass die frühe Ablösung von den Eltern ihm half, eine gute Arbeitsstelle zu finden und später mit denselben Freunden ein eigenes Unternehmen zu gründen. Anschließend gründete er früh eine Familie und kaufte sich eine eigene Wohnung. Ganz anders verlief das Leben seines älteren Bruders, der heute 38 Jahre alt ist. „Er wollte kein Geld für eine Mietwohnung ausgeben und blieb deshalb im elterlichen Nest – bis heute lebt er bei ihnen. Äußerlich wirkt es, als würde ihn das zufriedenstellen, aber ich weiß, dass dem nicht so ist. In seiner Partnerschaft hat er große Schwierigkeiten“, so Jewgeni.
Das Zusammenleben mit den Eltern stellt für Männer ein ernsthaftes Hindernis bei der Partnersuche dar. Laut WZIOM möchten rund 70 Prozent der Russinnen keine Beziehung eingehen, wenn ein Mann nach dem 30. Lebensjahr noch bei seinen Eltern wohnt – und das unabhängig von seiner Attraktivität. Je jünger die Frau, desto strikter sind ihre Anforderungen: Nur 16 Prozent der jungen Russinnen wären bereit, eine Romanze zu beginnen.
Zu den Ausnahmen gehörte einst Olesja (28). Als sie ihren späteren Ehemann kennenlernte, war sie 18, er 23 Jahre alt. Drei Jahre später heirateten sie und zogen gemeinsam zu seinen Eltern. „Bald darauf wurde unsere Tochter geboren. Doch als sie vier Jahre alt war, sind wir mit ihr ausgezogen. Dass mein damaliger Mann nicht einmal versuchte, eine Wohnung zu mieten, zeigte mir, dass er infantil ist, keine Karriereambitionen hat und nicht in der Lage ist, unser Familienbudget zu planen“, berichtete sie der MDZ. Sie fügte hinzu, dass ihr Ex-Mann bis heute nichts verändert habe und weiterhin bei seinen Eltern lebe.
Für viele Frauen signalisiert das Zusammenleben eines Mannes mit den Eltern zudem, dass er nicht gelernt hat, alltägliche Aufgaben selbst zu bewältigen: nicht kochen, nicht waschen, kein Haushaltsbudget planen und den Haushalt nicht führen zu können. Dmitri (30) widerspricht dem entschieden. Bis vor wenigen Monaten lebte auch er bei seinen Eltern, erst kürzlich konnte er sich eine Zweizimmerwohnung per Hypothek leisten. „Ich habe bereits während des Studiums gearbeitet, habe nie auf Kosten von Mama und Papa gelebt und habe genauso wie sie bei der Wohnungsrenovierung mitangepackt, meine Wäsche selbst gewaschen, aufgeräumt und gekocht“, erläutert der Moskauer. Eigentlich habe er eine Mietwohnung angestrebt, doch das Geld reichte nicht – und obwohl sein Gehalt stieg, wuchsen die Wohnpreise noch schneller. „Meine Eltern haben sich nie in mein Leben eingemischt, mich nicht eingeengt und nicht unter Druck gesetzt. Ich bin ihnen dankbar, dass ich bei ihnen leben und gleichzeitig für eine eigene Wohnung sparen konnte“, betont Dmitri. Er fügt hinzu, dass auch seine Freundin noch bei ihren Eltern wohnt – und dass er das vollkommen verstehe. Solche Fälle sind nicht selten: Knapp die Hälfte der vom WZIOM befragten Männer stört es nicht, wenn eine Frau noch nicht von zu Hause ausgezogen ist. Dennoch würden 39 Prozent der vom WZIOM Befragten keine Beziehung mit solchen Frauen eingehen.
Der Prozess der Ablösung von den Eltern – wenn aus hierarchischen Beziehungen gleichberechtigte werden – ist äußerst komplex. Aber es schein so, dass die Generation Z gute Chancen auf eine frühe Ablösung zu hat. Wären da nur nicht die Wohnpreise.
Запись Ablösung von den Eltern: schwerer Abschied впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.
