Pfandhäuser stehen vor der digitalen Revolution
Ihre Zahl wächst stetig
Im vergangenen Jahr wandten sich die Russen häufiger an Pfandhäuser als in den Vorjahren, teilt der Nationale Verband der Pfandhäuser mit. Die Gesamtsumme der Pfandkredite erreichte rund 100 Milliarden Rubel, sowohl aufgrund neuer Kunden als auch wiederholter Inanspruchnahmen. Auch die Zahl der Filialen stieg: Landesweit gibt es mittlerweile mehr als 10.000 Pfandhäuser.
Russinnen und Russen verpfänden vor allem Schmuck: Eheringe, Ketten, Ohrringe, Armbänder und goldene Kreuze, aber auch Tafelsilber, Goldbarren und Münzen. Als besonders liquide gilt Gold. Es lässt sich leicht nach Gewicht und Feingehalt bewerten und wird nahezu garantiert akzeptiert. Zudem bringen Kunden digitale Geräte und Haushaltsgeräte zum Pfand: Smartphones und Tablets, Laptops, Spielekonsolen, Fotoapparate, Grafikkarten. Zu den traditionellen Pfandgegenständen in russischen Pfandhäusern zählen weiterhin Pelzmäntel und Pelzwaren, Uhren, Antiquitäten, Sammlerstücke, Musikinstrumente sowie Automobile und Motorräder.
Weniger streng reguliert
Die Arbeit deutscher Pfandhäuser oder Leihhäuser regelt ein Bundesgesetz aus dem Jahr 1903, in dem alle Verfahren detailliert festgelegt sind. Auch in Russland gibt es regulatorische Vorgaben, doch insgesamt ist die Regelung freizügiger als in Deutschland. Das betrifft etwa die Kundenidentifikation: Während ein Pfandhaus in Deutschland verpflichtet ist, sich zu vergewissern, dass der Kunde rechtmäßiger Eigentümer der Sache ist, bleibt in Russland das Risiko, zweifelhafte Gegenstände anzunehmen, höher. Zwar wurden die Anforderungen an die Identifikation in Russland in jüngster Zeit verschärft, aber die Liste der pfandfähigen Gegenstände ist in beiden Ländern weitgehend identisch, doch die Zinssätze können stark voneinander abweichen. In Deutschland bewegen sich die Sätze üblicherweise zwischen drei und sechs Prozent des Kreditbetrags pro Monat. In Russland können sie zehn und sogar fünfzehn Prozent des Kreditbetrags pro Monat erreichen.
Von Gehalt zu Gehalt
In der Sowjetzeit galt der Gang zum Pfandhaus als Symbol von Verarmung, heute blickt man etwas differenzierter darauf, erklärte die Ökonomin Irina Badmajewa der MDZ. Die Moskauerin Swetlana brachte mehrfach von Verwandten geerbten Goldschmuck in ein Pfandhaus bei einem Juweliergeschäft. „Die Stücke sind nicht modern, aus Rotgold, lagen ungenutzt in der Schmuckschatulle. Ich erhielt Geld dafür und kaufte mir schöne, zeitgemäße Dinge, die mir gefallen“, sagt sie.
Einige Kunden bringen Gegenstände nicht zum Verpfänden, sondern zum direkten Verkauf. Swetlanas Beispiel ist eher die Ausnahme. In der Regel nutzen Russen Pfandhäuser aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten. „Angesichts von Inflation und stagnierenden Einkommen sinken die realen Haushaltseinkommen, während gleichzeitig der Bedarf an schnellem Geld wächst. Und das zu einer Zeit, in der Banken die Kreditvergabe verschärfen“, so Irina Badmajewa. Die Expertin betont, dass Pfandhäuser eine der schnellsten Möglichkeiten seien, an Geld zu kommen, ohne Einkommensnachweise, Bonitätsprüfungen oder langwierige Formalitäten. „Ein erheblicher Teil der Bevölkerung lebt von Gehalt zu Gehalt, verfügt über kein finanzielles Polster in Form von Ersparnissen und nutzt daher Schmuck als Sicherheit“, erläutert die Analystin. Hinzu kommt der steigende Goldpreis: Seit Anfang Januar verteuerte sich das Edelmetall um 20 Prozent. Erstmals durchbrach sein Kurs die Marke von 5300 US-Dollar pro Unze.
Fortan auch digitale Vermögenswerte
Vor diesem Hintergrund wächst die Nachfrage nach einer Erweiterung der pfandfähigen Vermögenswerte, insbesondere um digitale Assets und Währungen. Geplant ist zudem die Annahme verschiedener Token, In-Game-Währungen und digitaler Sammlerstücke. Der Umgang mit ihnen soll analog zu den gewöhnlichen Pfandgegenständen erfolgen: Der Kunde bringt einen Datenträger mit Kryptowährungen ins Pfandhaus und erhält Geld als Pfandkredit. Nach Rückzahlung des Darlehens erhält er den Datenträger mit seinen digitalen Assets zurück. Experten schließen nicht aus, dass dieses Verfahren künftig vereinfacht werden könnte.
Laut Badmajewa würde die Neuerung eine zusätzliche Liquiditätsquelle erschließen. „Das wäre recht praktisch für Besitzer von Kryptowährungen und digitalen Assets: Sie hätten eine langfristige Investition und könnten bei Bedarf rasch an Geld gelangen“, ist die Ökonomin überzeugt. Langfristig dürfte sich der Pfandhausmarkt weiter ausweiten. Die russische Zentralbank hat die Initiative zur Schaffung digitaler Pfandhäuser für Transaktionen mit digitalen Vermögenswerten bereits unterstützt. Die Nachfrage der Bevölkerung nach solchen Dienstleistungen wächst weiterhin.
Запись Pfandhäuser stehen vor der digitalen Revolution впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.
