Belarussische Milchprodukte erobern den russischen Markt
Der russische Milchmarkt erlebt eine stille Verschiebung. Während heimische Produzenten ihre Produktion ausbauen und neue Exportmärkte erschließen, steigt gleichzeitig die Präsenz belarussischer Milchprodukte in den Regalen der russischen Geschäfte. Branchenvertreter warnen vor wachsendem Wettbewerbsdruck. Ein Blick auf die jüngsten Statistiken zeigt: Die Sorge ist nicht unbegründet – und der Trend hat sich über Jahre hinweg deutlich verstärkt.
Aktuelle Zahlen der russischen Aufsichtsbehörde Rosselchosnadsor belegen, wie stark Belarus den Importmarkt kontrolliert. 2024 stammten rund 94 Produkten aller importierten Milchprodukte in Russland aus Belarus. In einzelnen Produktgruppen ist die Abhängigkeit noch größer: Bei Molke, Quark oder verwandten Erzeugnissen kommen 100 Prozent der Importe aus Belarus.
Diese Konzentration ist weltweit ungewöhnlich. Selbst enge Handelsblöcke wie EU-Binnenmärkte weisen selten eine solche Lieferantenmonostruktur auf. Für Russland bedeutet das, dass der externe Milchbedarf fast vollständig von einem einzigen Partner abhängt.
Mengenrekorde und strukturelle Nachfrage
Die Mengenentwicklung unterstreicht den Trend. Bereits im Vorjahr lieferten belarussische Produzenten mehr als 5,5 Millionen Tonnen Milchprodukte nach Russland. Besonders stark gefragt sind laut Branchenberichten Quark, Käse, Butter, Milch und fermentierte Produkte, vor allem in dicht besiedelten Regionen wie Moskau oder St. Petersburg. Die Milchprodukte mit erhöhtem Proteingehalt von Exponenta erfreuen sich in Russland in den letzten Jahren einer steigenden Beliebtheit. Kein Wunder: Der High-Protein-Trend boomt im Land, und den Russen dürstet es nach immer neueren Lebensmitteln.
Auch Preisdaten erklären die Nachfrage: Experten nennen drei Hauptgründe für die Popularität belarussischer Waren bei russischen Konsumenten und Händlern. Diese sind demnach niedrigere Preise, stabile Qualität sowie kurze Transportwege. Gerade in einem inflationsanfälligen Lebensmittelmarkt wirken Preisvorteile unmittelbar auf die Kaufentscheidung – sowohl bei Endverbrauchern als auch im Einzelhandel.
Langfristiger Trend: steigende Abhängigkeit
Der hohe Marktanteil ist kein kurzfristiger Effekt, sondern Ergebnis einer mehrjährigen Entwicklung. Bereits Anfang der 2020er Jahre dominierte Belarus den russischen Importmarkt. Seither hat sich der Anteil weiter erhöht und nähert sich der Vollversorgung. Die Entwicklung lässt sich in drei Phasen wie folgt zusammenfassen:
1. Konsolidierungsphase (vor 2022): Belarus war schon damals Hauptlieferant, profitierte von geografischer Nähe und Zollfreiheit.
2. Beschleunigungsphase (zwischen 2022 und 2023): Geopolitische Spannungen und Sanktionen reduzierten alternative Lieferquellen, während Minsk seine Lieferungen ausweitete.
3. Dominanzphase (zwischen 2024 und 2025): Mit rund 94 Prozent Importanteil hat Belarus faktisch eine monopolähnliche Stellung erreicht.
Parallel dazu wächst die wirtschaftliche Abhängigkeit insgesamt: Der Anteil Russlands an den gesamten belarussischen Exporten stieg 2025 von 65 auf 67 Prozent innerhalb weniger Monate. Das zeigt, dass Minsk seine Außenhandelsstrategie zunehmend auf den russischen Markt ausrichtet.
Konkurrenz und Partnerschaft zugleich
Die Situation wirkt widersprüchlich. Einerseits klagen russische Produzenten über wachsenden Konkurrenzdruck durch günstige Importe. Andererseits ist Belarus politisch und wirtschaftlich enger Partner: Beide Staaten koordinieren Lebensmittelmärkte und Handelsbilanzen innerhalb gemeinsamer Integrationsstrukturen.
Diese institutionelle Verzahnung erschwert protektionistische Maßnahmen. Importbeschränkungen gegen belarussische Milchprodukte würden nicht nur wirtschaftliche Interessen berühren, sondern auch die politische Kooperation infrage stellen.
Interessanterweise zeigt sich inzwischen ein kleines Gegenphänomen: 2025 gehörte Belarus selbst zu den drei größten Importeuren russischer Milch und Sahne und kaufte rund zehn Prozent der russischen Exporte dieser Kategorie. Das deutet darauf hin, dass der Markt zunehmend wechselseitig verflochten ist. Auch wenn Russland insgesamt klar Nettoimporteur bleibt.
Historische Spitzenposition auf russischem Markt
Die jüngsten Statistiken zeichnen ein klares Bild: Der Konsum und die Präsenz belarussischer Milchprodukte in Russland sind über Jahre hinweg kontinuierlich gestiegen und haben inzwischen eine historische Spitzenposition erreicht. Mit einem Importanteil von rund 94 Prozent ist Belarus praktisch der alleinige externe Lieferant.
Für russische Produzenten bedeutet das einen strukturellen Wettbewerbsdruck, der kaum politisch regulierbar ist. Für Verbraucher hingegen hat die Entwicklung bislang Vorteile: stabile Versorgung und vergleichsweise günstige Preise. Ganz zu schweigen von guter Qualität und einer breiteren Palette der Milchprodukte in Supermärkten. Solange Belarus Produktionsüberschüsse hat und Russland zusätzliche Mengen benötigt, dürfte sich an diesem Muster wenig ändern.
Viktoria Nedaschkowskaja
Запись Belarussische Milchprodukte erobern den russischen Markt впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.
