Ein Kredit über 100 Jahre: Alphabet finanziert den KI-Boom über eine Methusalem-Anleihe. Ist das gerechtfertigtes Selbstvertrauen oder einfach nur übermütig? Schulden bis ins 22. Jahrhundert, ein Kredit über 100 Jahre: Der KI-Konzern Alphabet, Mutter der Suchmaschine Google, hat dieser Tage gleich mehrfach für eine Überraschung an den Kapitalmärkten gesorgt. Da war zunächst die Ankündigung, er wolle seine Investitionen in Künstliche Intelligenz mehr als verdoppeln. Auf sage und schreibe 185 Milliarden US-Dollar allein in diesem Jahr. Die zweite Überraschung: Alphabet hat zwar mehr als 100 Milliarden US-Dollar in der Kasse, doch zahlen sollen diese Investitionen andere. Und so gräbt das Unternehmen eine Idee aus, die nicht neu ist, aber überraschend: eine hundertjährige Anleihe . Alphabet hätte zehnmal so viel verkaufen können Es ist eine Wette auf die Zukunft, eine sehr lange Wette: Laufzeit bis 2126. Volumen: eine Milliarde Britische Pfund. Alphabets Methusalem-Bond, wie solche Anleihen auch genannt werden, war angeblich zehnfach überzeichnet, das heißt, Alphabet hätte zehnmal so viel davon verkaufen können. Die Nachfrage von Investoren war also groß. Aber wer trägt die Risiken? Eine Unternehmensanleihe mit so langer Laufzeit, das hat es seit fast dreißig Jahren nicht mehr gegeben. Zuletzt legten 1997 Motorola und IBM sogenannte Methusalem-Bonds auf. Eine Seltenheit. Selbst Staaten halten sich da zurück. Österreich hat so einen Bond, Belgien auch. Deutschland käme wohl nicht im Entferntesten auf die Idee. Denn die Risiken sind schwer zu überblicken. Gut 6 Prozent Zinsen – das ist nicht wenig 100 Jahre sind ein Laufzeit-Risiko. Niemand weiß, wie sich die Zinsen über diese Zeit entwickeln. Gerade bei so langen Laufzeiten reagieren Anleihen schon auf kleinste Bewegungen bei den Zinsen extrem empfindlich. Denn wenn die auch nur minimal steigen, purzeln die Anleihekurse. Das ist nichts für Kleinanleger. Eher sind Versicherungen und Pensionsfonds hier gefragt. Andererseits halten Investoren solche langlaufenden Papiere nicht bis zur Endfälligkeit. Daher stellen sich dann Fragen nach Laufzeit-Risiken nicht. Die Verzinsung von 6,125 Prozent bei Alphabets Methusalem-Anleihe ist zwar noch kein Angst-Aufschlag, aber eben auch nicht wenig. Trotzdem braucht es Geduld: Erst nach knapp 17 Jahren hätten Investoren ihr eingesetztes Geld über den Zins wieder zurück. Was ist in 100 Jahren? Aber was wäre, wenn Alphabet dann gar nicht mehr besteht? Neben der Laufzeit gibt es ein Existenz-Risiko: Motorola wie auch IBM, die damals solche Anleihen herausgegeben haben, gibt es zwar noch, sie sind auf ihren Gebieten aber längst nicht mehr so konkurrenzfähig wie einst. Die Frage stellt sich im Fall von Alphabet jedoch umso mehr, weil sich die KI-Welt ziemlich schnell dreht. Schneller als die reale Welt, in der Motorola und IBM damals Geschäfte machten. Und ob die Umsätze reichen, die die KI-Unternehmen vielleicht eines Tages machen werden, um auch noch solch hohe Ausgaben für Schulden zu bezahlen, ist ebenfalls fraglich. Denn am Ende sind Anleihen nichts anderes als Schulden. Immerhin stimmen die Ratings Ob diese Risiken mit gut 6 Prozent Verzinsung durch Alphabet ausreichend abgegolten sind, mag jede und jeder für sich entscheiden. Fakt ist: Milliarden und Abermilliarden am Anleihenmarkt zu finanzieren, ist kein Kinderspiel. Das können nur Unternehmen, die über eine entsprechende Bonität verfügen. In der Tat ist Alphabets Kreditwürdigkeit sehr gut: Die Rating-Agenturen S&P und Moody's bewerten das Unternehmen mit AA+ und Aa2. Bei S&P ist es das zweitbeste mögliche Rating, Moody's vergibt damit die drittbeste Bewertung. Heißt auf Deutsch: geringes Ausfallrisiko, hohe Wahrscheinlichkeit, dass Investoren ihr Geld wiederbekommen. Stand heute. Doch was passiert da gerade? Nach drei Jahren KI-Boom an den Börsen fragen Investoren derzeit nicht nur, ob und wann sich die Ausgaben für Künstliche Intelligenz rechnen, sondern auch, welche Geschäftsmodelle überhaupt überleben. Software-Unternehmen, Großkanzleien, Versicherungsmakler: Verschiedenste Unternehmen und Branchen gingen an den Börsen in die Knie aus Angst, dass sie überflüssig werden – schneller als gedacht. Es braucht neue Geldquellen Bisher haben börsennotierte Immobilienfonds, sogenannte REITs , den KI-Boom großteils finanziert. Sie stecken Milliarden in Rechenzentren, also in genau jene Infrastruktur, die den Hunger nach Daten, Chips und Strom erst möglich macht. Doch steigende Zinsen und höhere Baukosten machen das Geschäft anspruchsvoller. Ziehen sich einige Investoren zurück, braucht es neue Geldquellen. Unternehmen setzen also immer mehr auf Anleihen, um ihre Investitionen zu finanzieren. Früher waren es Industrieunternehmen, Banken und Versorger, die sich Geld am Anleihenmarkt besorgten. Heute sind es auch sogenannte Wachstumsunternehmen. Alphabet signalisiert Selbstvertrauen Alphabet hatte vorletzte Woche allein an einem einzigen Tag Anleihen für 20 Milliarden US-Dollar ausgegeben und weitere Papiere in Milliardenhöhe in Schweizer Franken und Britischem Pfund. Damit spricht man breite Zielgruppen an. Und signalisiert das eigene Selbstvertrauen und das Vertrauen, im KI-Rennen ganz vorn mit dabei zu sein und zu bleiben. Aber dieses Selbstvertrauen haben auch andere. Alphabet ist ja nicht das einzige Beispiel: Das Software-Unternehmen Oracle hat 25 Milliarden US-Dollar am Anleihenmarkt aufgenommen. Auch Meta und Amazon bringen immer mehr KI-Anleihen auf den Markt, im zweistelligen Milliarden-Bereich. Auch sie wetten selbstbewusst auf ihre Zukunft. Aber nicht alle KI-Unternehmen werden Epochen überdauern, so viel kann man heute schon sagen. Jahrhundert-Anleihe könnte Schule machen Anleger gehen dennoch mit: Der Technologie-Sektor ist derzeit die Branche mit den größten Anleihe-Emissionen. Und die Nachfrage ist da. Zugleich sind die Unternehmen in Zugzwang, weiteres Kapital aufzunehmen, um im KI-Wettlauf mitzuhalten. Und so könnte selbst das Beispiel Jahrhundert-Anleihe womöglich weiter Schule machen. Fakt ist: Die Kapitalmärkte sind gespalten zwischen den Besorgten, die sich fragen, ob die KI-Rechnungen aufgehen, und denen, die in diese Technologie vertrauen und bereit sind, hier zu investieren. Eine Gruppe wird Recht behalten. Wird Michael Burry wieder Recht behalten? Der Hedgefonds-Manager Michael Burry, der den Börsen-Crash 2008 vorausgesagt und enorm von diesem Ereignis profitiert hatte, kommentierte es so: Als Motorola 1997 seine hundertjährige Anleihe auf den Markt brachte, sei es eines der wertvollsten Unternehmen weltweit gewesen. 1997 sei aber das letzte erfolgreiche Jahr des Unternehmens gewesen. Man kann also zumindest darüber nachdenken, ob man all die finanziellen Risiken der KI-Welt auf die nächsten Generationen verschieben will. Insbesondere, wenn sie länger währen als ein Menschenleben.