Meinung: Frankreich fordert per Post zum Kinderkriegen auf – eine Frechheit!
Die Pariser Regierung informiert 29-Jährige bald postalisch über „schwindende Fruchtbarkeit“. Der Grund: Frankreich brauche mehr Kinder. Das ist übergriffig!
Ab diesem Sommer sollen in Frankreich alle 29-Jährigen Post erhalten: einen Brief, in dem darauf hingewiesen wird, dass die Fruchtbarkeit mit zunehmendem Alter abnimmt. Die (nicht besonders) unterschwellige Botschaft: Bekommt Kinder, bevor es zu spät ist! Absender dieser als Infoschreiben getarnten indirekten Aufforderung ist niemand anderes als die französische Regierung.
Einerseits ist das nachvollziehbar: Paare bekommen heute immer später und immer weniger Kinder. Innerhalb von nur zehn Jahren hat sich das Durchschnittsalter, in dem Frauen in der EU ihr erstes Kind bekommen, um ein ganzes Jahr nach hinten verschoben. In Deutschland sind Mütter beim ersten Kind 29,8 Jahre alt, in Ländern wie Spanien und Italien sogar 31.
Wie Studien belegen, ist der Grund in vielen Fällen, dass das Leben dazwischenkommt: Ausbildung oder Uni, ein paar Jahre arbeiten, um im Job Fuß zu fassen, und währenddessen einen Partner finden, der für eine potenzielle Familienplanung überhaupt infrage kommt. Oftmals sind Paare mit Anfang 30 zum ersten Mal an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie ernsthaft übers Kinderkriegen nachdenken können. Und wenn das dann nicht sofort klappt, ist man besonders als Frau schnell mit frustrierenden Statistiken konfrontiert, die für jedes Jahr, das man altert, Prozentwerte für sinkende Fruchtbarkeit und steigende genetische Risiken für den potenziellen Embryo bereithalten. Und tatsächlich ist eine Frau irgendwann schlicht zu alt für ein Kind – oft schneller, als sie das für möglich hält.
Ist es deshalb nicht sinnvoll, wenn der Staat rechtzeitig darauf hinweist, dass Schwangerschaften in jüngerem Alter meist unkomplizierter sind als später im Leben?
Könnte man meinen, dem ist aber nicht zwingend so. Auch in Deutschland werden Frauen ab einem gewissen Alter beim regelmäßigen Gynäkologen-Check meist ab dem 30. Geburtstag nach dem Stand ihrer „Familienplanung“ gefragt. Ab diesem Zeitpunkt weiß jede Frau, dass die biologische Uhr jetzt tickt. Wenn aber jemand mental noch nicht ansatzweise so weit ist, sich ein Familienleben ernsthaft vorstellen zu können, werden alle Zahlen und Fakten der Welt in diesem Moment kein Umdenken erwirken. Für eine Endzwanzigerin, die gerade mühsam ihr Bafög zurückzahlt und mit der Miete für ihre 5er-WG hadert, ist die Idee eines Kindes unendlich weit weg.
Für Kinder muss man in vielerlei Hinsicht bereit sein
Oft sind es die Frauen, denen man nach dem Blick in die Statistiken die „Schuld“ an sinkenden Geburtenraten zuschreibt. Dabei sind es in dieser Gleichung häufig die Männer, die die Pflichten und Einschränkungen des Vaterseins gern herauszögern – auch wenn noch immer die meiste Care-Arbeit von den Müttern erledigt wird, auch wenn Mütter im Vergleich zu Vätern nach wie vor enorme berufliche und finanzielle Nachteile erleiden, und auch wenn sie zudem oft durch Schwangerschaft, Geburt und Stillen massive Schmerzen und teils bleibende Schäden an Körper, Knochen und Organen hinnehmen müssen, die in der Medizin noch immer zu wenig beachtet und behandelt werden. So hadern enorm viele Frauen nach der Geburt jahrelang mit Inkontinenz – gesagt wird ihnen das vor dem Schwangerwerden meist nicht.
Die Männer können sich das Abwarten erlauben: Sie können im Zweifel auch mit 70 noch Nachwuchs zeugen, während Frauen, die mit 40 noch schwanger werden, schnell als verantwortungslos kritisiert werden.
Allerdings sind immer öfter auch die Männer Teil des Problems, wenn es bei Paaren mit dem Schwangerwerden nicht klappen will: Aus bisher ungeklärten Gründen nahm bei europäischen Männern die durchschnittliche Spermienkonzentration – also die Anzahl an Spermien pro Milliliter Ejakulat – über die letzten 50 Jahre um etwa 32,5 Prozent ab. Tendenz steigend.
Keine Kinder für irgendeinen Staat
Der Hauptgrund aber, warum ein Brief, wie er in Frankreich geplant ist, gar nicht geht: Die Entscheidung für oder gegen Kinder ist eine extrem private. Vielleicht wäre eine solche Massenaussendung von den Krankenkassen akzeptabel, solange es sich um sachliche Informationen und Hinweise handelt. Ganz sicher aber nicht von einer Regierung, der diese Idee überhaupt erst gekommen sein dürfte, nachdem 2025 in Frankreich zum ersten Mal mehr Einwohner starben als geboren wurden. Hier interessiert sich niemand für das persönliche Glück oder die verpassten Chancen von Paaren – hier fordert jemand: Mehr Kinder für Frankreich!
In unseren modernen Zeiten, in denen sich viele Paare selbstkritisch fragen, ob das Kinderkriegen nicht per se ein egoistischer Akt ist und man einen kleinen Menschen in die Welt setzen darf, bloß weil dies das eigene Leben bereichern würde, kann nicht eine Regierung ganz selbstkritikfrei das Fortpflanzen einfordern, nur um in gewissen Statistik-Tabellen angenehmere Zahlen stehen zu haben. Und eine solche Forderung vonseiten eines Staates hat immer einen extrem säuerlichen Beigeschmack. Man muss nur in der deutschen Geschichte ein paar Jahrzehnte zurückgehen und stolpert über Mutterkreuze und ganz ähnliche, wenn auch drastischer formulierte Aufrufe der Hitler-Regierung.
Die Briefsendungen sind keine nett gemeinten Hinweise – sie haben letztlich den Sinn, die Wirtschaft in Frankreich am Laufen zu halten, indem es weiterhin ausreichend viele französische Arbeitnehmer gibt.
Das aber ist nicht das Problem einzelner 29-Jähriger, die aktuell genügend andere Sorgen haben dürften – seien es hohe Mieten, berufliche Unsicherheit und stetig steigende Preise. Politische Konflikte und die drohende Klimakrise machen womöglich auch nicht unbedingt Lust auf Familiengründung.
Ein Staat kann letztlich nur eines tun: die bestmöglichen Voraussetzungen für Familien schaffen. Finanzielle und berufliche Sicherheit, ein gesellschaftliches Klima, das Männern die gleiche Verantwortung als Elternteil zuschreibt wie Frauen, gesicherte Betreuungsangebote, problemloser Zugang zu einer guten medizinischen Versorgung. Alles darüber hinaus ist Privatsache.
Wenn Eltern ihre erwachsenen Kinder fragen, wie es denn mit der Planung von Enkelkindern aussehe, darf man auf diese Frage durchaus patzig reagieren. Und wenn sich bei diesem Thema nicht einmal die eigenen Eltern einmischen dürfen, dann darf das eine Regierung erst recht nicht.
