Die CDU hat in Baden-Württemberg knapp den lange sicher geglaubten Wahlsieg verpasst. Der Kanzler verbittet sich Schuldzuweisungen, dabei gibt es die natürlich in der Partei. Genau wie eine Hoffnung und eine Sorge. Nein, ein Lächeln geht Friedrich Merz an diesem Montagmittag nicht über die Lippen, als er im Berliner Konrad-Adenauer-Haus vor die Presse tritt. Gibt ja nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg auch nicht viel zu lachen für die CDU . Und doch wirkt der CDU-Chef und Kanzler gefasst, aufgeräumt. Merz spricht schnell, dankt dem Spitzenkandidaten im Südwesten, Manuel Hagel, betont, die CDU habe als einzige Partei hinzugewonnen, beklagt eine "Kampagne" der Grünen und gratuliert trotzdem dem Wahlsieger Cem Özdemir . Irgendwann spricht Merz dann doch von einem "bitteren Ergebnis" und sagt: "Es wird hier weder Schuldzuweisungen aus Baden-Württemberg an den Bund geben noch andersherum. Wir gewinnen zusammen und verlieren zusammen." Ist das so? Berlin ist nicht schuld. Und die Grünen haben unfair gespielt. Das ist die offizielle Deutung der Wahlniederlage in Baden-Württemberg, wo Manuel Hagel einen 14-Prozentpunkte-Vorsprung knapp nicht über die Ziellinie bringen konnte. Im vertraulichen Gespräch aber wird sie natürlich doch gestellt, die Frage nach der Schuld. Und der Blick richtet sich darauf, was das alles für die Koalition mit der SPD im Bund bedeutet – und für die Wahl in Rheinland-Pfalz. Schuldabweisung statt Schuldzuweisung Friedrich Merz gibt sich an diesem Montag nach der Wahl alle Mühe, Abstand zwischen die knappe Niederlage ("etwas mehr als 27.000 Stimmen haben für den Sieg gefehlt") und seine Bundesregierung in Berlin zu bringen. Gewissermaßen eine Schuldabweisung statt einer Schuldzuweisung. Geteiltes Ministerpräsidenten-Amt im Ländle? Das steckt hinter der CDU-Idee SPD-Debakel: Ihr Ablenkungsmanöver geht nach hinten los Grünen-Fraktionsvize Dröge: "Ich habe gar keinen Bock auf Flügelkampf" Es habe keine Wechselstimmung gegeben im Land, auch weil Grüne und CDU zusammen regiert hätten, sagt Merz. Eine Mehrheit der Wähler habe "landespolitische Themen als ausschlaggebend für ihre Entscheidung" angegeben. Die entscheidende Frage sei gewesen, wer die Landesregierung anführen solle. Die Umfragen nach der Wahl geben all das her. Sonderlich schmeichelhaft ist es für den Mann, der neben ihm steht, nicht: Spitzenkandidat Manuel Hagel. Der nimmt es sportlich und bescheinigt seinem Parteichef: "Wir hatten Rückenwind aus Berlin von unserem Bundeskanzler Friedrich Merz." Es ist eine mutige Deutung, die am Wahlabend schon Kanzleramtschef Thorsten Frei angestimmt hatte. Und Friedrich Merz begründet sie auf Nachfrage einer Journalistin an diesem Tag ganz ähnlich: nämlich vor allem mit einer neuen Umfrage aus der vergangenen Woche, in der die Union zwei Prozentpunkte hinzugewonnen hat. Rückenwind aus Berlin? Das geht manchem zu weit Eine einzige gute Umfrage als Beleg für den Rückenwind? Das geht hinter vorgehaltener Hand selbst vielen in der CDU zu weit. Unterstützt werden sie von den Umfragen nach der Wahl, die am Sonntagabend über die Fernsehschirme flimmern. Die Forschungsgruppe Wahlen etwa hat für das ZDF ermittelt, dass 38 Prozent glauben, Friedrich Merz habe der CDU in Baden-Württemberg geschadet. Nur 13 Prozent schätzten den Kanzler als hilfreich im Wahlkampf ein. Und dann war da ja noch die Sache mit der "Lifestyle-Teilzeit" und andere verunglückte Debatten. Selbst 58 Prozent der CDU-Anhänger sind der Umfrage zufolge der Meinung, die Diskussionen über Arbeitszeit, Krankenstand und Renteneintritt hätten geschadet. Unter allen Wählern waren es sogar 72 Prozent. Und doch gehen in der CDU die Ansichten über den Einfluss des Bundes auseinander. Manche Baden-Württemberger berichten, sie seien auf die "Lifestyle-Teilzeit" noch bis zum Schluss an den Wahlkampfständen angesprochen worden. Andere glauben, der Bund habe dem Wahlkampf diesmal weder wirklich geholfen noch geschadet. Eine ausgeprägte Stimmung gegen Merz und die Bundesregierung scheint nach der Wahl jedenfalls nicht weitverbreitet zu sein. Das ist die gute Nachricht für den Kanzler. Zu bieder, zu staatstragend Wer sich in Stuttgart und in Berlin bei der CDU umhört, der trifft stattdessen noch auf ein paar andere Erklärungen für die Wahlniederlage . Es gibt sie, die CDU-Politiker hier wie dort, die vor allem Manuel Hagel insgeheim vorwerfen, zu zahm aufgetreten zu sein. Zu bieder, zu staatstragend, im Vergleich zu Özdemir auch zu steif. Und dann sei er auch noch zu spät ins Duell mit den Grünen eingetreten. Wie so oft in der Politik macht in der Partei ein Fußballvergleich die Runde: Hagel habe einen Wahlkampf geführt, als läge er 2:0 vorn und müsse offensiv nichts tun. Wer das aber zu lange so mache, dem könne es eben leicht passieren, dass er sich noch zwei, drei Tore fängt. Das mit der "Schmutzkampagne" der Grünen meinen viele besonders in Stuttgart sehr ernst. Am Wahlabend wirken viele ernsthaft angefasst und wütend. In Berlin aber wird auch darauf verwiesen, dass Hagel und sein Team auf das "Rehaugen"-Video besser hätte reagieren müssen und er die Lehrerin im zweiten Video nicht so hätte abkanzeln dürfen, zumal als Spitzenkandidat im Wahlkampf. Eine Hoffnung und eine große Sorge Bei vielen in der CDU geht der Blick aber ohnehin schon wieder nach vorn. Mit der Niederlage in Baden-Württemberg hatten sich manche in Berlin insgeheim offenbar schon seit einer Woche abgefunden. Nachdem Baden-Württemberg durch den noch im Oktober gewaltigen Vorsprung von 14 Prozentpunkten lange als quasisicherer Sieg eingepreist wurde. Jetzt aber haben einige in der CDU eine neue Hoffnung und eine große Sorge. Die Hoffnung verbindet sich mit der Wahl in Rheinland-Pfalz am 22. März. In Berlin war mancher lange vergleichsweise pessimistisch, was einen möglichen Erfolg von CDU-Kandidat Gordon Schnieder gegen SPD-Kurzzeit-Amtsinhaber Alexander Schweitzer anging. Jetzt aber erhoffen sich einige eine SPD, die durch das miese Baden-Württemberger Ergebnis verunsichert ist und Fehler macht. Und sie verweisen auf eine CDU, die trotz aller Probleme ja auch im Ländle 5,6 Prozentpunkte hinzugewonnen hat. Warum also nicht auch in Rheinland-Pfalz? Zumal manch einer Gordon Schnieder als nahbarer, geländegängiger und mutiger wahrnimmt als Manuel Hagel. Und der Abstand bei den Persönlichkeitswerten zum SPD-Konkurrenten zwar vorhanden ist, aber eben längst nicht Özdemir-Niveau erreicht. Friedrich Merz richtet vor der Presse einen Appell an die Rheinland-Pfälzer: Wer Reformen wolle, müsse die CDU wählen. Und zwar mit beiden Stimmen. Es ist eine Lehre aus Baden-Württemberg, wo die CDU bei den Erststimmen deutlich besser abgeschnitten hat als bei den Zweitstimmen. Und Merz geht noch weiter: "Die FDP ist seit gestern endgültig von der politischen Bühne in Deutschland verschwunden", sagt er nach deren Ausscheiden aus dem Stuttgarter Landtag. Er wolle alle Wähler der FDP auffordern, in Rheinland-Pfalz die CDU zu wählen. Sorge um die SPD – und die Bundesregierung Sorgen allerdings, das ist die schlechte Nachricht, machen sich viele in der CDU um die Dynamik in der Bundesregierung. Sie fürchten sich davor, dass die SPD nach der Niederlage "in alte Muster" verfällt und weiter nach links rückt. Damit würde noch schwieriger, was die Union jetzt unbedingt will: tiefgreifende Reformen. Und der Streit mit der SPD größer. Friedrich Merz weiß das natürlich und versucht, die Diskussion gar nicht erst aufkommen zu lassen. Er habe noch am Abend mit SPD-Chefin Bärbel Bas und heute Morgen mit SPD-Chef Lars Klingbeil telefoniert. "Wir sind uns einig, dass dieses Ergebnis keine Auswirkungen auf die Bundesregierung hier in Berlin haben wird." Man werde selbstverständlich weiter zusammenarbeiten, sagt Merz vorsorglich. Und man werde "bei notwendigen Reformen mehr und substanzieller etwas hinbekommen müssen, damit wir aus dieser schwierigen wirtschaftlichen Lage herauskommen". Nur weiß Friedrich Merz natürlich auch, dass Politik so nicht funktioniert: ein Anruf, eine Absichtsbekundung und dann läuft alles wie gewohnt weiter. Trotz aller Niederlagen, trotz der wachsenden Nervosität in der SPD, aber eben auch in der CDU. Bis zur Wahl in Rheinland-Pfalz, so die Erwartung bei vielen Christdemokraten, dürften sich alle noch mal zusammenreißen. Zwei Wochen Schonfrist also. Nur was ist danach?