Ex-Spieler Marcel Sobottka ist nach der Auftaktpleite klar, bei Fortuna Düsseldorf läuft noch nicht alles rund. Im Interview erklärt er, wo es hakt – und mahnt zu Geduld. Fortuna trägt er immer noch im Herzen – kein Wunder, hat Marcel Sobottka doch zehn Jahre lang in 231 Partien das rot-weiße Trikot getragen. Entsprechend aufmerksam verfolgt der ehemalige Vizekapitän auch noch immer alles rund um den Klub. Und er war nach der Auftaktpleite in Mannheim, so wie auch viele Fans, erst mal ernüchtert. Im Exklusivinterview mit t-online erklärt der 32-Jährige, was aus seiner Sicht die größten Probleme bei der Fortuna sind, worauf es jetzt auch mit Blick auf das erste Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim II am Samstag ankommt und wo er seinen Ex-Klub am Ende der Saison erwartet. t-online: Marcel Sobottka, schlägt Ihr Herz immer noch für Fortuna? Marcel Sobottka: Ja, definitiv. Mein Herz ist und bleibt geteilt zwischen Blau und Rot. Ich habe ein Drittel meines Lebens bei Fortuna verbracht, dort viele Freunde kennengelernt und zu vielen privat noch regelmäßig Kontakt. Aus dem aktuellen Kader etwa mit Tim Oberdorf, weil wir uns gut angefreundet haben. Auch zu einigen Leuten aus dem Trainer- und Betreuerstab habe ich noch Verbindungen. Deshalb habe ich natürlich auch immer ein Auge auf Fortuna und habe mir das erste Saisonspiel auch komplett angeschaut. Newsblog zu Fortuna Düsseldorf : Fortuna leiht Mittelfeldspieler vom KSC aus Rockstar schickt Gruß aus dem Stadion: Fortuna mit prominentem Support im Abstiegskampf Panne bei Fortuna Düsseldorf: Neues Auswärtstrikot versehentlich im Shop enthüllt Waren Sie enttäuscht vom Auftakt in Mannheim? Natürlich war das erst einmal ernüchternd. Fortuna wird als Absteiger automatisch als Aufstiegsfavorit gesehen, dazu kommen 19.000 Dauerkarten und eine große Erwartungshaltung. Aber man darf nicht vergessen, dass es eine komplett neu zusammengestellte Mannschaft ist, die auf ein eingespieltes Drittligateam getroffen ist. Gerade in der ersten Halbzeit hat man gesehen, dass noch einiges fehlt – bei den Zweikämpfen, der Kompaktheit und im defensiven Verhalten. Fortuna Düsseldorf hat noch einige Baustellen. Gleichzeitig war es der erste Spieltag. Die Mannschaft muss sich erst finden. Wenn gegen Ende noch das 2:2 fällt, ist vielleicht sogar noch ein Sieg möglich. Im Fußball entscheiden oft Kleinigkeiten. Muss Fortuna in der 3. Liga schneller lernen, dass es auch um Kampf und Intensität geht? Die erfahrenen Spieler wissen eigentlich, worauf es ankommt. Natürlich war die Zweikampfquote teilweise zu schlecht. Wenn du nach 30 Minuten auf die Statistik schaust und die Quote beispielsweise bei 65 Prozent für die andere Mannschaft liegt, ist das ganz klar zu wenig. Aber im Fußball kann ein Spiel auch durch Kleinigkeiten kippen. Ich würde deshalb jetzt nicht direkt alles infrage stellen. Die Mannschaft braucht Zeit und wird sich mit den Wochen einspielen. Fortuna setzt stark auf erfahrene Spieler wie Heintz, Förster oder Schleusener. Ist das der richtige Weg? Ich bin ein Fan von einem guten Mix. Junge Spieler brauchen erfahrene Leute, die Stabilität geben. Gleichzeitig brauchst du aber auch die Unbekümmertheit und Dynamik der Jungen. Wenn du einen erfahrenen Spieler bekommst, der noch voll leistungsfähig ist und der Mannschaft helfen kann, spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, ihn zu holen. Wenn diese erfahrenen Spieler, die auch einen gewissen Anspruch haben, plötzlich auf der Bank sitzen: Wie groß ist das Konfliktpotenzial? Das ist keine Frage des Alters, sondern des Charakters. Wenn ein älterer Spieler nicht spielt, ist er nicht automatisch ein Stinkstiefel. Und ein junger Spieler kann genauso unzufrieden sein wie ein älterer. Deshalb sollte man bei Transfers nicht nur auf die fußballerische Qualität schauen, sondern auch darauf, wie jemand als Typ tickt. Wenn jemand eine Ich-AG gründet, funktioniert eine Mannschaft irgendwann nicht mehr. Das hat man auch im letzten Jahr gesehen, da waren schon ein paar schwierige Typen dabei. War die Kaderzusammenstellung das größte Problem in der Vorsaison, die dann mit dem Abstieg endete? Ich glaube nicht, dass es den einen Grund gab. Es war eine Mischung aus vielen Dingen. Ich bin zu weit weg, um das seriös zu beurteilen, und kenne auch nur einen Teil der Geschichte. Wichtig ist, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, damit es nicht wieder passiert. Wenn viele Menschen zusammenarbeiten, ist das immer komplex. Man muss viel miteinander reden und vernünftig miteinander umgehen. Größter Aufreger nach dem Auftaktspiel war die Startaufstellung. Junge Spieler wie Slimani und Arden saßen trotz starker Vorbereitung nur auf der Bank. Von außen ist das immer schwierig zu beurteilen. Man sieht schließlich nicht die Trainingswoche. Vielleicht war ein junger Spieler in der Vorbereitung überragend und hat dann in den letzten beiden Einheiten trainiert wie eine offene Hose. Vielleicht gab es auch taktische Gründe oder äußere Faktoren wie eine ungewohnte Kulisse. Ich finde deshalb, dass man dem Trainer vertrauen muss. Er sieht die Spieler jeden Tag und hat seine Gründe, warum er sich für eine bestimmte Aufstellung entscheidet. Er kennt die Jungs, sieht sie jeden Tag und spricht mit ihnen. Im Optimalfall hat er einen guten Zugang zu ihnen und kann die Situation gut einschätzen. Was sollte ein junger Spieler machen, wenn er trotz guter Vorbereitung nur auf der Bank sitzt? Braucht er Zuspruch? Weiterarbeiten! Natürlich bist du enttäuscht und angefressen, wenn du nicht spielst. Aber du brauchst nicht unbedingt jemanden, der dich streichelt. Dein Gedanke sollte auch nicht sein: "Der Trainer ist ein Idiot." Sondern: "Jetzt zeige ich ihm, dass ich besser bin." So entsteht Leistungsdenken. Man kann nicht jeden ständig weich betten. Das ist Leistungssport – und am Ende auch eine Charakterfrage. Wie schätzen Sie Fortunas Chancen in dieser Saison ein? Die 3. Liga ist extrem ausgeglichen. Bis zum Schluss können viele Mannschaften oben mitspielen. Fortuna gehört aufgrund des Kaders und der eigenen Ansprüche aber definitiv zu den Teams, die um den Aufstieg kämpfen können und wollen. Garantiert ist natürlich nichts. Das hat man zuletzt auch bei anderen Mannschaften gesehen. Du musst dir den Erfolg jede Woche neu erarbeiten. Manchmal spielst du dich auch in einen Flow, wie Duisburg im vergangenen Jahr. Und manchmal fehlt dir das Quäntchen Glück. Es kann ganz schnell in beide Richtungen gehen. Kapitän Jorrit Hendrix spricht offen vom Aufstieg als Ziel. Ich war selbst eher zurückhaltend mit solchen Parolen. Sobald du ein Ziel nach außen formulierst, wirst du daran gemessen. Nach einer Niederlage heißt es dann schnell: "Ist der Aufstieg jetzt gefährdet?" Was nach einem Spiel natürlich Quatsch ist. Aber es gibt auch kein Richtig oder Falsch. Jorrit ist ein Führungsspieler und geht auf dem Platz voran. Wenn er diese Verantwortung übernimmt, finde ich das völlig in Ordnung. Sie haben anfangs schon die 19.000 verkauften Dauerkarten erwähnt, dazu kommt das große Stadion. Sorgt eine solche Kulisse für Rückenwind – oder eher für Druck? Beides. 19.000 Dauerkarten und ein großes Stadion können eine enorme Wucht entwickeln. Ich hatte bei Fortuna immer das Gefühl, dass Mannschaft und Publikum einen guten Draht hatten und sich gegenseitig getragen haben. Aber wenn es schlecht läuft, kann dieselbe Wucht natürlich auch Druck erzeugen. Das gehört zu einem Verein wie Fortuna dazu. Wie lange braucht ein derart neu zusammengestellter Kader, bis er wirklich eine Einheit ist? Das kann man nicht an einer bestimmten Zahl von Wochen festmachen. Erst einmal muss das Transferfenster geschlossen sein, dann braucht die Mannschaft Spiele. Natürlich gilt: Je schneller man sich findet, desto besser. Und Erfolg hilft dabei enorm. Wenn du gemeinsam gewinnst, wird vieles leichter. Wie viel Geduld sollten die Fans nach dem verpatzten Auftakt haben, bis sie sich eine fundierte Meinung bilden können? Eine Meinung darf jeder jederzeit haben. Sie sollte aber sachlich und angemessen sein. Nach ein, zwei Spieltagen schon alles infrage zu stellen, halte ich für übertrieben. Die Mannschaft sollte jetzt Unterstützung bekommen. Man ist schließlich Fan, um die Jungs zu unterstützen – nicht, um sie jedes Wochenende zu beleidigen. Natürlich darf man enttäuscht sein, aber es sollte immer angemessen bleiben. Wie lautet Ihr Tipp? Wo landet Fortuna am Ende der Saison? Ich bin schlecht in Tippspielen, aber ich hoffe und glaube, dass Fortuna mindestens unter die ersten Sechs kommt. Im besten Fall natürlich unter die ersten drei Mannschaften. Dann bleibt eigentlich nur die Frage, wann wir Sie wieder auf dem Platz sehen? Hoffentlich bald. Aktuell trainiere ich bei der U23 von Schalke mit und kann mich dort fit halten. Körperlich fühle ich mich gut und habe keine Probleme. Ich warte jetzt auf den Verein, der anruft und mit mir arbeiten möchte. Ich liebe Fußball und merke, dass ich auf dem Platz noch mithalten und einer Mannschaft einen Mehrwert bieten kann. Solange ich dieses Gefühl habe, möchte ich weiterspielen. Ich hoffe, dass jemand meine 32 Jahre nicht als "Ü50" sieht, sondern als Erfahrung. Ich kann einer Mannschaft auf dem Platz und auch in der Kabine noch einiges geben. Vielen Dank für das Gespräch!