Sven Schulze und die CDU holen in Sachsen-Anhalt ein miserables Ergebnis. Schulze droht, alles zu verlieren: seine Regierung – und seine politische Karriere. Es ist mucksmäuschenstill, als um 18.01 Uhr die ersten Zahlen über den Bildschirm flackern. Dass es schlecht wird, damit hatten viele hier bei der Wahlparty der CDU in Magdeburg gerechnet. Aber so schlecht? "Ich muss mal kurz an die frische Luft", sagt ein Mann auf dem Weg zur Tür. "Katastrophe", sagt eine Frau. "Katastrophe", antwortet eine andere und nickt. Ein Mann mit Bier sagt: "Ich glaube, ich hätte doch nicht alkoholfrei nehmen sollen." Als Nina Warken, die neue CDU-Kanzleramtschefin, ein paar Minuten später auf dem Bildschirm diese "Katastrophe" in diplomatische Fernsehworte fassen muss, hört schon kaum noch jemand zu. Zäsur für das Land, Zäsur für die Partei. Trifft uns. So klingt das ungefähr. Wenig später stellt jemand den Fernseher aus. Dieses Programm gefällt hier niemandem. Es ist ein miserables Wahlergebnis für die CDU in Sachsen-Anhalt. Und für Sven Schulze , den Ministerpräsidenten und Spitzenkandidaten. Die CDU ist weit entfernt vom Ziel, zumindest weiterzuregieren. Für Schulze persönlich geht es jetzt nicht nur um sein Amt als Ministerpräsident, sondern um seine politische Karriere. Seine Gegner bringen sich in Stellung. Ein ungewöhnliches Treffen Es ist 14.30 Uhr, als es zum ersten Mal ernst wird für Sven Schulze an diesem Sonntag. Er kommt mit den mächtigen Kreisvorsitzenden seiner Partei zusammen. Ein sehr unüblicher Vorgang am Wahltag. Aber es geht auch um eine unübliche Frage. Sie lautet: Soll Schulze den Anspruch formulieren, eine Regierung zu bilden? Er selbst wollte das dem Vernehmen nach bis zuletzt tun. Doch es gibt viele in der CDU, die es für eine schlechte Idee hielten. Schon als die Umfragen die CDU noch bei 23 Prozent sahen. Nicht angemessen sei das, hieß es schon Tage vorher. Immerhin war schon da zu erwarten, dass die Balken im Fernsehen am Abend ein katastrophales Ergebnis zeigen würden. Die AfD sei dann an der Reihe, hieß es. Sie müsse so endlich mal beweisen, ob sie mehr könne, als nur zu quatschen. Oder eben gerne auch daran scheitern. Der Widerstand gegen Schulze wurde öffentlich, weil die Widerständler ihn öffentlich machten. Dabei ist das alles andere als eine Gewinnerdebatte so kurz vor einer Wahl. Es wurden Papiere durchgesteckt, die Schulze letztlich seine Regierungsoptionen nehmen. Selbst wenn die CDU am Abend besser abgeschnitten hätte. Eines stammte aus dem größten Kreisverband Harz. Es stellt sich gegen jedwede Absprachen mit der Linkspartei. Die aber glaubte Sven Schulze bisher zu brauchen, um eine Minderheitsregierung anführen und Gesetze im Landtag beschließen zu können. Schulze hat jetzt einen Gegenspieler Ein weiteres Papier veröffentlichte Sepp Müller mit anderen Landeschefs des CDU-Sozialflügels CDA. Es fordert "keinerlei Zusammenarbeit" mit Linken und AfD. Er begründete das auch damit, dass es die CDU ansonsten am Ende zerreißen werde. Es ist ein dramatisches Argument, aber kein ganz abwegiges. Müller weiß, dass es in seiner Landespartei diejenigen gibt, die keinesfalls etwas mit der Linken, und andere, die keinesfalls etwas mit der AfD zu tun haben wollen. Aber dass es eben auch welche gibt, die offen sind für die Linke – oder für die AfD. In den vergangenen Monaten wurde sogar über CDU-Abgeordnete gemunkelt, die im Zweifel nach der Wahl zur AfD überlaufen oder zumindest einen AfD-Ministerpräsidenten mitwählen könnten. An diesem Sonntag spielt AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund öffentlich mit dieser Möglichkeit. Sepp Müller schwingt sich in diesen Tagen zu dem Anführer des Lagers in der CDU auf, das die AfD erst mal in der Pflicht sieht. Und damit zum Gegenspieler von Sven Schulze. Müller ist 37 Jahre alt, machtbewusst, aber eigentlich gar nicht Teil der Landtagsfraktion. Er sitzt für Sachsen-Anhalt im Bundestag, ist dort stellvertretender Fraktionsvorsitzender. In Sachsen-Anhalt können sich einige vorstellen, dass Müller der nächste Landesvorsitzende wird. Und damit ist die Sache auch persönlich, selbst wenn man Müller glauben darf, dass es ihm auch um die Sache geht. Müller wird Schulze gefährlich. Schon vor dem katastrophalen Ergebnis war Murren über Schulzes fleißigen, aber unentschlossenen Wahlkampf in der Partei zu hören. Sepp Müller kommt trotzdem Sepp Müllers Problem an diesem Sonntag ist: Er ist zwar Teil des Landesvorstands, aber kein Kreisvorsitzender. Und somit ist er eigentlich nicht dabei, als sich Schulze am frühen Nachmittag mit ihnen im Maritim-Hotel trifft. Dort, wo später auch die Wahlparty stattfindet, die keine Party werden wird. Doch Sepp Müller kommt trotzdem zu dem Treffen. Eingeladen ist er nicht, aber er will dabei sein. Mancher Kreischef wundert sich. Aber Müller darf bleiben. Sven Schulze bedankt sich dort zunächst bei den Kreischefs, so schildern es Teilnehmer später. Es geht ein bisschen um den Wahlkampf, aber die Debatte darüber wird verschoben. Müller sagt nicht viel in der guten Stunde, die das Treffen dauert. Aber das muss er auch nicht. Schulze kündigt an, das zu tun, was dann später im Fernsehen zu beobachten ist: Der AfD zu gratulieren, und ansonsten möglichst wenig zu sagen. Sich nicht festzulegen. Keinen Machtanspruch zu formulieren. Aber den Machtanspruch auch nicht aufzugeben. Damit sind die Kreischefs einverstanden. Schulze legt sich nicht fest Als Sven Schulze um 18.24 Uhr auf die Wahlparty der CDU kommt, sieht es in seiner Welt noch schlimmer aus, als er und die Kreisvorsitzenden das am Nachmittag befürchtet hatten. Es gibt viel Applaus, als er auf die Bühne tritt. Ein Lächeln schafft er trotzdem nicht. Schulze gratuliert der AfD zur Mehrheit. Er sagt, der Wahlkampf sei "extrem hart" gewesen. "Wir hatten oft Gegenwind." Das Ergebnis? Sei "eine Niederlage". Und: "Wir werden als CDU mit diesem Ergebnis umgehen, umgehen müssen." Nach zwei Minuten ist Schulze schon wieder weg, er muss weiter, ins Fernsehen. Doch da sagt er am Abend auch nicht viel mehr. Im ZDF klingt das dann so: "Das ist ein Ergebnis, was wir in den Gremien, also im Präsidium, im Bundesvorstand und später dann auch im Landesvorstand sehr intensiv besprechen und auswerten müssen." Oder, als er nach einer Zusammenarbeit mit der Linken gefragt wird: Es sei "viel zu früh, irgendwelche Schlüsse zu ziehen". Sven Schulze legt sich nicht fest. Man könnte auch sagen: Sven Schulze kämpft, indem er möglichst wenig sagt. Um die Chance, doch noch irgendwie zu regieren. Aber auch um sein politisches Überleben. Die Ersten fordern offen seinen Rücktritt Es dauert am Abend nicht lange, da fordern die Ersten in der CDU Schulzes Rücktritt. Die frühere Landesbildungsministerin und Landtagsabgeordnete Eva Feußner macht den Anfang. Sie steht am Rande der Wahlparty und spricht der Nachrichtenagentur dpa die entscheidenden Sätze in die Kamera. "Er muss zurücktreten." Wer "so einen personalisierten Wahlkampf" führe, müsse "auch selbst die Konsequenzen tragen". Es brauche einen Neuanfang. "Ansonsten kommen wir aus diesem Tal nicht wieder richtig raus." Die Junge Union Sachsen-Anhalt folgt wenig später. In einem Beschluss, aus dem der "Stern" zitiert, heißt es: "Die CDU Sachsen-Anhalt braucht einen umfassenden Neuanfang. Deshalb fordern wir den Rücktritt und die zeitnahe Neuwahl der gesamten Landesführung – vom Landesvorsitzenden bis zum gesamten Vorstand." Hinter vorgehaltener Hand gibt es an diesem Abend viele, die es ähnlich sehen. Zu Schulzes persönlicher Verantwortung für den Wahlkampf kommt in diesen Stunden hinzu, dass sein ursprünglicher Plan vielen bei dem miesen Ergebnis illusorisch erscheint: eine Minderheitsregierung zu bilden, die sich im Landtag Stimmen von der Linken leiht. Müller: "Da helfen auch keine Floskeln" Es ist Sepp Müller, der das an diesem Abend so deutlich formuliert, wie er das wahrscheinlich gerade noch kann, ohne einen Eklat auszulösen. "Wir sind erschüttert", spricht er in die Mikrofone der Journalisten. Es sei "ein schwarzer Tag" für die CDU. Es könne "kein Weiter-so geben, weil es kein Weiter mit diesem Ergebnis gibt". Der Regierungsbildungsauftrag liege jetzt bei der AfD. "Da helfen auch keine Floskeln, dass wir das in unseren Gremien besprechen und das auswerten müssen." Es ist ein Satz, bei dem Sepp Müller nicht sagen muss, an wen er sich richtet: an Sven Schulze natürlich. Dessen Strategie ist klar, glauben Parteifreunde am Abend: sich am Montagmorgen beim Bundesvorstand in Berlin die Rückendeckung holen, es doch irgendwie zu probieren mit dem Regieren. Sofern es irgendwie geht. Und mit dieser Rückendeckung dann in den Landesvorstand am späten Montagnachmittag zu gehen – und zu kämpfen. Um seine Regierung. Und um seine politische Zukunft. Gegen alle Widersacher. Ob das funktionieren kann? Daran zweifeln bei der CDU an diesem Abend viele. Nicht nur Sepp Müller.