Dutzende Tote bei Großangriff der Hamas auf Israel: Netanjahu spricht von "Krieg"
Mit tausenden Raketen gegen israelische Städte und Kämpfern auf israelischem Boden hat die radikalislamische Hamas am Samstag einen neuen Krieg gegen Israel gestartet. Mindestens 70 Menschen wurden auf israelischer Seite getötet und hunderte verletzt, zudem wurden Soldaten und Zivilisten als Geiseln genommen. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sprach von einem "Krieg", die israelische Armee startete Raketenangriffen auf den palästinensischen Gazastreifen. Dort wurden mindestens 232 Menschen getötet und etwa 1700 verletzt. International wuchs die Angst vor einer regionalen Ausweitung des Konflikts.
Der beispiellose Großangriff der Hamas begann ab etwa 06.30 Uhr Ortszeit am jüdischen Feiertag Simchat Tora und traf Israel offenbar völlig überraschend. Die Hamas sprach von über 5000 Raketen, die sie bei ihrer "Operation Al-Aksa-Flut" auf Israel abgefeuert habe und die nicht alle von der israelischen Raketenabwehr abgefangen werden konnten. Explosionen waren auch bis Tel Aviv und Jerusalem zu hören.
Gleichzeitig drangen Kämpfer der Hamas zu Fuß, mit Fahrzeugen, Booten und sogar mit motorisierten Gleitschirmfliegern auf israelisches Territorium vor. Sie griffen die überraschten israelischen Soldaten an der schwer gesicherten Grenze zum Gazastreifen und auch Zivilisten mitten auf der Straße an.
Die Kämpfe dauerten laut einem Armeesprecher am Abend an. Erst am Nachmittag bestätigte die israelische Armee, dass auch israelische Soldaten und Zivilisten als Geiseln gefangen genommen und teils verschleppt worden seien. Zahlen nannte die Armee zunächst nicht.
Israel befinde sich "nicht in einem Einsatz oder in Gefechten, sondern im Krieg", sagte Regierungschef Netanjahu in einer Ansprache. Er habe die "umfassende Mobilisierung von Reservisten" angeordnet. Der Feind wird einen beispiellosen Preis zahlen", versicherte der Regierungschef.
Israels Luftwaffe flog umgehend Vergeltungsangriffe auf Ziele im Gazastreifen, dabei wurden nach palästinensischen Angaben bis zum Abend mindestens 232 Menschen getötet und mindestens 1697 weitere Menschen verletzt. Auch drei Hochhäuser mit mehr als zehn Stockwerken wurden in Gaza zerstört, wie AFP-Journalisten beobachteten. Der israelische Armee nannte ihren Einsatz "Eiserne Schwerter".
Der israelische Rettungsdienst Magen David Adom meldete am Nachmittag mindestens 70 Tote infolge der Angriffe auf israelischem Gebiet. Das israelische Gesundheitsministerium meldete etwa 1000 Verletzte. Allein an einer Bushaltestelle in der südisraelischen Stadt Sderot sah ein AFP-Reporter die Leichen von acht getöteten Zivilisten.
Die Hamas veröffentlichte ein Video, das drei Gefangene in Zivilkleidung zeigt, die von einer Gruppe Bewaffneter festgehalten werden. Ihr bewaffneter Arm, die Essedin-al-Kassam-Brigaden, versicherte, "mehrere feindliche Soldaten gefangen" zu haben. Auch die Al-Kuds-Brigaden, der bewaffnete Arm des Islamischen Dschihad, erklärten, sie hätten "zahlreiche Soldaten" Israels in ihrer Gewalt.
Ein AFP-Reporter sah bewaffnete Palästinenser, die sich nach der Überquerung des Grenzzauns in Chan Junis um einen in Flammen stehenden israelischen Panzer scharten. Ein weiterer Reporter sah Palästinenser in einem gekaperten israelischen Militärgeländewagen.
Im Onlinedienst Telegram rief die Hamas die "Widerstandskämpfer im Westjordanland" sowie "unsere arabischen und islamischen Nationen" auf, sich dem Kampf gegen Israel anzuschließen. Hamas-Chef Ismail Hanija sagte im Fernsehen, die Palästinenser stünden "vor einem großen Sieg". Ein Berater des geistlichen Oberhauptes des Iran, Ayatollah Ali Chamenei, sprach von einem "stolzen" Einsatz.
Der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, machte den Iran für den Großangriff verantwortlich: "Es ist klar für uns, dass der Iran dahintersteckt", sagte Prosor dem Deutschlandfunk. Der Iran versuche "alles, um diese Region in einen Kriegszustand zu versetzen".
Entsetzt und bestürzt reagierten führende Politiker in westlichen Hauptstädten. US-Präsident Joe Biden verurteilte die "entsetzlichen Terrorattacken der Hamas". Nach einem Telefonat mit Netanjahu sicherte er Israel "alle geeigneten Mittel zur Unterstützung" zu. Seit seiner Gründung hat Israel von den USA Militärhilfen im Umfang von mehr als 125 Milliarden Dollar (118 Milliarden Euro) erhalten.
Biden warnte auch "alle anderen israel-feindlichen Akteure" davor, die Situation ausnutzen zu wollen. Die Warnung dürfte sich an den Iran und die schiitische Hisbollah-Miliz im Libanon richten.
Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) warnte ebenfalls "vor der die unkalkulierbaren Gefahr einer großen regionalen Eskalation". Sie könne "nur auf das Schärfste davor warnen, dass sich andere diesem Terror anschließen". UN-Generalsekretär António Guterres rief zu diplomatischen Anstrengungen auf, um eine Ausweitung der Gewalt zu vermeiden. Der UN-Sicherheitsrat kommt am Sonntag zu einer Dringlichkeitssitzung zur Lage im Nahen Osten zusammen.
