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Декабрь
2023

Havard, Princeton, Yale: "Die Nerven liegen blank": Ein Harvard-Professor erklärt, wie der Nahostkrieg die Eliteunis spaltet

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An amerikanischen Eliteuniversitäten wird erbittert über den Krieg zwischen Israel und der Hamas diskutiert. Der Deutsche Mathias Risse lehrt in Harvard und erlebt den Streit aus nächster Nähe. Hoffnung, dass sich die Wogen bald glätten, hat er eher nicht.  

Herr Professor Risse, Poster entführter Israelis werden an amerikanischen Universitäten abgerissen, jüdische Studenten bedroht und angegriffen. Zugleich gibt es islamophobe Übergriffe. Das sind keine Einzelfälle, das passiert gerade an Hochschulen im ganzen Land. Haben Sie eine Erklärung?

Die Nerven liegen blank. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist einer, zu dem sehr viele Menschen eine Verbindung haben. Die jüdische Bevölkerung in den USA macht keine drei Prozent aus, ist an vielen Universitäten aber sehr präsent, auch in Harvard. Wir haben wenige palästinensische Studierende hier, aber viele aus einem größeren arabischen Kontext. Wir haben also große Gruppen mit völlig unterschiedlichen Sichtweisen auf den Nahostkonflikt. Jede Seite hat das Gefühl, dass sie nicht genug Beachtung findet. Vor diesem Hintergrund kommt es zu solchen Übergriffen.

Es werden sehr viele Fälle von Antisemitismus an US-Universitäten berichtet. War das schon immer so, aber wurde bislang einfach nicht wahrgenommen?

Das ist mir selbst noch nicht ganz klar. Wir erleben im Grunde zwei Dinge: Antisemitismus und starke Kritik an der Politik des Staates Israel. Manche Menschen werden antisemitisch durch ihre heftige Kritik an Israels Politik. Und zugleich gibt es bei denen, die sich mit Israel solidarisieren, eine gewisse Neigung, jede Kritik an Israel als antisemitisch zu bezeichnen. Es ist gut, dass über die Vorgänge berichtet und diskutiert wird. Aber eine abschließende Beurteilung ist aus meiner Sicht noch nicht möglich.

Mathias Risse hat einen Lehrstuhl für Philosophie und Menschenrechte an der John F. Kennedy School of Government in Harvard inne. Der Deutsch-Amerikaner lebt und arbeitet seit über 20 Jahren in den USA.

Auf den Kundgebungen für Palästina sieht man Menschen mit palästinensischem oder arabischem Hintergrund, Anhänger von Black Lives Matter und Leute aus einem eher linken, weißen Milieu. Was ist das verbindende Element?

Zum einen geht es um die unmittelbare Solidarisierung mit der palästinensischen Zivilbevölkerung, die enormes Leid erfährt. Zum anderen geht es um die Kolonialismus-Debatte. Eine Position im linken Lager besagt, dass die Existenz des Staates Israel ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit sei. Dieser Gedanke geht auf die Rückeinwanderung von Jüdinnen und Juden ab den 1880er Jahren in diesen Teil des osmanischen Reiches zurück. Weiter ging es mit der Balfour-Deklaration im Jahr 1917…

…damals unterstützte Großbritannien die zionistische Bewegung in ihrem Ziel, eine "nationale Heimstätte" des jüdischen Volkes zu schaffen. 

Ja, nach dem Zusammenbruch des Osmanisches Reiches fand mehr und mehr jüdische Migration in das britische Mandatsgebiet statt. Aus der Sicht der Menschen, die damals in dem Gebiet gelebt haben, war die Ankunft der Juden ein Akt des Kolonialismus. 

"Die Juden haben das Gebiet immer als ihr Heimatland angesehen"

Was jüdische Israelis völlig anders sehen. 

Für sie ist das Gebiet ihr antikes Heimatland, aus dem sie im zweiten Jahrhundert wegen eines missglückten Aufstandes im römischen Reich vertrieben worden sind. Die Juden haben das Gebiet immer als ihr Heimatland angesehen, in das sie zurückgekehrt sind. Und ein Teil der späteren Einwanderung in den bereits existierenden Staat Israel beruht darauf, dass Juden aus arabischen Ländern vertrieben wurden. Das ist kein klassischer Kolonialismus wie beispielsweise im Jahr 1830, als die Franzosen Algerien eingenommen und fortan als ihr Territorium verstanden haben. Israel ist keine Kolonie der Europäer, die Geschichte des Landes ist viel komplexer.

Wenn Israel heutzutage auf propalästinensischen Demos als Kolonialmacht bezeichnet wird: Ist das eine legitime politische Äußerung oder Antisemitismus?

Wenn jemand solche Begriffe verwendet, kann man schnell erkennen, aus welchem politischen Kontext das kommt. Ich rede so nicht und ich kann mit solchen plakativen Wörtern nichts anfangen, weil die Unterschiede zum tatsächlichen Kolonialismus ganz offensichtlich sind. Ich würde es so formulieren: Die Palästinenser leben in einer Abhängigkeit von einer anderen politischen Gruppe, den Israelis. Diese Abhängigkeit besteht seit Jahrzehnten und ist je nach Territorium sehr unterschiedlich. Im Westjordanland ist die politische Lage anders als in Gaza. Die Grenzen und der Luftraum Gazas werden von Israel kontrolliert. Die Vereinten Nationen sprechen daher auch in Gaza von einer Besetzung, obwohl Israel dort 2005 abgezogen ist. Man kann also durchaus nachvollziehen, warum manche Leute hier von Kolonialismus reden – es schadet aber mehr, als dass es nutzt. 

STERN PAID 49_23 USA Nahostkonflikt Streit Unis 15.08

An den Universitäten und auf Demos sieht und hört man häufig den Satz "From the River to the Sea – Palestine will be Free". Die Israelis sehen darin eine Aufforderung zur Vernichtung ihres Staates. Zurecht?

Dieser Slogan soll bestimmte territoriale Ansprüche aus Sicht der Palästinenser vermitteln. Nicht jeder, der diesen Satz sagt oder schreibt, hat die Vernichtung Israels im Sinn. Wer sich einen solchen Slogan zu eigen macht, darf sich aber nicht wundern, wenn er mit schlimmsten Antisemiten in eine Ecke gestellt wird. Ich halte es nicht für besonders klug, das eigene Anliegen mit solchen Worten vorzutragen. Wir brauchen grundsätzlich eine andere Haltung an den Universitäten. Frieden macht man mit seinen Feinden, nicht seinen Freunden. Es braucht eine Offenheit für die andere Perspektive. 

Muss man Losungen wie "From the River to the Sea" als Teil der Meinungsfreiheit aushalten?

Seit etwa 100 Jahren gibt es in den USA ein sehr breit ausgelegtes Verständnis der Redefreiheit. Man darf im Prinzip sagen, was man möchte, wenn es nicht unmittelbar zur Gewaltausübung anheizt. Ich kann mich nicht auf den Harvard Square stellen und sagen, diese Leute dort sind hassenswert, ich darf nicht andere gegen sie aufwiegeln. Aber man darf den Holocaust leugnen und Dinge sagen, die faktisch falsch und auch widerlegt sind. An den Unis weicht die Realität des Lebens von diesem Rechtsverständnis ab. Studierende haben in den letzten Jahren immer häufiger gesagt, dass sie vor beleidigenden Worten geschützt werden wollen und dass es sichere Orte geben müsse, darunter den Campus.

Der Schutz vor extremer Sprache ist eine Forderung, die vor allem aus dem linken Spektrum kommt. Nun fühlen sich jüdische Studenten bedroht, oftmals von links. 

Tatsächlich kommt diese Forderung ursprünglich eher von links – und es geht darum, dass Äußerungen aus dem rechten Spektrum tendenziell eingeschränkt werden sollen. Aber die andere Seite greift das natürlich auf und sagt: Wir werden auch angegriffen. Jüdische Gruppen sagen, wir fühlen uns nicht sicher. Palästinenser und Menschen mit dunklerer Hautfarbe sagen das ebenfalls. Völlig klar ist, dass körperliche Angriffe auf Studenten niemals geduldet werden dürfen. 

"Ich finde die Kritik an unserer Präsidentin mittlerweile völlig maßlos"

Wie können Debatten über den Nahostkonflikt an Universitäten funktionieren?

Das hängt stark davon ab, wer gerade im Raum ist. Ich habe eine Veranstaltung mit Unterstützern der palästinensischen Sache erlebt, die erklärt haben, die Rückwanderung der Juden seit den 1880er Jahren sei das große moralische Übel. Ich versuche den Leuten auszureden, so über Geschichte zu denken. Es gibt nicht das eine Datum, an dem sich alles festmachen lässt. Das sind jahrzehntelange Entwicklungen, die man in seiner Gesamtheit betrachten muss. Ich habe auch an einer Veranstaltung teilgenommen, in der der Eindruck erweckt wurde, im Gazastreifen würden nur Terroristen leben. Ab und zu gibt es auch Veranstaltungen, die anerkennen, dass zwei Gruppen aus unterschiedlichen Gründen Anspruch auf eine Region erheben. 

Es gibt viel Kritik am Krisenmanagement der neuen Harvard-Präsidentin Claudine Gay. Wie nehmen Sie diese Kritik wahr?

Ich hätte mir gewünscht, dass die erste Stellungnahme der Universität anders gewesen wäre. Die Angriffe vom 7. Oktober hätte man sofort und eindeutig verurteilen müssen – ohne Wenn und Aber. Und gleichzeitig hätte man die moralische Komplexität des Nahostkonflikts thematisieren müssen, weil jetzt Entscheidungen getroffen werden, die die Weltpolitik auf viele Jahre oder Jahrzehnte beeinflussen werden. Das hat die Universität leider nicht getan und sich stattdessen bewusst schwach geäußert. Und das war ein Fehler, weil die Uni ab dem Punkt immer nur hinterhergelaufen ist.

Aus dem konservativen Lager heißt es, Claudine Gay sei zu schwach, zu woke, sie toleriere Antisemitismus. 

Ich finde die Kritik an unserer Präsidentin mittlerweile völlig maßlos. Ihr wird nun vorgeworfen, sie sei quasi allein für die vielen Fällen von Antisemitismus verantwortlich. Das ist absurd. In den letzten Jahren ist wahnsinnig viel an den Universitäten passiert: Black Lives Matter und MeToo waren große gesellschaftliche Debatten – und nun Nahost. Vielleicht werden Rektoren deswegen ein wenig zu risikoscheu, das kann sein. Sie wissen, dass sie unter Umständen eine ganze Woche oder länger nur Schadensbegrenzung betreiben müssen.

PAID Linke Demokraten stellen sich gegen Bidens Nahostpolitik 17.51

Gay hat in einer Stellungnahme von Anfang November den Antisemitismus klar verurteilt. Dafür wird sie nun in einem Brief von 100 Harvard-Mitarbeitern scharf kritisiert.

Wir erleben Wellen. Erst schien ihre Reaktion auf die Angriffe vom 7. Oktober zu schwach, wofür sie kritisiert wurde. Dann hat sie unmissverständlich reagiert und wurde auch dafür kritisiert. Rektoren sind auch nur Menschen und es finden sich immer weniger, die diesen Job noch machen wollen. Diese Entwicklung besorgt mich. 

Wie geht es an den Unis nun weiter? Dieser Krieg könnte eine Weile dauern. 

Wir müssen genau schauen, wie sich die Lage entwickelt. Irgendwo kann es im Prinzip jederzeit eskalieren. Wir leben hier von Tag zu Tag und versuchen, unser Bestes zu tun.

Sollte es Disziplinarverfahren geben bei Antisemitismus?

Dafür haben wir ein Regelwerk. Physische Gewalt ist eindeutig, solche Fälle sind klar zu verurteilen. Wer einen Kommilitonen angreift, muss die Universität verlassen. Auch bestimmte Aussagen könnten gegen die Uni-Regeln verstoßen. Aber wie geht man mit jemanden um, der sich für die Hamas ausspricht? Das würden schwierige Verfahren, in dem man Vorwürfe im Detail beweisen müsste.

Aber es ist doch keine Alternative, nichts zu tun.

Nein, wir dringen darauf, dass die Leute respektvoll miteinander umgehen und die Meinungen der anderen Seite akzeptieren. Das klappt leider nicht immer. Die Probleme lassen sich nicht von heute auf morgen beheben. Aber die Hoffnung muss man auch nicht verlieren.















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