Europameister Thomas Helmer spricht im Interview mit t-online über das Duell des FC Bayern mit Dortmund. Einen BVB-Star sieht er als perfekten Transfer für die Münchner. Wenn Borussia Dortmund am Samstag (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei t-online) beim FC Bayern antritt, ist da, wo Topspiel draufsteht, auch tatsächlich Topspiel drin. Mit den Bayern, die mit zehn Siegen in zehn Pflichtspielen in die neue Saison gestartet sind, und dem BVB , der in neun Partien ebenfalls noch ungeschlagen ist, treffen schließlich die beiden formstärksten Teams der Bundesliga aufeinander. Es ist das Duell der beiden derzeit am längsten unbesiegten Teams in Europas Top-Ligen. Die Dortmunder sind saisonübergreifend in der heimischen Liga bereits seit 14 Spielen ungeschlagen, die Bayern sogar seit 15 Partien. Kompany hat keine andere Wahl: Bayerns Erfolgsgeheimnis ist alternativlos Fifa reagiert bei t-online: Trumps WM-Drohung wohl nicht durchsetzbar Europameister Thomas Helmer kennt den deutschen Klassiker wie kaum ein anderer. Schließlich stand er in seiner Karriere für beide Klubs viele Male auf dem Platz. Im Interview mit t-online spricht er über seine Erwartungen an die Neuauflage des ewigen Duells der beiden großen Rivalen und einen möglichen Wechsel von BVB-Abwehrchef Nico Schlotterbeck nach München. t-online: Herr Helmer, ist Borussia Dortmund, das zumindest ebenfalls noch ungeschlagen ist, für Sie schon die letzte Hoffnung der Bundesliga, um den Meisterschaftskampf noch einmal spannend zu machen? Thomas Helmer: Letzte Hoffnung ist vielleicht ein bisschen zu negativ formuliert. Aber ja, das ist im Moment die Mannschaft, bei der man erwarten kann, dass sie Bayern mal ärgern kann. Weltmeister Toni Kroos sagte zuletzt, dass Bayern im März, spätestens im April, als Meister feststehen werde. Würden Sie ihm da widersprechen? Nein. Wenn sie Samstag gegen Dortmund gewinnen, haben sie sieben Punkte Vorsprung. Das würden sich die Bayern dann nicht mehr nehmen lassen. Es ist schon erstaunlich, was die Mannschaft momentan leistet. Das muss man einfach anerkennen. Ist der BVB dann nicht also doch die bereits letzte Hoffnung der Bundesliga? (grinst) Dortmund ist auf jeden Fall die Hoffnung, dass die Bayern vielleicht mal nicht gewinnen. Was trauen Sie Dortmund am Samstag konkret zu? Ich bin kein Freund davon, auf die letzten Ergebnisse zu schauen. Früher konnte man vielleicht mal von Bayern als Angstgegner für Dortmund reden. Das ist aber nicht mehr so. Für Dortmund hängt viel von Serhou Guirassy ab. Er ist sehr wichtig für das Spiel des BVB. Er war bei der Nationalmannschaft jetzt etwas angeschlagen. Es ist die Frage, in welcher Verfassung er zurückkommt. Dortmund ist schon deutlich abhängiger von ihm als Bayern von einzelnen Spielern. Das Kollektiv der Münchner ist im Moment einfach sehr stark. Hat Dortmund für Sie Leverkusen wieder als größter Herausforderer für Bayern abgelöst? Dortmund hat sich super stabilisiert. Das ist auch ein Verdienst von Niko Kovač. Er ist zu einem Zeitpunkt gekommen, als genau das gefordert war, und hat das beeindruckend abgeliefert – mit seiner Art, mit Disziplin und ein paar Basics. Kovač hat einen Aufwärtstrend beim BVB gestartet, es noch geschafft, mit der Mannschaft die Champions League zu erreichen und damit eine gewisse Euphorie entfacht. Das zeigt, dass in dieser Mannschaft ja schon einiges steckt. Welchen Anteil hat Cheftrainer Vincent Kompany an der zurückgewonnenen Dominanz der Bayern? Er spielt dabei vielleicht die größte Rolle, moderiert das sehr gut. Es kann bei Bayern ein Vorteil sein, wenn man selbst auf hohem Niveau gespielt hat – das bestätigt er. Er wirkt nie nervös oder unruhig, lässt nichts an sich ran. Das ist eine Stärke. Er hat diese Authentizität und Autorität, und die Spieler glauben ihm. Das ist ganz wichtig. Hat er auch aus seinen Fehlern gelernt? In der vergangenen Saison wurde er für seine teilweise zu offensive Ausrichtung kritisiert, zum Beispiel nach dem 1:4 beim FC Barcelona . Wenn man das als Fehleinschätzung oder Fehler bezeichnen will, dann hat er daraus gelernt. Dafür ist er sich auch nicht zu schade. Und sagt dann: "Okay, das war vielleicht nicht der richtige Schachzug. Was können wir besser machen?" Er nimmt sich da selbst nicht raus. Seine positive Entwicklung zeigt sich daran, wie die Mannschaft momentan spielt und sich jetzt präsentiert. Im Sommer wurde von vielen Experten noch kritisch über den Kader des FC Bayern diskutiert. Wie ist das aus heutiger Sicht zu bewerten? Im Nachhinein muss man sagen, dass sich die vielen Bedenken nicht bewahrheitet haben. Viele haben die Klub-WM im Sommer und die zusätzliche Belastung dadurch kritisch betrachtet. Ich habe aber das Gefühl, dass dieses Turnier die Mannschaften sogar zusammengeschweißt hat – sowohl bei Dortmund als auch bei Bayern. Die Bayern wirken sehr eingespielt, und das kann ein echter Vorteil sein. Natürlich kann das im Frühjahr an die Substanz gehen, aber im Moment tut es ihnen richtig gut. Inwieweit haben die gescheiterten Transfers von Florian Wirtz und Nick Woltemade dem internationalen Ansehen des FC Bayern möglicherweise trotzdem geschadet? Ich finde, dass sie mit sportlichen Leistungen die richtige Antwort gegeben haben. Vor allem, was die Champions League betrifft, haben viele an den Bayern gezweifelt. Aber wenn sie so spielen wie im Moment, müssen alle anderen Teams auch wieder ein bisschen Angst vor Bayern haben. Von daher haben sie die Zweifel an ihrem Kader erst mal widerlegt – und auch die nicht geglückten Transfers. Wirtz hat in Liverpool aktuell große Anlaufschwierigkeiten. Hat er sich möglicherweise "verwechselt"? Das sehe ich nicht so. Er spielt bei einem der weltbesten Vereine mit enormem Renommee. Er hat momentan einfach grundsätzlich keine Super-Form. Das ist jetzt eine kleine Delle. Er wird da wieder rauskommen, es wieder besser machen und daraus Kraft ziehen. Von seiner Veranlagung her ist er so gut, dass das nur vorübergehend sein kann. Wurden die Bayern mit Neuzugang Luis Díaz , der statt Wirtz und Woltemade nach München kam und dort nun einen Topstart hingelegt hat, ein wenig zu ihrem Glück gezwungen? Luis Díaz war schon beim FC Liverpool ein sehr guter Spieler. Deshalb ist er für mich jetzt kein Ersatzkandidat, weil die anderen Transfers nicht geklappt haben. Aber es ist ja nicht nur Díaz, der momentan gut drauf ist. Dass Serge Gnabry jetzt wieder so herausragend spielt, war auch nicht unbedingt zu erwarten. Ich bin gespannt, was passiert, wenn Jamal Musiala nach seiner Verletzung wiederkommt. Das wird dann spannend. Weil die vier Spieler da vorne momentan einfach sehr gut miteinander harmonieren. Mit Musiala müssen sie dann umstellen und schauen, wo er dann spielt. Harry Kane tut das ja offenbar auch ganz gut, dass er sich teilweise ein bisschen auf die Musiala-Position zurückziehen kann. Neben Díaz verpflichtete Bayern unter anderem auch Jonathan Tah . Wie bewerten Sie diesen Transfer uns Tahs Start in München? Er hat an sich selbst einen Führungsanspruch und erfüllt den auch. Das war ein super Transfer. Tah war ablösefrei, ist Nationalspieler – da konnte man nicht viel falsch machen. Ist mit ihm die Bayern-Abwehr jetzt auch international wieder titeltauglich? Die Abwehr ist auf jeden Fall besser geworden. Dayot Upamecano fand ich immer schon gut. Er bildet mit Jonathan Tah ein stabiles Duo in der Innenverteidigung. Bisher passen die beiden ganz gut zusammen, helfen sich viel. In der Bundesliga wurden sie bisher aber noch nicht wirklich gefordert. Wie es international auf ganz hohem Niveau dann aussieht, muss man noch mal abwarten. Der Vertrag von Dayot Upamecano läuft aus, Real Madrid soll an ihm interessiert sein. Wie gefährlich ist das für Bayern, ihn möglicherweise am Saisonende ablösefrei zu verlieren? Das kann Bayern nicht komplett steuern oder verhindern. Sie sprechen und verhandeln schon länger mit ihm. Aber wenn er gehen will, geht er – so ist das. Die Gerüchte um Upamecano gibt es ja schon länger. Sollte es so kommen, wird Bayern da gewappnet sein. BVB-Kapitän Nico Schlotterbeck wird bereits als möglicher Nachfolger beim FC Bayern gehandelt. Wäre er als solcher geeignet? Ja klar, darüber brauchen wir gar nicht zu reden. Den würde ich sofort holen. Er ist Linksfuß, kann auch als Linksverteidiger spielen. Das macht Bayern momentan ja auch so stark, dass viele Spieler auf verschiedenen Positionen eingesetzt werden können. Schlotterbeck würde da für mich perfekt reinpassen. Er ist Führungsspieler in Dortmund, bei der Nationalmannschaft jetzt sofort nach seiner Verletzung wieder zurückgekommen – das zeigt seinen Stellenwert. Er passt mit allem, was er mitbringt, genau ins Beuteschema der Bayern. Deshalb ist das für mich überhaupt keine Frage: Da würde ich sofort ein Ausrufezeichen dahinter setzen. Wie sehen Sie die Zukunft von Min-jae Kim bei Bayern, der momentan hinter Tah und Upamecano nur dritte Wahl ist? Im Moment sieht das nicht so gut aus für ihn. Er tut sich bei Bayern nach wie vor einfach schwer. Ich hätte das nicht gedacht, weil er ja eigentlich als bester Abwehrspieler der italienischen Serie A nach München kam. Vielleicht haben sie in Neapel etwas anders gespielt. Aber er hat hier definitiv Probleme. Deshalb würde ich hinter seine Zukunft bei Bayern mal ein Fragezeichen setzen. Es kann ja auch für ihn auf Dauer nicht befriedigend sein, da nur als Ersatzmann hintendran zu sein. In der Innenverteidigung wechseln Trainer auch nicht so gerne, wenn sie ihr Abwehrduo mal gefunden haben. Vincent (Kompany; Anm. d. Red.) war selbst Innenverteidiger, der wird es noch besser wissen. Es gibt immer Konstellationen, bei denen man sich mit einem Mitspieler besser versteht als mit dem anderen – das ist einfach so.