Viel Wasser ins Kölsch gekippt!
Vorab: Nein, ich hatte natürlich nicht getrunken, als ich für den Vorbericht meinen Tipp übermittelte. Und nein, ich war auch nicht die letzten vier Jahre unter einem Stein. Mir ist bewusst, dass die letzten Derbys nicht toll gelaufen sind. Trotzdem ist „Derby“ in meiner Erinnerung mit hohen Siegen gegen oder in Köln konditioniert. Glücklicherweise hat sich die Mannschaft meinen Tipp zu Herzen genommen und das Derby gewonnen.
Nicht nur die Aufstellung, sondern auch die Herangehensweise war dabei identisch zur Vorwoche. Borussia stand tief, spielte bei eigenem Ballbesitz eher ruhig und risikolos, überließ den Kölnern ziemlich viel Raum und Spielanteile. Infolgedessen entwickelte sich in der ersten Halbzeit ein eher lahmes Derby mit einer gewissen Kölner Scheinüberlegenheit, die aber nicht ansatzweise in Zählbares, noch nicht einmal in zählbare Chancen umgewandelt werden konnte. Insbesondere die rechte Abwehrseits mit Scally und Sander hatte alles im Griff, der hochgelobte Kölner Neu-Superstar-und-Nationalspieler El Mala hatte nichts zu melden und wurde zur Halbzeit ausgewechselt. Kurz vor der Halbzeit wurde dann Honorat im Strafraum umgerannt und mein Fernseher bekam nach Aytekins Abwinken eine Wutrede zu hören. Live sah das nach einem sehr klaren Elfmeter aus, in der Zeitlupe war es nicht mehr ganz so klar aber immer noch deutlich näher an einem Elfer als an keinem Elfer. Insofern war der VAR-Eingriff – egal ob unten noch ein Knie im Spiel war oder nicht – nicht völlig daneben. Umso größer der Frust, dass Tabakovic verschoss – Schwäbe war bereits deutlich vor dem Ballkontakt des Schützen auf dem Weg in die richtige Ecke. Kurz darauf Euphorie, Sander – für mich sowas wie der Spieler des Spiels – machte nach der Ecke das so wichtige 1:0.
Köln versuchte es dann nach der Pause mir mehr Wucht in Person von Ragnar Ache, das Bild blieb dennoch dasselbe. Nach 61 Minuten dann ein weiterer VAR-Eingriff, nach den heutigen Maßstäben der Handspielregel gab es einen weiteren berechtigten Elfmeter für Borussia, den Diks verwandelte. Kurz darauf nutzte Gladbach einen Fehler der Kölner im Aufbau zu einem schönen Konter – 3:0, mein Tipp rückte näher, danach schien das Spiel auch ein bisschen auszutrudeln, Köln gab zwar nicht richtig auf, hatte aber auch keine richtig zählbaren Chancen, Gladbach versuchte sich weiter mit Kontern, war dabei aber auch nicht so richtig zielstrebig. In der 75. Minute war dann mal kurz richtige Derbystimmung, nachdem Diks Johannesson fair vom Ball getrennt hatte, der dabei aber zu Boden ging. Diks hatte dazu ganz offensichtlich eine sehr dezidierte Meinung, die er dem Kölner auch deutlich zur Kenntnis brachte. Ache und Sebulonsen wollten das nicht auf ihrem Mannschaftskameraden sitzen lassen und rangen Diks nieder. Eine kurze Rudelbildung später waren drei gelbe Karten verteilt – eine der besseren Entscheidungen von Aytekin an diesem Nachmittag, hier ohne andere Farben auszukommen.
Man bereitete sich schon gedanklich auf die Nachberichterstattung vor, als Waldschmidt ein herrliches Tor schoss. Ein herrliches Abseitstor. Aber das machte die Kölner nochmal wach, die danach vom Schiedsrichtergespann durch einen mehr als zweifelhaften Elfmeter den Anschlusstreffer geschenkt bekamen. Wenn man an diesem Samstag etwas gegen den VAR sagen wollte, dann wäre das Nichteingreifen bei diesem Nichtfoul von Ulrich der zu kritisierende Fehler. 14 Minuten Nachspielzeit waren aus Gladbacher Perspektive dann seeehhhr lang. Köln spielte jetzt „Alles oder Nichts!“, Gladbach wackelte deutlich und man ist ja als Gladbach-Fan durchaus gewöhnt, dass sowas noch schief gehen kann. Das passierte aber nicht und so nahm man am Ende den Derbysieg eher mit Erleichterung und einer gewissen Erschöpfung als mit Euphorie auf.
Mit den Siegen aus den letzten beiden Spielen hat sich das Tabellenbild glücklicherweise sehr erfreulich verändert. Gewinnen St. Pauli, Augsburg und Mainz heute nicht, führt Borussia jetzt das untere Tabellendrittel an und kann in Heidenheim nachlegen. Klarheit sollte man in der Länderspielpause auf dem Trainerstuhl schaffen, nach den jüngsten Entwicklungen wäre alles andere als eine Beförderung Eugen Polanskis vom Interim zum Chef eine faustdicke Überraschung. Man darf mit Spannung erwarten, wie sich das Spiel der Mannschaft und ggf. auch die von Polanski gewählte Formation verändern werden, wenn Hack und später auch Kleindienst wieder mit von der Partie sind. Zwangsläufig dürfte sich dann die Balance etwas verschieben, wieder mehr eigene Offensivpower ins Spiel kommen. Die Aufgabe für Trainer und Mannschaft wird sein, dies ohne Verlust der defensiven Stabilität hinzubekommen. Aber das ist Zukunftsmusik. Für die nächsten zwei Wochen genießen wir erstmal den Derbysieg und freuen uns über die gewohnt analytische Express-Headline: „FC von Fohlen vermöbelt“!
