Deutschunterricht: vom Lehrplan zur Nische
„Ich arbeite nicht mehr als Deutschlehrerin“, sagt die Moskauerin Swetlana. Nach 20 Jahren Deutschunterricht musste auch eine andere Lehrerin, Anastassija, eine berufliche Umschulung absolvieren und begann, Russisch und Literatur zu unterrichten. In ihrem Fall lag der Grund darin, dass der Status als Sprachschule aufgehoben wurde und das deutsche Partnerprogramm aus den Moskauer Schulen verschwand. Und natürlich ist die Reform des Schulwesens schuld daran.
Die Kehrseite der Reformen
Seit 2022 ist die zweite Fremdsprache kein Pflichtfach mehr an russischen Schulen, was vor allem Deutsch getroffen hat. Denn Deutsch wurde am häufigsten als zweite Fremdsprache gewählt. Aber auch an den wenigen Schulen, in denen Deutsch unterrichtet wird, wird sich die Situation ab dem 1. September 2026 verschlechtern: Statt drei Stunden pro Woche bleiben nur noch zwei Stunden für den Fremdsprachenunterricht. Die Deutschlehrerin Ute Konowalenko, die bis 2019 an einer Moskauer Schule tätig war, bedauert das: „Sehr schade, dass die Stunden für den Fremdsprachenunterricht um eine Wochenstunde verkürzt werden und Deutsch wahrscheinlich stark im Rückgang ist.“
Auswirkungen für Universitäten
Die Folgen der Reform sind für Hochschullehrer deutlich sichtbar. „Das Ausbildungsniveau der Studienbewerber hat sich stark verändert. Das ist natürlich beunruhigend und besorgniserregend“, bemerkt Oxana, Dozentin an der Staatlichen Pädagogischen Universität. Natalia, Dozentin an der Staatlichen Universität Tomsk, stimmt ihr zu. Sie berichtet, dass es schwierig ist, Gruppen für den Deutschunterricht zusammenzustellen, während die Gruppen für Chinesisch überfüllt sind.
Aber warum sollte man überhaupt Deutsch lernen, wenn die Absolventen nach dem Studium immer häufiger Probleme bei der Arbeitssuche haben? Die Uni-Absolventen Julia (24) und Michail (25) bestätigen, dass die Suche nach einem Arbeitsplatz mit einem Diplom als Deutschlehrer keine leichte Aufgabe war.
Alternative Wege
Studierende pädagogischer Fakultäten geben oft zu, dass Deutsch in ihren Karriereplänen zu einem zusätzlichen Instrument wird. Polina (19), Studentin der romanisch-germanischen Sprachen, plant, Englisch in der Schule zu unterrichten und Deutsch nur außerschulisch. Ihre Studienkollegin Anna (20) will Deutsch nur für ihre Tätigkeit als Nachhilfelehrerin nutzen.
Die Geschichte von Kristina (24), Absolventin einer pädagogischen Hochschule, veranschaulicht die Situation des Deutschunterrichts nach der Reformdurchführung. Nach ihrem Universitätsabschluss arbeitete Kristina erfolgreich in verschiedenen Bereichen: Sie unterrichtete an allgemeinbildenden und sprachlichen Online-Schulen.
Zu viele Berichte
Außerdem schaffte sie es, sich für eine Stelle an der deutschen Schule beim Generalkonsulat in St. Petersburg zu qualifizieren. Diese Schule richtet sich an Kinder deutscher Staatsbürger und Russen, die ein Studium in Deutschland planen. Kristina schätzt die Möglichkeit des Offline-Unterrichts in der Schule, merkt jedoch an, dass diese Arbeit mit der Notwendigkeit verbunden ist, dem Lehrplan zu folgen und Berichte zu erstellen. Aus diesem Grund entscheiden sich immer mehr Lehrer für Online-Formate.
Lieber mit Erwachsenen
Das Gleiche gilt für Alina (24), die private Online-Deutschkurse anbietet. Sie stellt fest, dass es von Jahr zu Jahr weniger Anfragen von Schülern gibt, die einfach nur ihre Noten verbessern wollen. Stattdessen sind ihre Hauptschüler nun Erwachsene, Studenten oder Oberstufenschüler, die die Sprache aus persönlichem Interesse oder für einen Umzug nach Deutschland lernen. Alina begrüßt diesen Trend. „Die Arbeit mit Erwachsenen ist eine ganz andere Erfahrung“, sagt sie. Im Unterricht mit Schülern muss man oft mit mangelnder Motivation oder dem Druck der Eltern kämpfen, während das Erlernen der deutschen Sprache für Erwachsene eine bewusste Entscheidung ist. Solche Schüler, insbesondere diejenigen mit fortgeschrittenen Kenntnissen, können die Sprache auch in Sprachclubs lernen. Diese Unterrichtsform ist heute sehr gefragt.
Waldorfschulen
Ute Kowalenko, die 30 Jahre lang in Russland gearbeitet hat, verweist auf ein weiteres erfolgreiches Beispiel für den Deutschunterricht außerhalb der russischen allgemeinbildenden Schule, nämlich die Waldorfschulen. Sie war von 1992 bis 2005 an deren Gründung beteiligt. „Dort gibt es Deutsch immer noch ab der 1. Klasse und trotz Sanktionen immer noch Austausch mit Deutschland, gemeinsame Arbeitseinsätze“, so die Lehrerin. Man darf natürlich auch den Beitrag des Goethe-Instituts nicht kleinreden, das nach wie vor eine wichtige Ressource für Lehrer und Sprachlernende ist. In den letzten Jahren war es gezwungen, seine Programme stark anzupassen – aus Gründen, die nichts mit Sprachwissenschaft zu tun haben. Dennoch bietet es weiterhin nicht nur aktuelle Unterrichtsmaterialien und deutsche Literatur an, sondern organisiert auch verschiedene Veranstaltungen.
Wer hilft?
Die Deutschlehrer sind sich einig, dass die Zukunft der deutschen Sprache in Russland in flexiblen, alternativen Formaten liegt. Der Sprachunterricht kann unter anderem durch verschiedene außerschulische Aktivitäten, Sprachzirkel, Online-Kurse und Wettbewerbe aufrechterhalten werden. Deutsch verschwindet aus dem Pflichtlehrplan, findet aber einen neuen Platz im digitalen Raum, an Privatschulen und in der Nachhilfepraxis. Heute ist Deutsch aus karriereorientierter Sicht nicht die gefragteste Sprache.
Aber es gibt Menschen, die es lernen wollen. Es gibt auch diejenigen, die Deutsch unterrichten wollen. Auf ihnen ruht alle Hoffnung. Aber solche Menschen müssen unterstützt werden. Davon sprechen auch die Dozentin der Staatlichen Pädagogischen Universität Oxana und die Absolventin der Staatlichen GUP-Universität Julia. Sie glaubt daran, dass Deutsch in Russland auch weiterhin gelernt und unterrichtet werden wird, fügt aber ehrlich hinzu: „Ohne die Unterstützung des Staates und der Schulen wird dies immer schwieriger werden.“
Margarita Spanopulo
Запись Deutschunterricht: vom Lehrplan zur Nische впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.
