Donald Trump steht ein Jahr nach seinem Wahlsieg stark unter Druck – nicht durch die Demokraten, sondern durch die eigene "Make America Great Again"-Basis. Gleich bei mehreren Themen verweigert sie ihm zunehmend die Gefolgschaft. Bastian Brauns berichtet aus Washington Seit Donald Trumps fulminantem Wahlsieg im November 2024 lautete die Frage in Washington stets: Was können die demoralisierten und zerstrittenen Demokraten dieser präsidialen Übermacht in seiner zweiten Amtszeit nur entgegensetzen? Doch ein Jahr nach seinem Triumph steht der amerikanische Präsident plötzlich unter großem Druck, und zwar nicht vonseiten der Demokraten, sondern aus den eigenen Reihen. Dabei handelt es sich nicht nur um ein paar wenige, vernachlässigbare Republikaner. Trump scheint zunehmend seine eigene "Make America Great Again"-Basis falsch einzuschätzen. Die jüngsten Umfragen sehen Donald Trump derzeit bei nur noch rund 42 Prozent Zustimmung und bei rund 55 Prozent Ablehnung. Noch im März dieses Jahres befürworteten 48 Prozent der Befragten seine Amtsführung, genauso viele lehnte sie damals ab. Als aktuell prominentester Auslöser für Trumps Krise mit seiner Basis gilt derzeit sein Umgang mit den sogenannten Epstein-Akten. Dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein , der 2019 nach offiziellen Angaben im Gefängnis Suizid beging, wurde vorgeworfen, Mädchen und junge Frauen missbraucht und Prominenten zugeführt zu haben. Obwohl Trump noch im Wahlkampf versprochen hatte, die Akten, also Mails, Zeugenvernehmungen und andere Schriftstücke, bei einem Sieg vollständig zu veröffentlichen, weigert er sich inzwischen auffällig trotzig, dies nun zu tun. Aber hinter Trumps zunehmendem Vertrauensverlust in der MAGA-Bewegung steckt mehr als der Wunsch nach Klarheit in der Epstein-Angelegenheit. Es geht um wirtschaftliche Unsicherheit, um eine mögliche militärische Eskalation in der Karibik und auch um migrationspolitische Irritationen. Die Epstein-Akten als Ur-Vertrauensbeweis für MAGA Für einen bedeutenden Teil der Anhänger von Trumps MAGA-Bewegung steht der Epstein-Fall längst symbolisch für Straffreiheit der Eliten, für Vertuschung und Machtmissbrauch. Die Kongressabgeordnete Marjorie Taylor Greene warnt öffentlich schon lange, Trump werde seine Basis verlieren, wenn er nicht für die vollständige Veröffentlichung der Epstein-Akten sorge. Ein Entschließungsantrag im Repräsentantenhaus zwingt das Parlament nun kommende Woche zu einer Abstimmung über die Freigabe der Dokumente. Trumps Bemühungen hinter den Kulissen, die Abstimmung zu verzögern oder zu verhindern, wirken in Teilen seiner Bewegung wie ein klarer Versuch, Transparenz auszubremsen. Dass Trump jetzt öffentlich mit seiner langjährigen Unterstützerin Marjorie Taylor Greene gebrochen hat und damit auch anderen Abweichlern droht, verstärkt diesen Eindruck weiter. Ein erbitterter Machtkampf um Trumps Einfluss auf die republikanischen Abgeordneten ist entbrannt. Wegen Trumps Bruch mit ihr erhält Greene nun nach eigener Aussage Morddrohungen . Unterstützt wird sie hingegen von eigenen Anhängern und von Dutzenden Frauen, die Opfer von Epstein waren. Trump bricht MAGA-Versprechen: Der Präsident verliert immer mehr die Kontrolle Trumps Mehrheit im Parlament ist hauchdünn. Sollten genügend Republikaner gemeinsam mit den Demokraten für die Veröffentlichung votieren , wäre das ein ernstes Alarmzeichen für den Präsidenten. Seine Basis hat ihn als Kämpfer gegen die Mächtigen von Washington stets verehrt. Beim Epstein-Thema aber scheint sich nun erstmals zu zeigen, ob die Loyalität einzelner MAGA-Vertreter letztlich Trump gilt oder eher einem politischen Projekt, das womöglich längst größer geworden ist als der Präsident selbst. Inflation und Wirtschaft taumeln in Ungewissheit Das Epstein-Thema mag aktuell bedeutend erscheinen. Aber noch viel entscheidender im eigenen Lager ist die wirtschaftliche Situation. Ein Großteil der MAGA-Anhänger vertraute Trump schon in seiner ersten Amtszeit hauptsächlich in ökonomischen Fragen. Nach Jahren der Post-Covid-Inflation unter seinem demokratischen Nachfolger Joe Biden hofften viele auf spürbare Entlastung in Trumps zweiter Amtszeit. Doch der Preisdruck bleibt ein Jahr nach seinem Wahlsieg hoch. Trumps radikale Zollpolitik schürt seit Monaten Ängste bei den Verbrauchern und Unternehmen, weil sie mit noch weiter steigenden Preisen rechnen. Trumps Zustimmungswerte liegen gerade in Bezug auf seine Wirtschaftspolitik deutlich im negativen Bereich. Sein jüngster wirtschaftspolitischer Kurswechsel zeigte, wie sehr der Präsident bei einem Großteil seiner Wählerschaft unter Druck steht. Kürzlich nahm er Zölle auf mehr als 200 Lebensmittel zurück, darunter Rindfleisch, Kaffee, Bananen, Tomaten und Gewürze. Sein Team feiert diesen Schritt als Entlastungspolitik für die Bevölkerung. Dabei waren es eben Trumps zuvor verhängten "Reziprozitätszölle", die bei diesen Produkten als Preistreiber wirkten. Das Dilemma bleibt: Die teilweise Rücknahme von bestimmten Zöllen mag zwar preisdämpfend bei bestimmten Produkten wirken. Doch die Mehrzahl seiner Import-Belastungen, die als steigende Kosten an die Unternehmen und an die Verbraucher weitergegeben werden, bleibt bestehen. Durch seinen Zickzack-Kurs untergräbt Trump hier sein Bild als ökonomisches Schwergewicht, das er stets gepflegt hat. Militärische Unklarheit wegen Aufrüstung in der Karibik Nicht nur für den Rest der Welt wirkt zudem überraschend, dass Trump in seiner zweiten Amtszeit den militärischen Druck in der Karibik massiv erhöht. Viele Trump-Anhänger sind davon zunehmend irritiert. Der Einsatz eines der mächtigsten Flugzeugträgerverbände der USA im Rahmen der Operation "Southern Spear", sowie die Ausrufung eines "nicht-internationalen bewaffneten Konflikts" gegen Drogenkartelle werfen unangenehme Fragen auf. Denn das eigentliche Ziel bleibt unklar: Geht es wirklich nur um eine Anti-Drogen-Operation? Oder doch um einen möglichen Regimewechsel in Venezuela ? Geht es um das dortige Öl? Oder gar um ein Signal der Stärke in Richtung Russland und vor allem China ? Operation "Southern Spear": Trump erhöht den Druck Gerade für die MAGA-Basis, die Trump als den Anti-Kriegs-Präsidenten sah, der die sogenannten "endlose Kriege" aus der Bush-Ära im Irak und in Afghanistan beenden wollte, wirkt diese Entwicklung wie ein Bruch. Sollte der Militäreinsatz, der schon jetzt fast 100 Tote kostete, nur der Einstieg in eine größere Intervention sein, droht Trump auch bei diesem Thema ein herber Vertrauensverlust. Ausgerechnet Donald Trump, der sich damit rühmt, seit seinem Amtsantritt schon acht Kriege auf der Welt beendet zu haben, bedroht derzeit den Frieden in der Karibik. Die Anrainerstaaten Venezuelas sind alarmiert, aber auch immer mehr Vertreter der MAGA-Bewegung. Unerwarteter Kurswechsel bei Migrationsfragen Weitere Reibung mit der MAGA-Basis entstand in den vergangenen Tagen wegen Trumps Umgang mit Hunderttausenden chinesischen Studierenden. Gerade erst hatte er für diese harte Visabeschränkungen angeordnet. Die Radikalität wurde zwar vielfach kritisiert, von seinen Anhängern aber gefeiert. Nun machte der Präsident einen Rückzieher und will vielen der Bewerber den Zugang zu US-Universitäten doch ermöglichen. Umso lauter schallt daher jetzt der Unmut aus dem eigenen Lager. Vorwürfe kommen auch hier von der rechten Abgeordneten Marjorie Taylor Greene, aber auch Trumps früherer Berater Steve Bannon beklagt diesen Bruch mit der "America First"-Linie. Die Debatte um ausländische Studierende, gerade aus China, berührt aus Sicht der radikalen MAGA-Anhänger ganz grundlegende Fragen der nationalen Sicherheit, der wirtschaftlichen Konkurrenz, der Spionage und Einwanderung. Für manche Hardliner wirkt dieser Kurs wie ein Verrat an einem der zentralsten Prinzipien ihrer Bewegung. Trump droht die eigene Bewegung zu entgleiten Am Ende des ersten Jahres von Trumps zweiter Amtszeit zeigt sich: Der US-Präsident und Gründer der erfolgreichsten politischen Bewegung der jüngeren amerikanischen Geschichte steht vor einer existenziellen Herausforderung. MAGA ist ganz offenkundig nicht nur ein Personenkult. Mehr und mehr wird deutlich, wie sehr diese politisierte Basisbewegung über Trump hinausgewachsen ist. Sie fußt auf Misstrauen gegenüber Eliten, fordert radikale Transparenz und erhebt auf zahlreichen Feldern den Anspruch, das Establishment herauszufordern. Wenn Trump die Veröffentlichung der Epstein-Akte weiter bremst, seine wirtschaftspolitischen Risiken nicht minimiert und außenpolitisch und militärisch weiterhin unklar agiert, riskiert er, aus Sicht seiner Anhänger plötzlich selbst zu einem jener Politiker zu werden, die sie vehement ablehnen. Sollte sich das Gefühl an der Basis vertiefen, dass Trump ihre Anliegen ignoriert, könnten die Folgen für ihn gravierend sein. Trump könnte noch vor den Zwischenwahlen in eine Legitimitätskrise geraten. Wenngleich er eine solche Entwicklung politisch überleben kann, würde der Vertrauensverlust der eigenen Bewegung seine Handlungsfähigkeit einschränken. Die bevorstehende Abstimmung im Kongress über die Epstein-Akten könnte zu einem solchen Wendepunkt werden. Sollte die Forderung nach Veröffentlichung durchkommen, muss Trump sich entscheiden: Transparenz zulassen oder sich gegen Teile der eigenen, inzwischen schon mehrfach aufgebrachten Partei stellen. Beides birgt politischen Sprengstoff für ihn. Am Ende dieser Auseinandersetzungen steht die Frage: Wer folgt dereinst auf Donald Trump?