23 years and 336 days of hurt ...
In meiner Altherrenmannschaft pflegte der Kapitän bei der Vorbesprechung über den nächsten Gegner zu sagen: “Da sind wir früher mit 9 Mann hingefahren.” Das war natürlich despektierlich gemeint und sollte uns zuversichtlich stimmen. Ich weiß nicht, ob sich ein solcher Versuch in der Kabine der Borussen als tauglich erweisen würde. Schließlich hat die Borussia in Freiburg zumeist so gespielt, als ob sie mit 9 Mann hingefahren wäre.
Es gibt sicherlich Gegner, die mehr Vorfreude auslösen, als der bei der Reise in den Breisgau. Also eigentlich so ziemlich alle, wenn man es genau nimmt. Lange Zeit dachte man, die chronische Erfolglosigkeit dort läge an den Besonderheiten des Platzes. Das Dreisamstadion hatte schließlich ein Gefälle (etwa 1 m Höhenunterschied von der einen Seite zur anderen, damit jetzt keiner den Artikel verlassen muss, um das zu googeln) und wirkte irgendwie breiter als bei Stadien üblich, was aber daran lag, dass die Spielfläche vor allem zu kurz war (googelt doch selbst).
Eine weitere Besonderheit war, dass die verächtlich als „Studentenpublikum“ betitelte Anhängerschaft beeindruckend oft in der Lage war, regelmäßig bei den nichtigsten Anlässen eine schöne Grundempörtheit zu kreieren, die so manchen Unparteiischen ungut beeinflusste. So zum Beispiel in den Anfängen des VAR, als ein gewisser Petersen einen Lufthauch spürte und sich auf Verdacht mal fallen ließ, worauf es mit einer immensen Verzögerung einen völlig lachhaften Strafstoß gab. Zum Glück wird das mit dem VAR ja mittlerweile viel besser gehandhabt und solch zweifelhafte Entscheidungen gibt es quasi gar nicht mehr.
Als man in Freiburg der Moderne Tribut zollen und das Dreisamstadion durch einen 08/15-Bau ersetzen musste, hatten nicht wenige die Hoffnung, dass es jetzt mit dem Freiburgfluch ein Ende finden könnte. Tatsächlich hat man seit dem Umzug eine beeindruckende Anzahl an Unentschieden dort vorzuweisen, wartet aber stadionübergreifend weiterhin seit nunmehr 23 Jahren und 334 Tagen auf einen Auswärtssieg (nebenbei weiterhin der einzige dort in der Bundesliga), so dass man nicht nur von einer gefühlten Erfolglosigkeit sprechen muss. Oder, um ein anderes Bild zu finden: es sind schon Kinder mit dem Studium fertig(!), die noch nie einen Auswärtssieg von Borussia Mönchengladbach in Freiburg gesehen haben.
Was stimmt nun optimistisch, dass sich das am Sonntag ändern könnte? Sind wir ehrlich, gar nicht mal so wahnsinnig viel. Der letzte Auswärtsauftritt in Frankfurt wird ziemlich genau seit dem 1:0 dort quasi minütlich schlechter gesehen. Während die Statistiken (okay, mit Ausnahme der entscheidenden mit diesen Toren) einen akzeptablen Auswärtsauftritt auswiesen und während des Spiels viele positive Dinge wahrgenommen werden konnten (und ja auch ihren Weg in unseren Nachbericht zum Spiel fanden), hat sich die Stimmung im Nachgang in Borussias Fanschar vernehmlich verdunkelt. Selbst der Trainer wird vielerorts nicht nur hinter vorgehaltener Hand schon wieder angezählt und steht dem Vernehmen nach (also dem Vernehmen aus manchen Kreisen) schon wieder kurz vor der Ablösung. Befeuert durch einen interessanten Statistikauswertungsartikel im Fachblatt „kicker“, der nachwies, dass Ex-Trainer Seoane bessere Ergebnisse vorzuweisen habe als Eugen Polanski. Mit „interessant“ ist hier gemeint, mit welchen Methoden man sich in Nürnberg das Zeilenhonorar verdient. Ich würde bei Gelegenheit mit den Verantwortlichen gerne diskutieren, ob das letzte halbe Jahr unter Seoane wirklich besser war als das halbe Jahr unter Polanski. Und wie das mit dem Vergleichen von Äpfeln und Birnen noch einmal genau war.
Aber trotzdem, die Lage ist höchst angespannt, die Rückkehr der langzeitverletzten Leistungsträger, die mal für Ende Januar angekündigt worden war, ist maximal am Horizont in Sicht, und nun fällt gesperrt nach der 5. gelben Karte der Saison auch noch der Interimskapitän aus. Das ist zunächst einmal eine Schwächung, auch wenn sich so mancher denken wird, dass Rocco Reitz eine Pause vielleicht einmal ganz guttut. Zu sehr lastet offensichtlich die mit dem Amt verbundene Bürde auf ihm. Oder, wohlwollender formuliert: Hier hat ein immer noch sehr junger Spieler das Gefühl, dass er eine ganze, nicht so ganz ausgewogen zusammengestellte Mannschaft tragen zu müssen, und beraubt sich mit dieser Last einiger seiner Stärken. Dass er dennoch weiterhin zumindest passable Leistungen zeigte, ist ihm um so höher anzurechnen. Und deshalb steht zu befürchten, dass man ihn bei der Aufgabe in Freiburg dann doch vermissen wird. Eugen Polanski wies auf der Pressekonferenz am Freitagmittag den Gedanken, Reitz könnte das Kapitänsamt belasten, sowieso gänzlich zurück.
Zurückkehren kann nach abgesessener Sperre Kevin Diks und damit wird im Abwehrverbund mehr Spielraum geboten. Denkbar wäre natürlich, dass Takai trotz seines Blackouts am Wochenende in der Innenverteidigung verbleibt und Sander auf Reitz‘ Position nach vorne rückt. Eugen Polanski ließ sich aber diesbezüglich nicht in die Karten schauen. Auf den Flügeln wären viele interessante Experimente denkbar (Bolin oder gar Moyat von Anfang an), irgendwie scheint Polanski aber nicht der Typ für solche zu sein und gerade gegen Freiburg kann man wohl erwarten, dass er vermutlich nicht zu viel ändern wollen wird.
Zum Gegner gibt es nicht viel Spannendes zu berichten, was durchaus als Kompliment zu verstehen ist. Solidität ist nun einmal nicht sexy, aber erfolgreich. Die Knallernachricht der Woche aus dem Schwarzwald war, dass man mit der Firma „Lexware“ einen neuen Hauptsponsor gefunden hat, der zur neuen Saison den bisherigen Werbepartner „Jobrad“ (auch kein Sexgott) ablöst. Unter der Woche hatte man spielfrei, weil man sich einfach mal eben direkt für die Hauptrunde im UEFA-Pokal qualifiziert hat und keine Extrarunde drehen muss. Im DFB-Pokal steht man schon im Halbfinale und der in der Bundesliga nach zuletzt durchwachsenen Ergebnissen in Lauerstellung auf Platz 8 mit Anschluss nach oben. Wenn man das so schreibt, tut es schon weh, wie weit ein Verein wie der SC Freiburg eine Borussia mittlerweile hinter sich gelassen hat. Solidität ist nicht sexy, aber erfolgreich.
Personell fallen bei den Freiburgern mit Rosenfelder, Kübler und Lienhart verletzungsbedingt gleich drei potentielle Startelfkandidaten in der Defensive aus. Weiter vorne fehlt Manzambi schon zum zweiten Mal in dieser Saison wegen einer roten Karte, ansonsten kann Trainer Schuster aus dem Vollen schöpfen und darf diesmal auch wieder nach abgesessener Tribünenstrafe wieder an der Seitenlinie stehen. Freiburg steht in der Fairnesstabelle kurz vor einem Abstiegsplatz, das lässt auch nicht vermuten, dass sie es mit Borussia (Platz 2 in derselben Tabelle) allzu sanft angehen lassen werden. Man hat auch hier eine Ahnung, wem das zugutekommen wird.
Alles zusammen gibt es nicht so richtig viel Anlass für Hoffnung für das Spiel am Sonntag. Erst eine Heimniederlage für Freiburg in der Saison (am 1. Spieltag gegen Wundertrainer Sandro Wagner), dazu die Erfolglosserie der Borussia, und trotzdem sprach Rouven Schröder am Freitag davon, dass man dort drei Punkte mitnehmen wolle. Er hat ja recht, darum geht es am langen Ende ein Stück weit (i.m.M.E.). Und nicht zuletzt deshalb ist es eine ganz gute Idee, nicht nur zu neunt in den Breisgau zu fahren.
SEITENWAHL-Prognose
Michael Heinen: Funfact: Borussia hat nur eine der letzten 5 Partien in Freiburg verloren. Am Sonntag kommt leider eine weitere Niederlage hinzu durch ein unglückliches 0:1.
Christian Spoo: Die Talfahrt geht weiter. Eine durchwachsene Leistung ist zu wenig, um in Freiburg zu bestehen. Nach der 0:2-Niederlage wird Eugen Polanski zumindest medial angezählt.
Mike Lukanz: Es ist Freiburg. Warum tippen wir da noch, warum fahren wir da überhaupt hin? 0:3 aus Gladbacher Sicht.
Claus-Dieter Mayer: Freiburg ist auch nicht mehr das, was es mal war. Eine engagierte und konzentrierte Borussia verhindert einen erneuten BreisGAU und gewinnt allen Statistiken zum Trotz mit 2:1.
Michael Oehm: Am Sonntag sind es 23 Jahre und 336 Tage. Und das Warten geht weiter. 2:2.
