Bundestrainer Julian Nagelsmann nominiert Leroy Sané – und sendet dem Ex-Bayern-Star damit ein Zeichen, meint t-online-Kolumnist Stefan Effenberg. Eine andere Berufung überrascht ihn dagegen. 26 Spieler hat Bundestrainer Julian Nagelsmann für die zwei anstehenden Länderspiele gegen die Schweiz und Ghana kommende Woche nominiert, es geht auf die Zielgeraden Richtung WM in den USA, Kanada und Mexiko. Der Kader, mit dem Deutschland beim Turnier im Sommer im besten Fall um den Titel mitspielen will, nimmt immer weiter Form an. Ich erwarte, in diesen beiden Spielen schon das Gesicht dieser Mannschaft sehen zu können, denn das sind zwei echte Härtetests und die letzten wirklich großen Prüfungen vor Turnierbeginn. Der große Shootingstar dieser Saison steht nun vor seinen ersten Länderspielen für die DFB-Elf – denn Nagelsmann hat den 18-jährigen Lennart Karl vom FC Bayern in sein Aufgebot für die beiden Partien berufen. Und das völlig verdient, auch wenn er zuletzt einen kleinen Durchhänger hatte. Das muss man einem Teenager wie Karl aber auch zugestehen – und nicht vergessen: Natürlich setzt Bayern-Trainer Vincent Kompany in den wichtigen Spielern weiterhin zuerst auf Luis Díaz und Michael Olise auf den Außenpositionen, solange sie nicht verletzt oder gesperrt sind, da bleibt Karl – noch – nur der Platz auf der Bank. Aber: Trotzdem bekommt er seine Einsatzzeiten und hat sie in dieser Saison mehr als einmal genutzt, um aufzufallen. Noch nicht richtig auffallen konnte in dieser Saison Karls Teamkollege Jamal Musiala , der es gerade erst von seiner schweren Verletzung aus der Klub-WM im Sommer zurückgeschafft hatte. Nun gab es einen kleinen Rückschlag für ihn mit einer erneuten Blessur. Daher ist es absolut richtig und logisch von Nagelsmann, dass er ihn nicht nominiert hat und ihm in Abstimmung mit den Bayern eine Pause gönnt. Am Ende blieb ihm auch keine andere Wahl – denn natürlich will Nagelsmann Musiala bei vollen Kräften und vollem Leistungsvermögen zur WM mitnehmen. Dies zu erreichen, dafür hat Musiala jetzt in den kommenden Wochen bei den Bayern Zeit. Urbig hat einen Vorteil vor Atubolu und Dahmen Viel wird auch aus der Nominierung von Jonas Urbig gemacht, der junge Bayern-Torwart ist ebenfalls das erste Mal bei der A-Nationalmannschaft dabei. Aber ich muss sagen: Das ist alles andere als eine Überraschung. Denn Urbig macht für sein junges Alter von gerade einmal 22 Jahren schon sehr wenige Fehler, konnte dazu – natürlich bedingt durch die Verletzungspausen von Manuel Neuer – schon weitere Spielpraxis beim FC Bayern sammeln, und das auch auf höchstem Niveau in der Champions League . Gerade das macht dann den Unterschied zu Torhütern wie Noah Atubolu vom SC Freiburg oder Finn Dahmen vom FC Augsburg aus. "Wir haben uns für Jonas entschieden, weil er jetzt 25 Spiele für so einen großen Klub gemacht hat, das ist für das Alter außergewöhnlich", erklärte Nagelsmann folgerichtig bei der Pressekonferenz zur Kadernominierung. Und sagte weiter: "Er hat eine große Perspektive im deutschen Fußball" – er wird schließlich auch erkannt haben: Wenn alles so weiterläuft, wird Urbig irgendwann Neuer als Stammtorwart bei den Bayern ersetzen – und ist dann auch ein Kandidat, wenn der bald 36-jährige Oliver Baumann in der DFB-Elf Schluss macht. Sané? Das ist nur Durchschnitt Weitaus unsicherer sind die Aussichten für einen ehemaligen Teamkollegen von Urbig beim FC Bayern: Denn zwar ist Leroy Sané nun wieder mit dabei im Kreis der Nationalmannschaft – aber unter welchen Bedingungen? Sie erinnern sich, wie Nagelsmann nach dessen Wechsel vom FC Bayern zu Galatasaray in die Türkei die Wettbewerbsfähigkeit der dortigen Liga infrage stellte und starke Leistungen von Sané einforderte? Ein gutes Dreivierteljahr später spielt Sané in Istanbul eine Saison, wie man sie von ihm auch schon aus Zeiten bei den Bayern kannte: Wechselhaft, mit Höhen und Tiefen und vor allem nicht immer konstanten Leistungen. 21 Einsätze, 6 Tore, 4 Vorlagen in der Süper Lig – das ist nur Durchschnitt, so deutlich muss man das sagen. Aber für mich ist klar, was Nagelsmanns Plan mit Sané ist: Er wird ihn jetzt bei diesen Länderspielen gegen die Schweiz und Ghana genau beobachten und dann seine endgültige Entscheidung treffen. Denn tatsächlich ist Sané längst nicht mehr gesetzt in der deutschen Nationalmannschaft, sondern nur noch ein Wackelkandidat. Und Sané wird auch selbst wissen: Das ist vielleicht sogar seine letzte Chance, mit der DFB-Elf an einem großen Turnier teilzunehmen – sein selbst erklärtes großes Ziel. Und daraus muss er jetzt unbedingt seine Motivation ziehen. Wann, wenn nicht jetzt endlich? Sané ist 30 Jahre alt, die Zeit wird langsam knapp. Deshalb muss er jetzt kämpfen – sonst ist es zu spät. Stiller ist ein absoluter Härtefall Einer, der sich seine Nominierung dagegen voll verdient hat, ist Deniz Undav . Nagelsmann hat auf der Pressekonferenz zur Kadernominierung klargestellt, dass das Verhältnis zum Stuttgarter Stürmer absolut intakt sei, nachdem es zuletzt Diskussionen um ein Undav-Interview gegeben hatte, in dem er dem Bundestrainer mangelnde Kommunikation vorgeworfen hatte. Undavs besondere Qualität ist, dass er entscheidende Tore macht, extrem wichtige Tore, nicht nur Treffer zum 4:0 oder 5:0. Wie in der Bundesliga-Hinrunde, als er beim 3:3 bei Borussia Dortmund alle drei Stuttgarter Treffer erzielte, unter anderem kurz vor Schluss das Tor zum Endstand. Beim 4:1 in Leverkusen bereitete er erst zwei Tore vor und traf dann noch selbst. Zuletzt wurde er beim 1:0 gegen RB Leipzig Matchwinner für den VfB. "Einen Stürmer mit der Quote kann man nicht zu Hause lassen", lobte Nagelsmann nun – und hat natürlich völlig recht. Ein Stuttgarter Teamkollege von Undav ist derweil erneut nicht dabei. Und diese Nicht-Nominierung tut mir persönlich wirklich weh. Denn Angelo Stiller ist beim VfB absolut gesetzt, Führungsspieler im Mittelfeld, bringt sowohl in der Bundesliga als auch in Europa konstant seine Leistung – ist aber trotzdem nicht dabei. Mit Bayerns Aleksandar Pavlović habe er laut Nagelsmann einen Konkurrenten, den er aktuell noch einen Tick weiter vorn sehe. Das ist schade für Stiller, der da ein absoluter Härtefall ist. Ich bin mir sicher, dass diese Entscheidung dem Bundestrainer nicht leicht gefallen ist. El Mala wird überlegen Die Nominierung von Pascal Groß hat mich dagegen überrascht, auch wenn ihm der Wechsel zurück nach Brighton sichtlich gutgetan hat. Dort ist er seitdem in jedem Spiel zum Einsatz gekommen, hat nur zwei Partien nicht über die volle Distanz absolviert. Trotzdem hätte ich nicht erwartet, dass Nagelsmann ihn nun zurückholt, nachdem er für die vergangenen vier Länderspiele Ende des letzten Jahres nicht mehr berücksichtigt worden war. Aber der Bundestrainer hat genau erklärt, was er an ihm so schätzt: Groß ist ein absoluter Teamplayer und ist sich nicht zu schade, einen Platz in der zweiten Reihe einzunehmen – das ist gerade für ein Turnier über mehrere Wochen enorm wichtig. Da braucht es Spieler solchen Charakters, um das Mannschaftsgefüge zusammenzuhalten. Auch Kevin Schade hat sich die Nominierung verdient. 7 Tore und 3 Vorlagen in 27 Ligaspielen diese Saison – Schade ist mit ein Grund dafür, dass der kleine FC Brentford aktuell immerhin auf Platz sieben der Premier League steht. Mit seiner Schnelligkeit, seiner Unbekümmertheit kann er auch mal den kleinen Unterschied ausmachen – und hat im Vergleich zu Saïd El Mala, der wie er hauptsächlich als Linksaußen spielt, den Erfahrungsvorteil klar auf seiner Seite. Das wird bei Nagelsmann nämlich den Ausschlag gegeben haben, auf El Mala zu verzichten. Der wird sich nun weiter überlegen: Was muss ich machen, um es in den Kader zu schaffen? Und da wird es zwangsläufig darauf hinauslaufen, dass er den 1. FC Köln verlassen muss. Ich bin dafür: El Mala sollte eher früher als später wechseln. Wenn er nun die Gelegenheit hat, in die Premier League zu gehen, wie spekuliert wird, dann muss er sie auch wahrnehmen. Er braucht ein anderes Blickfeld als den Abstiegskampf in der Bundesliga, um sich weiterzuentwickeln – und langfristig dann auch zum deutschen Nationalspieler zu werden.