Erdbebenkatastrophe: Suche nach Vermissten in Venezuela läuft unter Hochdruck
Zehntausende gelten nach den schweren Erdbeben in Venezuela als vermisst. Die Suche läuft weiter, während die Chancen für Überlebende unter den Trümmern mit jeder Stunde sinken.
Am dritten Tag nach den verheerenden Erdbeben ist der Verbleib von Zehntausenden Menschen in Venezuela weiterhin unklar. Die Zahl der Toten lag weiterhin bei mindestens 920, mehr als 3000 Menschen wurden verletzt. Befürchtet wird weiter, dass Tausende Menschen unter Trümmern eingeschlossen sein könnten.
Angesichts der katastrophalen Lage hat Venezuelas geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez an den Zusammenhalt der Bevölkerung appelliert. „Ein Land wird in großen Krisen geformt, und eine dieser großen Krisen ist die, die das venezolanische Volk heute durchmacht - eine wahrlich schmerzhafte Situation für unsere Nation“, erklärte Rodríguez in einer Ansprache am frühen Samstagmorgen (Ortszeit).
Viele Häuser unbewohnbar
Viele Anwohner in den betroffenen Regionen haben am dritten Tag nach den Beben kein festes Dach über dem Kopf. Man begleite die Familien, die wegen bestehender Risiken und Schäden nicht in ihr Zuhause zurückkehren könnten, erklärte Rodríguez auf X. „Wir haben provisorische Unterkünfte und die notwendige umfassende Betreuung bereitgestellt, um jede Familie zu schützen.“
Besonders im Bundesstaat La Guaia, aber auch in der Hauptstadt Caracas hatten die Beben der Stärke 7,2 und 7,5 am Mittwoch erhebliche Zerstörung verursacht, teils wurden ganze Straßenzüge von Hochhäusern dem Erdboden gleichgemacht. Mehr als 380 Wohnhäuser sowie 13 Krankenhäuser wurden nach Angaben der Präsidentin zerstört oder schwer beschädigt. Auch Einkaufszentren und andere öffentliche Gebäude seien eingestürzt.
Der Verbleib von vielen Menschen ist völlig unklar, Angehörige können sich oft nicht erreichen - noch immer Strom und Mobilfunknetz nicht flächendeckend wiederhergestellt.
Verzweifelte Suche nach Vermissten und Verschütteten
Doch ein genauer Überblick darüber, wer wirklich fehlt, ist schwer zu bekommen. Auf einem eigens für die Suche nach Vermissten eingerichteten Internetportal gelten nach Angaben der Betreiber derzeit mehr als 54.000 Menschen als vermisst. Auf der inoffiziellen Plattform können Angehörige und Bekannte Fotos zusammen mit weiteren Informationen hochladen. Die Angaben lassen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen.
Derweil schließt sich allmählich das kritische Zeitfenster, um noch Überlebende zu finden. Experten gehen davon aus, dass die Chancen der Vermissten und Verschütteten nach 72 Stunden stark sinken.
Die Suche in Schutt und Trümmern wird entsprechend unermüdlich unter schwierigen Bedingungen fortgesetzt. Allerorts beteiligen sich Anwohner und freiwillige Helfer neben den professionellen Einsatzkräften.
Im Internet geteilte Aufnahmen von erfolgreichen Rettungen Verschütteter bewahren die Hoffnungen auf kleine Wunder inmitten der Katastrophe: In sozialen Medien wurden freiwillige Helfer gefeiert, die mit einer improvisierten Fassung eines venezolanischen Weihnachtslieds auf den Lippen zum Einsatz schritten. Vielfach geteilt wurden auch Videos der erfolgreichen Rettungen durch Border Collie „Tsunami“, der als einer der wenigen Rettungshunde Venezuelas eine Spezialausbildung darin besitzt, Menschen in schwer zugänglichen Gebieten aufzuspüren.
Hilfe trifft ein - auch aus Deutschland
Inzwischen ist auch internationale Hilfe in Venezuela angelangt. Rettungskräfte aus vielen Ländern beteiligten sich mit Spezialgerätschaften und Suchhunden. Auch ein 48-köpfiges Team des Technischen Hilfswerks (THW) ist in Venezuela eingetroffen. Man sei in der Nacht am Flughafen Caracas gelandet und beginne nun gemeinsam mit internationalen Partnern mit der Lageerkundung, teilte das THW mit. Ziel sei, so schnell wie möglich mit der Suche nach Vermissten zu beginnen. Dies sei allerdings ein „Wettlauf gegen die Zeit“.
Auch dringend benötigte Hilfsgüter gelangen ins Land. In Zusammenarbeit mit dem Kolumbianischen Roten Kreuz würden Materialien derzeit über die Grenze ins Nachbarland Venezuela transportiert, um das dortige Rote Kreuz zu unterstützen, teilte etwa das Deutsche Rote Kreuz mit.
Geliefert würden unter anderem Erste-Hilfe-Materialien, Traumakits, medizinische Verbrauchsgüter sowie Funk- und Telekommunikationstechnik. Auch Ausrüstung und Kleidung für die Helfer sei dabei. Dem DRK zufolge stammen die Güter aus einem Vorrat, der in der Grenzregion zwischen Kolumbien und Venezuela lagerte, und deshalb umgehend eingesetzt werden könne. „Solche Investitionen in die Katastrophenvorsorge zahlen sich im Ernstfall aus“, erklärte DRK-Generalsekretär Christian Reuter. Unterstützung für das Unterfangen komme sowohl von der EU als auch dem Auswärtigen Amt.
Weitere deutsche Hilfsorganisationen riefen zu Spenden auf, um mit Verbänden vor Ort Soforthilfe für die betroffene Bevölkerung leisten zu können. Die Nothilfe für die Überlebenden umfasse Lebensmittel, Wasser, Medikamente, Hygieneartikel und Kleidung, schrieb zum Beispiel die Frankfurter Organisation medico international.
Nachbeben erschweren Rettungsarbeiten
Die schwere Zerstörung an der Infrastruktur des Landes wie Flughäfen und Straßen stellten eine zusätzliche Herausforderung dar, Hilfslieferungen und schwere Gerätschaften für die Suche nach Verschütteten in die betroffenen Gegenden zu bringen. Zudem erschütterten seit Mittwoch mehr als 300 kleinere Nachbeben die Region.
Bei Beben von solch erheblicher Stärke könne es drei bis sechs Monate dauern, bis die seismische Aktivität in der Region nachlasse, erläuterte der venezolanische Geologe Franck Audemard dem Portal „TalCual“. Der Experte merkte an, dass unter den eingestürzten Gebäuden - besonders im Großraum Caracas und La Guaira - Hochhäuser waren, deren Bau eigentlich strenge Erdbeben-Sicherheitsstandards hätte erfüllen müssen und die selbst bei einer Bebenstärke von 7,5 nicht hätten kollabieren dürfen. „Das bedeutet, dass die Vorschriften für erdbebensicheres Bauen nicht eingehalten wurden“, schlussfolgerte Audemard.
Im besonders schwer betroffenen Bundesstaat La Guaira haben Venezuelas Streitkräfte die Kontrolle übernommen und die Zufahrtsstraßen in die Region abgesperrt. Damit will die Regierung in Caracas verhindern, dass Menschen unnötig dorthin reisen.
Britischer König sendet Anteilnahme
Präsidentin Rodríguez bedankte sich bei allen Helfern und Rettungskräften des Landes für den unermüdlichen Einsatz sowie für die eintreffende internationale Hilfe und Anteilnahme aus dem Ausland. Explizit dankte sie auf der Plattform X der US-Regierung von Präsident Donald Trump für die Entsendung von Rettungskräften, Ausrüstung und humanitäre Hilfe. „Wir sind zutiefst dankbar für diese Geste der Freundschaft und Zusammenarbeit“, schrieb die Staatschefin.
Rodríguez hat als einstige Stellvertreterin des langjährigen Machthabers Nicolás Maduro die Regierungsgeschäfte Venezuelas inne, seit das US-Militär Maduro in Caracas im Januar gefangen nahm, um ihn wegen Drogendelikten in den USA vor Gericht zu stellen.
Neben Hilfe erreichte Venezuela auch international große Anteilnahme unter anderem aus Großbritannien. Der britische König Charles III. zeigte sich von der Katastrophe tief betroffen. Er und Königin Camilla, „bewundern zutiefst die Widerstandsfähigkeit und Kraft des venezolanischen Volkes und senden aus tiefstem Herzen unser Beileid an alle, die von dieser furchtbaren Tragödie betroffen sind“, schrieb Charles in einer Mitteilung.
