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Jason Ardays Fall als Cambridge-Professor: So täuschen uns Hochstapler

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Immer wieder schaffen es scheinbar außergewöhnliche Menschen, die Öffentlichkeit zu täuschen. Warum Geschichten geglaubt werden, die zu schön sind, um wahr zu sein. Seine Lehrveranstaltungen sind pausiert, den Lehrstuhl an der Universität Cambridge gibt er auf, die Präsentation seiner in gewissen Kreisen sehnsüchtig erwarteten Autobiografie ist abgesagt. Jason Arday, Shootingstar der britischen Soziologie, ist in den vergangenen Tagen tief gestürzt: Seinen Lebenslauf soll er erfunden, seine Doktorarbeit zu großen Teilen abgeschrieben, einige seiner angeblichen Bücher nie veröffentlicht haben. Erstaunlich ist nicht nur, dass es einem offensichtlichen Hochstapler immerhin vier Jahre gelingen konnte, als Mitglied der Fakultät ein akademisches Leben zu führen, Vorträge zu halten, wissenschaftliche Konferenzen zu besuchen und Studierende auszubilden. Nahezu unglaublich ist, dass ihm niemand auf die Schliche kam – oder auf die Schliche kommen wollte. Edelhotel "Adlon" vor Verkauf: Der Kaufpreis verrät viel Die Wirtschaftsweise: Alle Kolumnen von Ursula Weidenfeld Umbruchphasen sind ideale Zeiten für Hochstapler. Wenn alte Maßstäbe verblassen und neue noch nicht existieren, wächst das Feld des Ungefähren. Wo etablierte Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren, muss das Publikum glauben, wo es früher prüfen konnte. Wenn es noch keinen Bestand an gesichertem Wissen gibt, haben Betrüger es leicht. Das ist nicht nur in der Rassismusforschung so. Es trifft auch für neue Kommunikationsmedien und für Zukunftstechnologien zu. Geschichte zu schön, um wahr zu sein Jason Arday scheint gleichzeitig Opfer und Akteur seines eigenen Skandals gewesen zu sein. Er hatte sich einen Lebenslauf zugelegt, der allen wohltat: ihm selbst, dem Kind ghanaischer Einwanderer in London , das trotz seiner Handicaps – als Autist habe er erst mit elf Jahren sprechen und mit 18 lesen und schreiben gelernt – als Akademiker, Lehrer und Aktivist gegen Rassismus reüssierte. Der britischen Gesellschaft, die in der wunderbaren Aufsteigergeschichte die Bestätigung für ihre Wandlungsbereitschaft erkannte. Der Universität Cambridge, die den jüngsten schwarzen Professor ihrer Geschichte beschäftigte und so ihre Modernität bewies. Den Bürgerrechtlern und Aktivisten, die endlich ein prominentes Aushängeschild für ihre wichtige Arbeit bekamen. Geschichten, die zu schön sind, um wahr zu sein, werden in bestimmten Konstellationen besonders gerne geglaubt. Die Protagonisten haben einen ungewöhnlichen Werdegang, sie bewegen sich in Kreisen, die ihnen eigentlich fremd sind. Das Umfeld entwickelt sich gerade dynamisch, es gibt kaum etablierte Standards. Anna Sorokin und Elizabeth Holmes gelang Ähnliches Anna Sorokin beispielsweise, eine junge Deutsch-Russin aus Eschweiler, erzählte ihren neuen New Yorker Freunden zwischen 2013 und 2017, sie sei eine reiche Erbin, interessiere sich für Mode, Kunst und die Gründung einer Stiftung. Jahrelang lebte sie auf Kredit, der ihr von gutgläubigen Bekannten, Banken, Hotels, Luxusboutiquen und Privatjet-Firmen eingeräumt wurde. Sie fälschte Urkunden, zahlte Rechnungen nicht, nutzte falsche Kreditkartennummern. Und ihre Social-Media-Profile halfen beim Betrug: Wer fragt schon nach einem Ausweis, wer prüft einen Lebenslauf, wenn die betreffende Person schon offensichtlich Teil der Welt ist, in die sie aufsteigen will? Oder Elizabeth Holmes. In der rasanten Entwicklungsphase der Biotechnologie in den 2010er-Jahren hielt die Welt nahezu alles für möglich, was in einem Labor sequenziert, analysiert oder ausgewertet werden konnte. Eine komplett neue Technologie für Bluttests versprach die Silicon-Valley-Gründerin Holmes. Nur einen Tropfen brauche man in ihrem Unternehmen Theranos für Laboruntersuchungen aller Art, anstatt wie bisher Röhrchen voll Blut abzuzapfen, um aussagefähige Analysen machen zu können. Die Geschichte klang so überzeugend, dass Holmes 2015 vom "Time"-Magazin zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt gezählt wurde. Biotechnologie! Endlich wieder ein Unternehmen, das das Zeug hätte, das neue Apple zu werden! Eine Frau als Gründerin! Leider stimmte die Story nicht. Die Sache flog auf, die Firma ging pleite, die Investoren verklagten sie wegen Betrugs, Holmes musste ins Gefängnis. Wie konnte der Fall Arday passieren? Im Nachhinein fragt man sich in allen Fällen, wie sie überhaupt passieren konnten. Wie gelang es ausgerechnet diesen Personen, die Welt an der Nase herumzuführen? Warum war das Publikum so naiv, dass niemand zweifelte und prüfte? Sie waren wahrscheinlich deshalb so überzeugend, weil sie zumindest zeitweise selbst an ihre Erzählung glaubten. Arday nützte der Ehrgeiz des weißen britischen Elite-Akademikertums, unbedingt einen Integrationserfolg nachweisen zu können. Holmes profitierte von der Sehnsucht des Silicon Valley nach einer neuen fabelhaften Unternehmerpersönlichkeit. Sorokin lebte von der Eitelkeit des New Yorker Society-Biotops, einen neuen Star hervorzubringen. Hochstapler sind nie nur sie selbst. Sie sind ein Spiegel der Welt, der sie ihre Geschichten auftischen.














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