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Selfies, Eis und Feuerwehr: So setzt sich Innenminister Dobrindt in Szene

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Alexander Dobrindt gibt sich auf seiner Sommertour bürgernah: Der Innenminister macht Selfies, löffelt Pfirsich-Eis und löscht Feuer. In Berlin zeigt der Mann oft ein anderes Gesicht. Alexander Dobrindt zieht sich eine Feuerwehrjacke über. Den passenden Helm hält er in der Hand. Auch Handschuhe liegen bereit. Der Bundesinnenminister ist zu Besuch bei der Feuerwehr in Eisenach. Hier in Thüringen soll er gleich selbst zeigen, was er kann. Die Feuerwehrleute haben mit Holzpaletten ein kleines Haus nachgebaut – und in Brand gesetzt. "Das ist wirklich wie in Berlin", sagt der CSU-Mann lachend. "Die anderen machen das Feuer und ich muss es löschen." Dobrindt, der Feuerlöscher. Das gefällt dem Minister. Es ist ein Auftritt, der viel über das Selbstverständnis des Ministers aussagt. Problemlöser. Krisenmanager. Stratege. Dobrindt hält große Stücke auf sich selbst. Daraus macht er kein Geheimnis. Doch es ist nicht nur Dobrindts Eigenwahrnehmung. Der Ruf des smarten Vermittlers eilt ihm voraus. In dieser Woche war Merz' Mann für kniffelige Angelegenheiten auf Sommerreise unterwegs: Wartburg, Feuerwehr, Bundespolizei: "Helden des Alltags" lautet der Titel von Dobrindts Reise nach Thüringen und Hessen. Begleitet wird der 56 Jahre alte Bayer von den großen Fragen, die Deutschland beschäftigen: Steckt Russland hinter dem Drohnenvorfall in Leipzig und verfügt Deutschland über die nötigen Fähigkeiten in einem hybrid geführten Krieg? Wie bereitet der Minister sich auf eine mögliche AfD-Alleinregierung nach der Wahl in Sachsen-Anhalt vor? Doch immer wieder geht es auch darum, welche Rolle Dobrindt in der krisengeschüttelten Koalition spielt. Der überzeugte Konservative, der stets ein Feindbild der politischen Linken war, hat sich in den vergangenen anderthalb Jahren das Image als zentraler Strippenzieher im Berliner Machtgefüge erarbeitet. Einerseits unnachgiebiger Hardliner, andererseits kluger Brückenbauer: Dobrindt ist ein Mann der Kontraste, hat zwei Gesichter, so scheint es. Der frühere CSU-Generalsekretär ist einer, der auf seinem Weg nach oben noch nicht am Ziel angekommen sein dürfte. "Jetzt lachen, in die Kamera schauen" Eisenach , Wartburg: Dobrindt beginnt seine Sommerreise, begleitet von einem Pressetross, am Symbol für Demokratie und Freiheit – Luther und die Reformation, das Wartburgfest. 1987 sei er schon mal hier gewesen, als Schüler, erzählt er, das Jackett betont lässig über der Schulter. Kein Zufall sei es, dass er in Zeiten der Polarisierung, in denen die Demokratie unter Druck stehe, nun wieder hier sei. "Das ist doch der Dobrindt", sagen einige Wartburg-Besucher beim Anblick des Ministers. Die Gruppe rund um Dobrindt – Journalisten, Personenschützer, sein Team – bewegt sich nur sehr langsam. Das liegt nicht an der Steigung auf dem Weg zur Burg, sondern an dem CSU-Politiker. Er steuert zielsicher auf eine Gruppe Seniorinnen zu, schüttelt ihnen die Hände. "Jetzt müssen wir auch ein Selfie machen", sagt er nach einem kurzen Gespräch. Er nimmt das Telefon einer der Damen und weist an: "Jetzt lachen, in die Kamera schauen." Keine 30 Sekunden später streichelt Dobrindt den Hund, der zu einer anderen kleinen Gruppe gehört, kniet sich zu dem Tier mit dem lockigen Fell auf den Boden. Auch hier wieder: Small Talk, Gelächter, ein Selfie. Ähnliche Szenen spielen sich am Abend auf dem Marktplatz in Eisenach ab. Es läuft laute Musik, Dutzende Menschen sitzen vor den Restaurants und Cafés, trinken Wein oder Bier. Mit dem Bundesinnenminister hat hier wohl kaum jemand gerechnet. Die Menschen beobachten den Mann, der in die Menge läuft, neugierig. Die AfD kam hier bei der Bundestagswahl auf rund 40 Prozent der Zweitstimmen, von Feindseligkeit gegenüber der Minister, der qua Amt mit etlichen Personenschützern unterwegs ist, ist nichts zu spüren. Dobrindt kommt mit einem Jungen ins Gespräch, kauft ihm und anderen Kindern Eis. Er selbst löffelt ein Pfirsich-Eis. Er gesellt sich an einen Tisch, an dem mehrere Frauen Aperol Spritz trinken. "Hallöchen Aperölchen" oder "Bin Auf Aperol Spritz Tour" steht auf ihren T-Shirts. Für das obligatorische Selfie mit der Gruppe leiht sich Dobrindt ein Glas Aperol zum Posieren, grinst in die Kamera. Die Stimmung ist ausgelassen. Im nächsten Moment sitzt der Minister inmitten einer Gruppe Jugendlicher, unterhält sich, lässt Getränke ausgeben, stößt zum Abschied mit ihnen an. Es ist Dobrindt selbst, der diese Gespräche aktiv sucht. Es ist eine Inszenierung, natürlich. Dobrindt ist Profi, er weiß, dass er von rund zwei Dutzend Journalisten genau beobachtet wird. Doch der 56-Jährige wirkt nicht wie einer, der sich zu den Gesprächen mit den Bürgerinnen und Bürgern überwinden muss. Dafür sind es zu viele Gespräche, zu viele Selfies, und noch eine Hand, die unbedingt geschüttelt werden muss. Der Law-and-Order-Minister Dobrindts nahbare Bürgershow steht im Gegensatz zu seinem Auftreten vor Kameras in Berlin . Dort gibt sich der Innenminister resolut, ernst, extrem selbstbewusst – bisweilen über den Dingen schwebend. Dort ist er in seiner Rolle als führungsstarker und entschlossener Innenminister. Auch die gefällt ihm offensichtlich. Als Bundesinnenminister inszenierte sich Dobrindt von Anfang an als Hardliner, vor allem in der Migrationspolitik. Er verstärkte und verlängerte die Grenzkontrollen , forcierte Abschiebungen nach Afghanistan und Syrien oder setzte den Familiennachzug aus. Seine rigorose und bisweilen kompromisslose Linie wurde auch deutlich, als er nach seinem Amtsantritt die Zurückweisung von Asylsuchenden bei Grenzkontrollen auf deutschem Gebiet anordnete. Als Gerichte dieses Vorgehen für rechtswidrig erklärten, hielt Dobrindts Ministerium unbeeindruckt weiter daran fest. Auch bei anderen Themen gibt er den harten Hund, den Law-and-Order-Minister. Dem Linksextremismus sagte er nach dem Anschlag auf das Stromnetz in Berlin Anfang des Jahres gleich mehrfach den Kampf an. Die tiefgreifende und viel kritisierte Reform der Nachrichtendienste, die Verfassungsschutz und BND erlauben soll, operativ einzugreifen, statt nur Daten zu sammeln, hat maßgeblich Dobrindt vorangetrieben. Gemeinsam mit Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) will Dobrindt außerdem zum Missfallen von Datenschützern die digitalen Befugnisse von Polizei und Ermittlungsbehörden erweitern. Geheimdienst-Reform: Das will Dobrindt nicht gelten lassen Doch dass Dobrindt ein Mann der Gegensätze ist, zeigt sich auch außerhalb des Scheinwerferlichts. Innerhalb der Regierung nimmt der CSU-Politiker eine entscheidende Scharnierfunktion ein, bereitet Koalitionsausschüsse und Kabinettsklausuren mit vor. Der Innenminister gilt deshalb als einer der mächtigsten Politiker innerhalb der Union. Nach Jens Spahns Leihmutter-Affäre wurde er als dessen Nachfolger als Fraktionsvorsitzender gehandelt. Dobrindt wird als einer geschätzt, der auch in festgefahrenen Verhandlungen Kompromisse schmieden kann. Dabei weiß der Anti-Sozialist nicht nur den Koalitionspartner SPD zu händeln, er hat auch wichtige Drähte in die Opposition. So ist er zum Beispiel mit der Fraktionschefin der Grünen, Katharina Dröge, im regelmäßigen wertschätzenden Austausch – obwohl die beiden politisch viel trennt. Als die Kanzlerwahl vergangenes Jahr im ersten Anlauf scheiterte, war es überraschenderweise Dobrindt, der Kontakt zu den Linken aufnahm. Denn Dobrindt ist nicht dafür bekannt, Grüne oder Linke mit Samthandschuhen anzupacken, ganz im Gegenteil. Im Bundestagswahlkampf war er beim Grünen-Bashing ganz vorn mit dabei. Der Konservative forderte einst ein Verbotsverfahren gegen die Linke. Eine Überwachung allein reiche nicht, argumentierte er damals. Steht er heute im Bundestag und muss in der Regierungsbefragung Rede und Antwort stehen, reagiert der Innenminister auf Kritik oft spöttisch oder herablassend. Auch bei etlichen oppositionellen Fachpolitikern genießt er keinen guten Ruf. Er sei jemand, der wenig Interesse an parlamentarischen Verfahren zeige, häufig mauere, heißt es dann. Hier steht er nicht im Verdacht, ein vermittelnder Moderator verschiedener Interessen zu sein. Dennoch pflegt der Stratege zu vielen wichtigen Playern im Parlament ein professionelles Verhältnis, auf das er in entscheidenden Momenten trotz politischer Gräben zurückgreifen kann. Zuckerbrot und Peitsche. Er weiß um seinen Ruf, ein Mensch mit mehreren Persönlichkeiten zu sein, die viele nicht zusammenbringen mögen. Knallharter Sheriff in einem Moment, ausgleichende Kraft im nächsten. Das dürfte ihm gefallen, macht es ihn doch schwer einschätzbar. Dobrindt, der Unerwartete. Guter Ruf trotz Maut-Fiasko Es ist auch ein unerwarteter Aufstieg, den Dobrindt zuletzt hingelegt hat. Zwar hat er in der CSU eine steile Karriere hingelegt. Lange wurde er aber vor allem mit dem Debakel um die Maut in Verbindung gebracht. Sie wurde von der CSU im Wahlkampf als "Ausländermaut" propagiert, Dobrindt sollte sie als Bundesverkehrsminister für seine Partei in Berlin umsetzen. Eine Maut gibt es heute nicht, sie ist gescheitert – das kostet die Steuerzahler allerdings Hunderte Millionen Euro. Dobrindts Nachfolger Andreas Scheuer muss sich gar wegen mutmaßlicher Falschaussage vor Gericht verantworten . Doch Dobrindt haftet das Debakel kaum noch an, wird immer mehr zur Fußnote in seiner Politkarriere. Der 1970 in Oberbayern geborene Dobrindt trat schon als Jugendlicher in die Junge Union ein, einige Jahre später dann in die CSU. Der Diplom-Soziologe engagierte sich in den 1990er-Jahren politisch auf lokaler Ebene und arbeitete sich in der Partei zielstrebig nach oben. Dobrindt zog 2002 in den Bundestag ein und wurde 2009 Generalsekretär der CSU unter dem damaligen Parteivorsitzenden Horst Seehofer . Rund vier Jahre später wurde er Bundesverkehrsminister. Bevor Bundeskanzler Friedrich Merz Dobrindt 2025 zum Bundesinnenminister machte, war der Politiker aus Bayern mehrere Jahre lang Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag – eine mächtige Rolle im Berliner Machtgefüge. Dobrindt weiß um seine Macht und seinen Einfluss. Ob Umgang mit dem schwächelnden Koalitionspartner SPD, Kampf gegen die AfD im Osten oder das Verkaufen politisch unliebsamer Kompromisse – der CSU-Politiker erweckt stets den Eindruck, auf alle Fragen die richtige Antwort zu haben. Wenn es doch nur alle so machen würden wie ich: Es ist diese Art einer nicht von Arroganz befreiten Attitüde, die Dobrindt oft ausstrahlt. Doch anders als Merz versprüht Dobrindt dabei keine bürgerferne Überheblichkeit und Realitätsferne, die dem Kanzler oft nachgesagt wird. Ob beim Termin bei der Feuerwehr oder der Bundespolizei Fuldatal in der Nähe von Kassel , der Minister schüttelt weiter unentwegt Hände. "Hab ich noch jemanden vergessen?", fragt er ein ums andere Mal. Beim gemeinsamen Mittagessen in der Einsatzküche der Bundespolizei, Geschnetzeltes mit Reis, mischt sich der Minister mühelos unter die Belegschaft. Vom Entschärfungsdienst lässt sich Dobrindt die Arbeit genauso geduldig bis ins kleinste Detail erklären wie von der Fliegerstaffel. Er spricht vom "unschätzbaren Einsatz" der Polizistinnen und Polizisten und bedankt sich mit "Vergelt’s Gott". Ganz der Bayer eben. Mit dem Innenministerium hat Dobrindt eines der mächtigsten Ressorts in der gesamten Regierung, glänzt in einem vergleichsweise schwachen Kabinett als Leistungsträger. In Berlin kann er im Moment wohl kaum mehr erreichen, vom Kanzleramt mal abgesehen. In München gilt Dobrindt hinter dem angeschlagenen Markus Söder als Nummer Zwei in der CSU. Sein Name fällt immer wieder als potenzieller Nachfolger, neben denen von Ilse Aigner und Manfred Weber. Anders als Weber allerdings stichelt Dobrindt nicht öffentlich gegen Söder, schweigt über eigene Karriereziele. Ganz der Stratege lässt Dobrindt sich nicht in die Karten schauen. Bei der Feuerwehr in Eisenach werden nach Dobrindts Löscheinsatz am Abend Bratwürste, Steak, Grillkäse und Salate serviert, von Melone mit Feta bis Nudeln mit Mayonnaise. Dobrindt sitzt in einer großen Halle gemeinsam mit anderen auf einer Bierbank, isst Nudelsalat und ein Würstchen. Plötzlich fiept es schrill. Einige Feuerwehrleute rennen sofort zu ihren Einsatzfahrzeugen. Als sich aber nicht alle rühren, wird ein Feuerwehrmann laut. In Sekundenschnelle ist die Halle leer gefegt, der Getränkestand verwaist, angebissene Steaks liegen auf zurückgelassenen Tellern. Den Einsatzkräften wurde ein brennender Zug gemeldet. Dobrindt sitzt vor seinem Teller und beißt unbeirrt in sein Würstchen. Ein echtes Feuer: Da kann der Bundesinnenminister, der gerade erst für die Kameras mit dem Wasserschlauch brennende Holzpaletten gelöscht hat, nicht helfen. Er bereitet sich lieber auf den nächsten Brand in Berlin vor.














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